Kolumne Meine Woche

Berlin macht sich lächerlich

Die Parklets auf der Schönhauser Allee sind zu groß und gefährden Radfahrer. Leider passt das zu der Stadt, meint Christine Richter.

Foto: pa

Was haben wir gelacht, im Sommer, als wir das erste Foto vom Zickzack-Radweg in Zehlendorf sahen. Der schaffte es dann sogar bis in die „Neue Zürcher Zeitung“. Eigentlich, so dachte ich, kann so was doch nicht mehr passieren. Bis zum vergangenen Mittwoch.

Da überraschte uns die Absage der Eröffnung der sogenannten Parklets auf der Schönhauser Allee. Warum das? Es gab doch schon Fotos von diesen Holzdingern, die grüne Stadträte so sehr mögen. Einige stehen seit einigen Monaten auf der Bergmannstraße in Kreuzberg herum. Sie sollen, so die Idee, zum Verweilen einladen und den Verkehr entschleunigen.

Die Anwohner, so kam bei einer Befragung heraus, setzen sich dort nicht hin. Sie finden die abgetrennten Bereiche schlimm – weil sich dort abends und nachts junge oder ältere Menschen zum Trinken und Quatschen niederlassen, da wird es dann schon sehr laut. Auch der Müll bleibt zurück, in Kreuzberg räumt ihn kaum einer weg. Doch egal, was die Anwohner sagen: Der Stadtrat in Kreuzberg, Florian Schmidt, lässt nun ein weiteres Parklet auf der Bergmannstraße aufbauen.

Die Grünen haben sich seit Längerem auch die Schönhauser Allee vorgenommen. Auf dieser zentralen Nord-Süd-Verbindung kommt, Sie wissen das alle, viel Verkehr zusammen. Jede Menge Autofahrer, die Tram, viele, viele Radfahrer, Fußgänger, und in der Straßenmitte fährt noch die U-Bahn. Es ist laut und an vielen Stellen auch gefährlich. Dass etwas geschehen muss, da sind sich alle Verkehrsteilnehmer einig. Die Grünen wollen erwartungsgemäß den Autofahrern das Leben schwer machen. Von den ursprünglichen Plänen, die Straße auf eine Fahrbahn pro Richtung einzuschränken, ist nichts – zum Glück – geworden, aber die Parklets, die müssen es schon sein.

Dann fallen mal wieder Parkplätze weg, aber das ist ja auch das Ziel der Ökopartei. So wollte Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) die neue Aufenthaltszone einweihen – gebaut direkt vor den Schönhauser Allee Arcaden, wo es einen großen Platz gibt, es aber mit Tram, Autos, U- und S-Bahnhaltestelle extrem laut ist. Doch aus dem Grünen-Jubeltermin wurde bekanntlich nichts. „Aus organisatorischen Gründen“ sei der Termin abgesagt worden, hieß es zunächst. So kann man das ausdrücken, wenn einem selbst die Sache zu peinlich ist. Der wahre Grund: Das Parklet, also die Holzverkleidung, war 50 Zentimeter zu breit und ragte so nah an den Radweg heran, dass es die Radfahrer, die dort ja sehr schnell unterwegs sind, gefährdet. Wie peinlich. „Das passt zu Berlin“, sagte mein Mann – und lachte herzlich. Er hat viel zu lachen – über die Berliner Bürgerämter, den BER, den Zickzack-Radweg und jetzt auch noch über die Parklets.

So ein Ding kostet übrigens 50.000 Euro. Das ist ein Menge Geld. Auch zu einer Zeit, in der die Steuereinnahmen sehr hoch sind und sich Berlin Ausgaben leisten kann, an die man vor einigen Jahren gar nicht gedacht hat. Aber auch in solch guten Zeiten wünsche ich mir sehr, dass die Politiker sich genau überlegen, was sie mit den Euros machen, die sie von den Berlinern bekommen.

Die Berliner Grünen fühlen sich in diesen Tagen jedoch unantastbar. Steigt doch überall der Rückhalt für grüne Politik, heißt es. In Bayern wurden die Grünen bei der Wahl vor einer Woche hinter der CSU die zweitstärkste Kraft – mit 17,5 Prozent der Stimmen. In den Umfragen für die Hessen-Wahl, die am kommenden Sonntag stattfindet, liegen die Grünen schon bei 22 Prozent – und damit nicht weit hinter der CDU, die derzeit nur noch 26 Prozent der Wähler begeistern kann. Und dramatisch sieht es für die Volksparteien, für Union und SPD, auch auf Bundesebene aus. Nach dem ARD-Deutschlandtrend würden derzeit nur noch 25 Prozent der Bundesbürger die Union, gar nur noch 14 Prozent die SPD wählen. Die Grünen jubeln über 19 Prozent. Ob diese dramatischen Verschiebungen die große Koalition in Berlin oder auch die Berliner SPD und CDU zum Nachdenken und vor allem zu einer anderen Politik bringen? Ich hoffe es. Ich bin ein optimistischer Mensch.

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