Worüber in Berliner Familien und Freundeskreisen an dem Wochenende der kalten, ungemütlichen Apriltage gesprochen worden ist, lässt sich nur vermuten. Vielleicht über Trump, Erdogan oder über Hertha BSC, dessen mühsames Gekraxel um einen Europaliga-Platz die Reputation der deutschen Hauptstadt nicht gerade verbessert. Aber es gab zumindest eine Runde, die sich im gehobenen Bereich zwischen der Philologie und Philosophie bewegte und die morphologischen und etymologischen Hintergründe so wichtiger Wörter wie „Unflat“ und „Ungetüm“ zu ergründen versuchte. Woher ich das weiß? Offenbar kamen die Teilnehmer zu keinem schlüssigen Ergebnis, sodass ein Hilfeersuchen in meinem Postfach landete. Gut, wenn sich eine Sprachauskunft zum Thema des Dienstags machen lässt, soll’s so sein.
Einigkeit herrschte bei der Erkenntnis, dass es sich bei un- um ein Präfix handelt, umgangssprachlich auch „Vorsilbe“ genannt. Dieses un-Präfix hat eine adversative Konsequenz, das heißt, es kehrt die Bedeutung des Stammwortes in sein Gegenteil: Aus Glück wird Un-glück, aus Sinn wird Un-sinn, aus schön wird un-schön, aus ruhig wird un-ruhig. Allerdings lässt sich das Positive jederzeit wiederherstellen. Wenn wir das Präfix weglassen, strahlt das Glück oder der Sinn wieder unbefleckt im Schatz unserer Sprache.
Wie aber steht es mit dem Unflat, dem ekelhaften Schmutz? Gibt oder gab es ein Wort „Flat“, das so etwas Ähnliches wie „Sauberkeit“ bedeutet hat? Das gab es. Es ist uns jedoch im Laufe der Sprachgeschichte verloren gegangen. Es wurde gebildet aus der verneinenden Vorsilbe un- und dem ausgestorbenen Substantiv mhd. vlāt, ahd. flāt (Sauberkeit, Schönheit). Das Ungetüm, das große, furchterregende Tier, enthält als zweiten Bestandteil eine im germanischen Sprachbereich als selbstständiges Wort untergegangene Substantivbildung, die sich mhd., ahd. als tuom (Macht, Herrschaft, Würde, Stand; Besitz; Zustand, Art) findet. „Ungetüm“ bedeutet demnach „etwas, was nicht seine rechte Stelle hat“. Das Präfix un- kann neben adversativen auch komparative Folgen haben. Dann kehrt es den Wortsinn nicht um, sondern steigert ihn (Unmenge, Unsumme).
Präfixe sind also kleine bedeutungstragende Bestandteile wie be-, er-, ent-, ver-, un-, die einem Wortstamm vorausgehen und so einen neuen Wortstamm bilden. Da sie meistens aus einer Silbe bestehen, sagen wir auch Vorsilben dazu. Allerdings ist „Silbe“ ein phonologischer Begriff, und da manche Präfixe wie unter-nehmen oder über-sinnlich aus mehr als einer Silbe bestehen, lassen strenge Sprachwissenschaftler nur den Fachbegriff Präfix gelten. „Präfix“ kommt von lat. prae-figere („vorn anheften“). Heften wir hingegen hinten etwas an den Wortstamm an, sprechen wir von einem Suffix.
Es existieren zahlreiche Verben, deren Bedeutung durch die Vorsilbe(n) bestimmt wird. Hierbei müssen wir zwischen echten (und zwar untrennbaren) Präfixverben unterscheiden und Präverben, deren Teile nicht fest verbunden sind und eine Distanzstellung erlauben. Das Verb be-nehmen ist fest und wird mit einem Präfix gebildet. Er nimmt sich „be“ wäre nicht korrekt.

Das Verb an-nehmen ist hingegen unfest und kann getrennt werden: Er nimmt das Geschenk an. Hier erfolgt die Bildung allerdings mit einer Partikel.
Die Betonung der Verben kann sich mit ihrer Bedeutung ändern: Er muss seine Antwort überlegen (fest, Präfix), aber: Er will sich eine Decke überlegen (unfest, Partikel) – er legt sich eine Decke über. Um die Angelegenheit noch verzwickter zu machen, sei darauf hingewiesen, dass manche Verben zwar ein nicht trennbares Präfix vor dem Stamm haben (be-stellen), davor aber noch eine trennbare Partikel (ab-be-stellen). Ein solches Verb besteht aus einem festen und einem unfesten Teil: Sie be-stellt die Zeitung ab (wovor aber dringend abzuraten ist!).


