An alle Trendsetter und Freigeister: Es ist Sommer - die Zeit der Zwanglosigkeit und modischer Anarchie, die einzige Saison, in der man stylische Hochs und Tiefs zugleich bewundern oder bedauern kann. Was der Fashion-Affine als himmelschreiend stillos empfindet, ist dem Anderen gerade locker genug. Das ist der Zauber des Sommers.
Dieses Jahr komme ich allerdings besonders ins Grübeln, denn der üblichen Einladung zur Gartenparty ist zurzeit häufig der Hinweis auf Cocktails hinzugefügt. Allein mit diesem kleinen Nachtrag eröffnen sich unendlich viele Grauzonen des „Was-trägt-man-dazu?“. Der Tropfen setzt den Maßstab. Hier entscheidet sich sowohl, welche Kleidung getragen wird, wie auch der gesellschaftliche Rahmen. Ob entspannt und lässig oder anspruchsvoll-gediegen – ein Getränk sagt mehr als tausend Worte.
Viel geradliniger und stets stilsicher ist da ein netter Abend mit Freunden, den Man(n) einfach mit einem Bier oder Frau mit einer Weißweinschorle genießen darf. Jeder weiß, was ihn erwartet, man geht so, wie man ist und sich wohlfühlt. Wer zum Grill-Bierchen eingeladen ist, kennt das Szenario, die Kleiderordnung und oft sogar schon die Gesprächsthemen. Ein Cocktailabend hingegen findet in der Regel in einer gesetzten und ziemlich schicken Atmosphäre statt. Das vom Einladenden gewünschte Outfit ist der Mixtur des namengebenden Trunks ähnlich – kompliziert und nur gut von Fachleuten zuzubereiten.
Ist man dann auch noch zu einem Fest an einem Stadtstrand geladen, gerne schon tagsüber und bis in die späten Abendstunden hinein, finde ich das noch anstrengender. Die lockere Location macht jedem eleganten Fummel einen Strich durch die Rechnung, da er im besten Falle unpraktisch, im schlimmsten Fall hoffnungslos überkandidelt ist. Man läuft Gefahr, mit High Heels und feinem Schnürer neben Flip-Flop-Trägern zu landen oder damit im Sand zu versinken. Tagsüber Spaghettiträger für die Damen, abends unpassend dazu das Sakko des Begleiters.
Wer auf solche Gedankenspiele und innere und äußere Auseinandersetzungen keine Lust hat, wer sich mit derlei Feinheiten gar nicht erst beschäftigen will, dem sage ich: Come as you are! Denn ihr lasst den Sommer erst zu dem werden, was er ist – eine Jahreszeit der entspannten Freigeister. Lasst uns die strengen Fragen der Etikette hinten anstellen – bis zum Jahresende und den vielen Familienfeierlichkeiten, zu denen wir unseren Müttern zuliebe die Krawatte wieder herauskramen werden.
Arno Müller ist Programmdirektor von 104.6 RTL und Moderator von „Arno und die Morgencrew“ (Montag bis Freitag von 5 bis 10 Uhr)

