Single Mom

Der Mythos von der armen unglücklichen Frau

Jennifer Aniston wird als kinderloser Star von vielen bemitleidet. Alleinerziehende kennen das – nur umgekehrt, meint Caroline Rosales.

Auch kinderlose Stars werden von vielen bemitleidet, sagt Caroline Rosales

Auch kinderlose Stars werden von vielen bemitleidet, sagt Caroline Rosales

Foto: Rich Fury/Getty Images/ Reto Klar

Berlin. Jennifer Aniston ist ein internationales Film-Gesicht, unter den bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods und damit Vollprofi. Weiter hat sie ein Berater-Team um sich, das ihr mutmaßlich seit zehn Jahren sagt: „LASS-DICH-NICHT-PROVOZIEREN. Denn dann wirkst du hysterisch. Männer, die rumschreien, wirken souverän. Frauen, die laut werden, dagegen neurotisch. Also LASS-DICH-NICHT-PROVOZIEREN.“

Sie werden ihr sagen: keine Interviews zu privaten Dingen und wenn dir ein Journalist eine direkte Frage zu Privatangelegenheiten stellt, dann lächelst du und lässt deinen Agenten später in der Redaktion anrufen und das Interview zurückziehen. Ja, so läuft das bei super-durchgecoachten, immer in Instagram-würdiger Perfektion gestylten Top-Frauen wohl. Und deshalb ist es wohl durch keinen anderen Umstand als den, dass Jennifer Aniston den Kanal endgültig voll hatte, zu erklären, dass sie vergangene Woche ein sehr privates Interview im US-Magazin „Instyle“ gab.

Es seien irrige Vorstellungen, dass sie keinen Mann an ihrer Seite halten könne und kein Kind wolle, weil sie egoistisch sei und nur ihre Karriere im Auge habe, sagte sie darin. Durch die Blume hört man, ist es die Schauspielerin endgültig leid, eine inoffizielle Karriere als „Totem für biologisches und emotionales Vollversagen als Frau“ gemacht zu haben, schreibt die US-Zeitung „Guardian“. „Poor Jen“ (dt. „die arme Jen“) ist in der amerikanischen Presse schon ein geflügeltes Wort, die Ballade der bemitleidenswerten Ex-Frau von Brad Pitt, der nie ein glockenhelles Kinderlachen in ihrem Leben vergönnt war.

Was nützt die Karriere ohne den richtigen Mann?

„Arm dran“ ist sie, weil ihr vor 13 Jahren (!) dieser Brad Pitt weggelaufen ist, noch ärmer dran, weil sie sich jetzt zum zweiten Mal von Ehemann Justin Theroux scheiden lässt. Ja, das Leben der Jennifer Aniston muss hart sein, wenn sie in einem ihrer vielen Anwesen (eines mit einer Pagode im Garten) mit ihren Freunden Grillfeste veranstaltet, ihre Film-Projekte frei wählen darf und mit JEDEM, aber auch JEDEM Regisseur auf diesem Planeten drehen könnte.

Aber richtig, für die öffentliche Meinung, für eine Triade von Chauvinisten, die ihren Zenit längst überschritten haben, ist das alles nichts wert, solange da kein Mann ist – und wenn es nur einer ist, der da lächerlich in der Küche und im Weg rumsteht.

Um ehrlich zu sein, Jennifer Aniston tröstet mich. Als Alleinerziehende, als Single Mom von zwei kleinen Kindern. Sie erinnert mich daran, dass sogar Superstar-Frauen wie sie darunter leiden, nicht dem Musterformular-Geschmack der Mehrheit zu entsprechen. Ich erinnere mich, wie ich mit Anfang 20 zu meiner weiblichen Verwandtschaft ging und sagte: „Yeah, schaut mal, mein erster Arbeitsvertrag.“ Und es wurde kurz gelächelt und dann mit dem Kopf geschüttelt. „Ja, aber jetzt muss du noch den Richtigen finden.“

„Allein mit Kindern“ - die Steigerung von "allein"

Und je länger ich nicht „den Richtigen“ hatte, entsprach ich für sie dem Klischee einer arbeitenden, Geld verdienenden, aber irgendwie doch unglücklichen Frau. Weil, was nützt das berufliche Fortkommen, wenn da niemand zu Anlehnen, zum Reden ist. Das war ja für meine Umgebung, die Bekannten, die weibliche Verwandtschaft, alles schon schlimm genug.

Und schon bald musste ich obendrein feststellen, dass in ihren Augen die Steigerung von „allein“ nur noch „allein mit Kindern“ ist. Da war ich also nun mit dem Kuchen in den Händen und zwei Kindern im Schlepptau auf ihren Gartenfesten, ihren Partys und ständig ohne mein Wissen Gesprächsthema. Und tatsächlich ist es bis heute nicht besser geworden.

Jennifer Aniston und ich, wir werden uns nie treffen, und ich werde mir nie ein paar ihrer Schuhe leisten können, aber sie und ich wissen, dass wir vor dem urteilenden Auge der anderen alle gleich schlecht sind. Und das nervt, aber wir sind auch hart im Nehmen.

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