Kaum etwas aus der Vergangenheit wird so penibel erforscht und so oft verfilmt wie die NS-Zeit. Wir, das nachgeborene Publikum, gieren nach immer neuen Schicksalen, Dramen, Details. Wir sind neugierig auf diese Zeit – und wissen doch zumeist ganz genau, was uns erwartet: Hier die Täter, begleitet vom Millionenchor der Mitläufer. Dort die Opfer, die Überlebenden und Ermordeten. Das Panorama der Jahre 1933-1945 breitet sich in strengem Schwarz-Weiß vor uns aus, es kennt kaum Zwischentöne. Dabei wissen wir doch aus unserem eigenen Alltag, dass das Leben nur in raren Momenten eindeutig schwarz oder weiß ist.

Was also ist mit denen, die den schmalen Pfad gingen, in der NS-Diktatur unauffällig zu leben, ohne sich gemein zu machen? War das möglich – mitten in Berlin? Und auch noch als führender Naturwissenschaftler am renommierten Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem?

„Tiefer Einschnitt in unser Leben“

„Lieber Otto!“, schreibt am 24. August 1938 Lise Meitner ihrem Kollegen und Freund Otto Hahn. „Was ich Dir heute zu schreiben habe, wird einen sehr tiefen Einschnitt in unser beider Leben bringen. Ich habe gestern Geheimrat Bosch um meine Emeritierung gebeten.“ Damit ist klar, die Atomphysikerin Lise Meitner kehrt nicht aus Schweden nach Berlin an ihr Institut zurück. Ihr Exil ist besiegelt. Im Juli 1938 ist sie, als Urlauberin getarnt, mit zwei kleinen Koffern über Holland nach Schweden geflohen. Warum erst jetzt?

Die Jüdin Lise Meitner war als Wienerin vor rassischer Verfolgung etwas sicherer. Nun aber, nach dem Anschluss Österreichs, fällt auch sie unter die Nürnberger Gesetze. Dreißig Jahre hat sie am Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem gearbeitet. 1907 begann sie dort als Preußens „erster weiblicher Assistent“ und stieg zur Professorin auf. Zusammen mit dem Chemiker Otto Hahn ist sie seit Jahren der Kernspaltung dicht auf der Spur. Die Theoretikerin Meitner und der Praktiker Hahn ergänzen sich wissenschaftlich perfekt. Seit 30 Jahren.

Eine innige Freundschaft

Privat lebt die fast 60-jährige Meitner allein. Hahn, nur ein Jahr jünger als sie, hat Familie: Ehefrau Edith und Sohn Hanno. Lise Meitner ist Hannos Patentante, das Verhältnis ist eng. Doch nun hat das alles ein jähes Ende. „Es wird sicher kein Tag vergehen, an dem ich nicht mit Dankbarkeit und Sehnsucht an unser freundschaftliches Zusammensein, an die gemeinsame Zeit und an das Institut denken werde.“

Sehnsucht. Otto Hahn und Lise Meitner sind ein eingespieltes Paar, es ist eine innige Freundschaft. Hahn schreibt ihr sofort zurück. Auch er fühlt sich wie taub, obwohl er von Meitners Flucht wusste. Am letzten Abend in Berlin saß man noch bei ihm daheim zusammen. Nun versucht auch er mit der neuen Situation klarzukommen. „Die Entscheidung ist nun gefallen, und, wie Du sagst, es hat keinen Zweck mehr, sich über diese Tatsache zu unterhalten. Wie schwer auch mir alles wird und noch werden wird, brauche ich Dir nicht zu sagen. Im Institut fühle ich mich vollends ganz unsicher, und ich habe Angst vor der nächsten Zeit.“

Nichts ist mehr normal

Sie ist weg, aber ihre Möbel, Kleider, Bücher, Arbeitsunterlagen – fast alles von ihr ist noch in Berlin. Meitner hat es in ihrer Wohnung und im Büro zurückgelassen, um keinen Verdacht zu erregen. Anfangs glaubt sie noch, das Nachsenden sei nur eine Formalie. Annchen, ihre Haushaltshilfe, packe alles schön ein, ein Spediteur bringe es ihr nach Schweden. Doch bald kriegen Meitner und Hahn zu spüren, das 1938 nichts mehr normal ist. Bürgerliche Rechte gelten nichts mehr. Jede Untertasse, die das Land verlassen soll, muss bei diversen Behörden aufgelistet, beantragt, genehmigt werden. Ein halbes Jahr vergeht, Lise Meitner ist weiterhin ohne ihr Hab und Gut. „Sollen mir von 30 Jahren Arbeit nicht einmal ein paar Bücher bleiben?“, fragt sie empört.

Und Hahn – der künftige Nobelpreisträger! – rennt selber zu den Ämtern, spricht vor, klagt in einem Brief über „Verschleppungsmethoden“. Er wird hingehalten, vertröstet, abgewiesen. Im April 1939 klingt er ziemlich verzweifelt. So viele Telefonate, unnütze Ämterbesuche, „stundenlanges Warten und dann doch wieder an andere Stelle geschickt werden…“. Resigniert schreibt er ihr: „Irgendetwas ist bei dir anders; vermutlich, weil du draußen bist.“ Dass sie Jüdin ist, dass sie im NS-Staat rassisch als minderwertig gilt, darüber verlieren die beiden nie ein Wort. Sicher nicht, weil sie zu naiv wären. Vielleicht ist es ihnen einfach zu dumm, so etwas Idiotisches auszusprechen.

Offene politische Worte

Denn es finden sich in den Briefen erstaunlich offene politische Worte. „Aber vergiss auch Du es nicht, es ist immer wichtig, klar zu sehen, auch wenn es unbequem ist“, schreibt Meitner im September 1938. Sie spürt, wie Hahn in Berlin versucht, sich in einen bürgerlichen Kokon aus moralischer Verlässlichkeit und Anständigkeit zurückzuziehen. Sie selbst, muss sie zugeben, hat vor ihrer Emigration auch manches zu freundlich gesehen. Hahn wiederum macht keinen Hehl aus seiner Distanz zu Hitler. „Liebe Lise. Heute früh kam Dein lieber Brief vom 29. Oktober. Ich will ihn gleich beantworten, denn das Labor ist halb ausgestorben, weil viele zum Empfang von Hitler gegangen sind, wie man sollte.“

Er ist ein exzellenter Wissenschaftler, international vernetzt. Er muss nicht vor den neuen Herren buckeln. Auch die „Kristallnacht“ lässt er nicht unerwähnt, sie erschüttert ihn. So viele jüdische Bekannte verschwinden für Tage und Wochen spurlos. „Wir alle sind der Meinung, dass bei diesen Massenverhaftungen unmöglich die Grausamkeiten und Härten vorkommen können, wie in früheren Fällen, wo Missliebige ins K. Lager kamen. Aber der Trost ist natürlich nur gering. Vielleicht macht doch die Entrüstung des gesamten Auslandes einen gewissen Eindruck“, schreibt er ihr am 19. November 1938. Es ist seine Hoffnung, dass die Brutalität das NS-Regimes Grenzen kennt. Dass ein Kulturvolk wie die Deutschen im Kern wirklich kultiviert ist. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust werden diese Hoffnungen zunichte machen.

Die Folgen der Emigration

Ab Januar 1939 korrespondieren die beiden zunehmend auch über fachliche Themen, die Jahre gemeinsamer Arbeit zahlen sich aus, nun sind sie der Kernspaltung ganz nahe. Barium, Radium, Transurane. Meitner, ohne Bücher und Apparate, ist beruflich lahmgelegt, sie ahnt aber, womöglich früher als Hahn, dass der Durchbruch bevorsteht. Wenige Jahre später wird Otto Hahn den Nobelpreis für die Entdeckung bekommen, Lise Meitner nicht. Ein bitterer Fehler, sie zahlt den Preis der Emigration. „Versuche Dir einmal vorzustellen“, schreibt sie im Februar 1939, „wie das wäre, wenn Du statt Deines schönen eigenen Instituts ein Arbeitszimmer in einem fremden Institut hättest, ohne alle Rechte.“ In Stockholm fühlt sie sich nicht anerkannt, niemand dort versteht ihre Arbeit.

Emigration – heute, in einer Zeit globaler Beschleunigung und Vernetztheit, scheint das kein Problem zu sein. Damals schnitt es Menschen von fast allem ab. Das Leben war viel verwurzelter als heute. Für Hahn, dessen kranke Frau bettlägerig ist und dessen Sohn mitten im Abitur steckt, stellt sich nie die Frage: Bleiben oder Gehen? Er wird nicht verfolgt, hält sich abseits. Für Meitner dagegen ist Fortgehen die einzige Chance, sich zu retten, doch die Folgen sind hart. „Ich komme mir oft wie eine aufgezogene Puppe vor, die automatisch gewisse Dinge tut, freundlich lächelt und kein wirkliches Leben in sich hat.“

Endlich, im Mai 1939, kommen ihre Sachen in einem Eisenbahnwaggon in Schweden an – schrecklich ramponiert. Die Spedition hat alles zerdeppert. „Unerhört“, schreibt Hahn ihr. Als sei das der privaten Grobheit des Spediteurs geschuldet. Die ganze Wahrheit will und kann er nicht sehen.