Eine Rote Liste ist eine Aufzählung bedrohter Arten, die von der Erde und aus unserem Leben verschwunden sind oder verschwinden werden, wenn wir nicht sofort und mit großer Kraftanstrengung alles für ihre Erhaltung tun. Der WWF führt etwa den Blauwal, den Brillenbär und die Echte Bärentraube auf, der Autor und Entertainer Bastian Sick den Genitiv.

Der Genitiv, der zweite Fall oder Wes-Fall, ist nicht vom Klimawandel bedroht, sondern vom Dativ, dem dritten Fall. Sicks Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ klingt dramatisch wie ein „Tatort“-Reißer, wenn stilistisch auch ein wenig nach Klein Gustav. Doch damit lassen sich Bestseller-Listen stürmen und die Säle füllen. Wenn wir Deutschen aufgefordert werden, etwas zu retten, und sei es die Grammatik, dann strömen wir herbei mit dem Duden in der Hand und dem „Zauberberg“ im Sinn. Die Zielsetzung ist klar: Der Genitiv darf nicht sterben.

Ein besonders pralles Leben hat er nie geführt. Manche kennen ihn nur als Flexionsendung. Auch als Objekt, als Satzergänzung, führt er ein Nischendasein. Akkusativobjekte (Frage: wen oder was?) gibt es wie Sand am Meer, aber echte Genitivobjekte (Frage: wessen?) sind selten und werden immer weniger, sodass sie heute schon gestelzt klingen. Den Rest frisst der Dativ, da hat Bastian Sick recht. Verben wie „sich schämen“ („Der Schüler schämt sich seiner Fehler“) oder „bedürfen“ bedürfen des Genitivs als Ergänzung – in der Praxis aber vor allem das Verb „gedenken“.

Immer wenn ein Gedenktag naht, beschleicht mich eine Unruhe, ob auch im Genitiv gedacht werden wird. Wir gedenken nicht „ihm“, sondern „seiner“. Nach wie vor gibt es Grund zum Zusammenzucken, wenn aus dem Fernsehapparat tönt: Der Bundestag gedenkt „dem“ Fall der Mauer. Man merkte, dass die Sprecherin zögerte, aber sie bekam so schnell die Grammatik nicht auf die Reihe. Ich gedenke der Schlagzeile: Der Senat wird „dem“ Verkehr nicht Herr. Die Redaktion wurde dieses Dativs noch vor dem Andruck der Zeitung Herr, der Senat des Verkehrs allerdings bis heute nicht.

Präpositionen regieren einen bestimmten Kasus (Fall), die Präposition „wegen“ bekanntlich den Genitiv: „wegen des Regens, wegen der Getränke“. Das wissen wir, dabei bleiben wir, da sind wir eisern. Allerdings nagt auch hier der Dativ an der Hochsprache: „Wegen mir“ brauchst du nicht zu kommen. Wer heute richtigerweise sagen würde: „Wegen meiner“ brauchst du nicht zu kommen, riskierte, dass sein Gesprächspartner sich an die Stirn tippte. Aber wie wäre es mit „Meinetwegen brauchst du nicht zu kommen“? Korrekt und hochsprachlich.

Es gibt indes auch Fälle, bei denen „wegen“ mit Dativ richtig ist: „Wegen Geschäften“ war er in London. Oder „wegen Geschäfte“? Diese Beispiele sind am schwierigsten durchzusetzen. Kürzlich gebrauchte eine Leserin deshalb schlimme Ausdrücke und bescheinigte der gesamten Redaktion ein Sprachniveau weit unterhalb dessen von Lothar Matthäus. „Setzen Sie doch nur einen Artikel dazu, dann sehen Sie, dass der Genitiv stehen muss!“ Das Dumme ist nur: Es steht hier weder ein Artikel noch ein Attribut. In diesem Fall lautet die Regel: Ist bei stark flektierten Sub­stantiven im Plural der Genitiv nicht zu erkennen, muss mit dem Dativ verbunden werden: unbegleitet „wegen Geschäften“, begleitet aber „wegen der Geschäfte“ (Genitiv mit Artikel), „wegen dringender Geschäfte“ (mit Attribut). Auch im Singular gewinnt der Dativ immer häufiger an Boden. Ein Zettel an der Ladentür wie „Wegen Umbau geschlossen“ ohne Genitivendung gilt inzwischen als richtig.

Dem Genitiv geht es wie dem Seeadler. Auch der drohte auszusterben, aber es gibt ihn immer noch. Man muss den Restbestand nur konsequent schützen.