Die Charité verfolgt ein großes Ziel: Sie will Menschen, die an der Virusinfektion HIV erkrankt sind, heilen. Dazu wird am heutigen Mittwoch das Forschungszentrum Berlin Center for HIV Cure (BeCURE) eröffnet.

„HIV“ bedeutet „Humanes Immunschwäche-Virus“. Es greift gezielt das menschliche Immunsystem an. Unbehandelt führt es im fortgeschrittenen Stadium zu Aids. Nach Angaben der Deutschen Aids-Stiftung leben aktuell weltweit rund 41 Millionen Menschen mit HIV. Laut Robert-Koch-Institut gab es 2024 etwa 2300 Neuinfektionen in Deutschland.

HIV-Infektion kann mit Medikamenten behandelt werden

Seit etlichen Jahren ist eine HIV-Infektion gut behandelbar, allerdings müssen die Patienten im Rahmen einer antiretroviralen Therapie in der Regel eine Kombination aus mehreren Medikamenten einnehmen – täglich, ihr Leben lang. So wird das Virus dauerhaft unterdrückt.

Die Heilung von einer HIV-Infektion ist noch immer die große Ausnahme. Hier aber hat die Charité mit dem sogenannten Ersten Berliner Patienten einen Meilenstein setzen können und Geschichte geschrieben. Ihr gelang 2007 weltweit zum ersten Mal eine Heilung: Der in Berlin lebende US-Amerikaner Timothy Ray Brown war seit 1995 HIV-positiv und nahm Medikamente ein. 2006 wurde bei ihm eine Leukämie diagnostiziert. Wegen des Blutkrebses bekam er in der Charité eine Stammzelltransplantation. Gezielt wurden dafür Stammzellen einer Spenderin benutzt, die eine bestimmte genetische Mutation aufwies. Diese Mutation vermittelt eine Resistenz gegenüber HIV. Brown setzte dann seine Medikamente ab, und tatsächlich war bei ihm fortan keine Viruslast mehr nachweisbar. Er starb 2020 an den Folgen seiner Leukämie, eine HIV-Infektion kehrte indes nie zurück.

Charité: Auch ein zweiter HIV-Patient konnte geheilt werden

So hat die Charité das Feld der HIV-Heilungsforschung begründet. Einige Jahre später gelang es ihr zum zweiten Mal, einen Patienten dauerhaft von seiner HIV-Infektion zu befreien. Der Fall lag anders als bei Timothy Brown, doch auch dieser Patient war an einer Leukämie erkrankt und bekam eine Stammzelltransplantation. In der Folge entschied er im Jahr 2018, seine medikamentöse Therapie zu beenden. Seitdem ist bei ihm kein HI-Virus mehr nachweisbar. Bis heute sind weltweit erst 13 Fälle bekannt, in denen Patienten von HIV geheilt werden konnten.

Forschungszentren Charité und TU Berlin
Das Forschungsgebäude „Der Simulierte Mensch“ (Si-M) auf dem Gelände des Campus Virchow der Charité in Wedding.© Sebastian Gollnow/dpa | Sebastian Gollnow

Auch wenn die Wissenschaft viel aus diesen Fällen lernen konnte, auf eine erheblich größere Patientenzahl ist der Weg nicht anwendbar. Wegen der hohen Risiken sei eine Stammzelltransplantation für Menschen, die nicht zugleich an Krebs erkrankt sind, nicht vertretbar, sagt Christian Gaebler, Professor für Translationale Immunologie Viraler Infektionen. Er leitet das Forschungszentrum BeCURE.

Neue Therapien könnten lebenslange Medikation ersetzen

Das BeCURE will andere Strategien zur Heilung oder dauerhaften Kontrolle von HIV entwickeln, ohne lebenslang auf Medikamente angewiesen zu sein. Mögliche Ansätze sind die Erforschung von Antikörper- und Immuntherapien sowie Gen- und Zelltherapien. Im neuen Forschungszentrum sollen Grundlagen- und klinische Forschung verbunden werden. Therapien werden dort auch in klinischen Studien erprobt.

Das Forschungszentrum zur HIV-Heilung wird in einem der innovativsten Wissenschaftsbauten Berlins eingerichtet, im Gebäude „Der Simulierte Mensch“ (Si-M) auf dem Charité-Campus Virchow in Wedding. Das Si-M betreiben Charité und Technische Universität Berlin gemeinsam. Im Fokus steht dort die realitätsnahe Nachbildung der menschlichen Biologie – von molekularen Prozessen bis hin zu komplexen Geweben und Organfunktionen. Es ist zugleich ein Gebäude, in dem der Austausch zwischen Forschungsteams und mit der Öffentlichkeit eine große Rolle spielen soll.

Betroffene werden in Forschung eingebunden

Der Austausch mit Betroffenen gehört auch zum Konzept des BeCURE. Es bezieht Mitglieder der in Berlin gut vernetzten Community der HIV-Infizierten in die Ausgestaltung der Forschungsarbeit mit ein. „Wir bekommen aus der Community sehr stark den Wunsch nach einer Heilung von HIV kommuniziert“, sagt Christian Gaebler. Er hält es aber nicht für sinnvoll, Therapiekonzepte zu entwickeln, die von den Betroffenen nicht akzeptiert werden – etwa weil sie zu aufwendig sind oder Befürchtungen zu Nebenwirkungen auslösen.

Ein vielversprechender Therapieansatz sind einmalig verabreichte Immuntherapien mit Antikörpern. Sie werden noch in Studien erprobt und führen bei 10 bis 20 Prozent der Probanden dazu, dass sie keine antiretrovirale Therapie mehr benötigen. Ein Forschungsziel wäre, diese Zahl zu vergrößern.

Im neuen Forschungszentrum sollen aber nicht nur HIV-Infektionen in den Blick genommen werden. Erkenntnisse aus der HIV-Forschung könnten auf andere chronische Viruserkrankungen übertragen werden, sagt Gaebler. So sollen Forschungsprojekte zum Beispiel auch zu Hepatitis B durchgeführt werden.