Zwölf Jahre ist er nun fern der Heimat. Seit zwölf Jahren durchstreift er Brasiliens Urwälder, Gebirge und Ebenen, folgt Flüssen, erkundet das noch ganz unentdeckte Landesinnere. Zwölf Jahre als Abenteurer in der Neuen Welt – und doch bleibt Friedrich Sellow durch und durch Preuße.
„Manchen Tag habe ich auch für Aufzeichnen von Ansichten der Ortschaften und interessanter Gebirgsumrisse verwendet“, schreibt er im Oktober 1826 in seinem brasilianischen Exkursionsbericht nach Berlin. „Und wenn ich dem Vorwurfe zu langsam fortgeschritten zu sein, nicht entgehen kann, so hoffe ich doch einst darlegen zu können, dass Trägheit und Saumseeligkeit nicht immer Schuld hatten.“
Unbekannte Exoten
Der Bericht geht an seinen Geldgeber – den preußischen Kultusminister Altenstein, für den der junge Sellow in Brasilien unterwegs ist. Was er dort macht? Er vermisst die Welt, würde man mit Daniel Kehlmanns Roman über Alexander von Humboldt sagen. Im preußischen Auftrag füllt er Kiste um Kiste mit Exemplaren unbekannter Exoten. Dem Königlichen Botanischen Garten am heutigen Kleistpark in Schöneberg schickt er Pflanzen und Samen, dem Mineralogischen Museum Gestein. Für die Zoologische Sammlung sammelt er allerlei Getier. „Diese Sendung bestand in 4 Kisten mit circa 10 Säugethieren und 391 Vögeln, einer Kiste mit 20 und einigen Arten Pflanzen, usw.; zwei Kisten mit getrockneten Pflanzen, von 1200 bis 2160 , und 5 Kisten mit Gesteinen, von No. 500 bis 939, und einem Pack mit Waffen von den hiesigen Wilden.“
Noch heute kann man Stücke von Sellow in der Ausstellung des Ethnologischen Museums bewundern: ein geflochtener Kokosfaserkorb, Lippen- und Ohrenpflöcke von Indianern. 17 Jahre lang – von 1814 bis 1831 – sammelt, kartiert, ordnet Sellow die brasilianische Wildnis. Er füllt 71 Reisetagebücher mit seinen Notizen, schickt pflichtbewusst 26 Exkursionsberichte nach Berlin. Zu immer neuen Expeditionen bricht er auf. Nur nicht nachlassen, nicht träge und „saumseelig“ werden. Rückschläge steckt er weg. „Kaum hier angekommen hatte ich das Unglück ein Schlüsselbein zu brechen, indem ich vom Pferde geworfen wurde.“
„14 Fuß unter Wasser“
Wenige Wochen später der nächste Unbill: Heftige Regengüsse setzen ein und überfluten das Haus, in dem seine mühevoll zusammengetragenen Exponate schon abreisebereit in Kisten lagern, die nun „14 Fuß unter Wasser“ stehen. „Ich verlor meine Kiste mit getrockneten Pflanzen, eine mit Skeletten und einen Theil meiner Insekten; alles Übrige hatte ich das Glück zu retten.“
Wie aber kommt dieser Sellow, 1789, dem Jahr der französischen Revolution, in Potsdam geboren, nach Brasilien? Er entstammt einer Gärtnerfamilie, aber nicht irgendeiner. Die männlichen Sellows arbeiten für den preußischen Hof. Sein Vater Carl Julius Samuel Sello (die typisch brandenburgische „ow“-Endung führt erst dessen Sohn Friedrich beim Nachnamen ein) war für den königlichen Küchengarten in Potsdam zuständig. Doch der Vater stirbt früh, mit sieben Jahren ist Friedrich Halbwaise.
Trotzdem, die gute Ausbildung bricht nicht ab. Erst aufs Gymnasium in Potsdam, dann in die Lehre zum Vetter des Vaters: als Hofgärtner in Sanssouci. Danach „Gehülfe“ im Königlichen Botanischen Garten. Des jungen Sellows Begabung fällt auf, man merkt, hier ist kein Gärtner, sondern ein leidenschaftlicher Botaniker am Werk. Mit einer Empfehlung geht es 1810 nach Paris.
Paris, das geistige Zentrum
Paris – das ist damals das geistige Zentrum. Die Stadt der Intellektuellen, hier trifft man sich. Französische Revolution, Republik, Napoleon. Es ist die Zeit der napoleonischen Kriege, höchst unruhig und höchst anregend. Um sich wissenschaftlich zu qualifizieren, braucht Sellow diesen Aufenthalt.
Tatsächlich wird Alexander von Humboldt, damals auch in Paris, gleich auf den 21-Jährigen aufmerksam. „Es ist vor wenigen Wochen hier ein junger Mensch angekommen, namens Sellow“, schreibt Humboldt im Mai 1810 nach Berlin. „Er sieht freundlich, munter und lehrbegierig aus.“ Der 20 Jahre ältere Humboldt wird Sellows Mentor, er verschafft ihm eine Anstellung in den „Jardins des plantes“. Er ist es auch, der dem jungen Mann erste Anregungen für die Brasilienreise vier Jahre später gibt.
Denn Alexander von Humboldt, der berühmte Forschungsreisende, durfte längere Zeit Brasilien nicht betreten. Man hat Angst, er werde Unruhe ins Land bringen – sein Unmut über die Verhältnisse in den Kolonien dringt bis Lissabon. Humboldt prangert die Ausplünderung der Kolonien durch das alte Europa an, die Rechtlosigkeit der Indios, die Unmenschlichkeit im Umgang mit den Sklaven. Das alles säe „Hass“ auf die Kolonialherren in diesen fernen Ländern. Deshalb heißt es 1800 im Dienstschreiben an einen Gouverneur einer brasilianischen Provinz, man müsse „rigerose Maßnahmen zum Schutz des Portugiesischen Amerikas“ ergreifen, sollte dieser Humboldt die Einreise nach Brasilien wagen. Der Mann trage „neue Ideen und verfängliche Prinzipien“ ins Land. In Brasilien droht Humboldt also die Verhaftung.
Schuldenfrei nach einem Jahr
Sellow dagegen hat keine Einreisprobleme. „Aus jenem Lande können wir alles brauchen“, schreibt 1816 der neue Direktor des Königlichen Botanischen Gartens, als er von Sellows Exkursionen in Brasilien hört. „Da der Sello ein Gärtner ist, so wird man in Rücksicht des Einpackens die gehörige Vorsicht erwarten können.“
Nur durch einen Vorschuss kann Sellow sich 1814 die Reise nach Brasilien leisten – inzwischen lebt er in London, wohin ihn wiederum Humboldt vermittelt hat. Er zahlt den Brasilienvorschuss mit gesammelten Pflanzen und Insekten zurück; schon nach einem Jahr ist er schuldenfrei. Danach beliefert er weiter europaweit Universitäten und Museen. Sein Hauptabnehmer bleibt aber Preußen, die Berliner Museen und Forschungseinrichtungen. Wieder ist es Humboldt, der ein gutes Wort einlegt. Er fordert den Staatsminister Altenstein auf, „dem Naturforscher Sello in Brasilien angemessene Unterstützung auszuwirken“. Ab 1817 erhält Sellow vom preußischen Staat eine Jahresrente.
Tod im „Süßen Fluss“
Zum ersten Mal wirkt der Forscher finanziell etwas abgesicherter – doch der Druck, sich für das Geld zu rechtfertigen, bleibt. „Im Begriff, Caasapava zu verlassen, am 12. Januar 24, war ich sehr glücklich Ew. Excellenz gnädige Verfügung vom 25ten Merz 23 in Duplo zu erhalten, und wenn es mir an Gelegenheit fehlt, meine Dankbarkeit für diese großmüthige Äußerung Ihres unverdienten Wohlwollens gegen mich auf der Stelle zu bezeugen: so war dieselbe darum nicht minder heiß (…).“
Sellow arbeitet unermüdlich. Kiste um Kiste landet in Berlin. Allein 12.500 Exemplare von Blütenpflanzen und Farnen kommen in Preußen an, jede einzigartig, keine doppelt. 1831, nach 17 Jahren in Brasilien, träumt Sellow davon, nach Berlin heimzukehren und sich mit der wissenschaftlichen Auswertung seiner vielen Funde zu beschäftigen. Doch dazu kommt es nie. Mit 42 Jahren ertrinkt Friedrich Sellow im Rio Doce, dem „Süßen Fluss“, als er das Flusssystem vermessen will. Seine Instrumente standen noch am Ufer.
Dank an die Historische Arbeitsstelle des Naturkundemuseums Berlin, die Sellows Tagebücher, Briefe und Berichte im Moment transkribieren. Das Buch: „Die Erkundung Brasiliens. Friedrich Sellows unvollendete Reise“ wird am 25. September um 19 Uhr (u.a. mit Hanns Zischler) im Museum für Naturkunde vorgestellt.


