In England eine Selbstverständlichkeit, in Deutschland ein Tabu: Fußball an den Weihnachtstagen. Wer genauer in die Geschichte blickt, stößt aber auf eine kuriose Ausnahme.
 
Es ist der 26. Dezember 1952 – und zum ersten Mal überhaupt wird im noch jungen deutschen Fernsehen ein Fußballspiel vom Nordwestdeutschen Rundfunk live übertragen. Und das ausgerechnet zu Weihnachten. Übertragen wird die Partie FC St. Pauli gegen den SV Hamborn 07 (der Jahre später mit den Sportfreunden Hamborn zum heutigen Verein fusionieren wird) im Achtelfinale des DFB-Pokals.
 
Warum ausgerechnet dieses Spiel? Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es ein Wiederholungsspiel, nachdem die Jungs aus dem Norden von Duisburg den ranghöheren Paulianern am 9. November ein 1:1 nach Verlängerung abgetrotzt haben. Das Wiederholungsspiel wird auf den ungewöhnlichen Termin 26. Dezember angesetzt. Genau einen Tag, nachdem der regelmäßige TV-Sendebetrieb aufgenommen worden ist. Das passt, wie auch die räumliche Nähe des Millerntor-Stadions zur Hamburger Sendeanstalt. Nur gut 5.000 Zuschauer sehen das Spiel im Stadion. Immerhin wohl noch ein paar mehr als zu Hause an den Bildschirmen, denn zu diesem Zeitpunkt verfügen gerade mal geschätzte 4.500 Haushalte in Deutschland über ein eigenes Fernsehgerät.
Sieg per Elfmeter in der 88. Minute
 

Hunderte verfolgen das Spiel an einem Fernseher im Schaufenster eines Geschäfts

Im Duisburger Norden aber stehen der Überlieferung nach Hunderte vor einem Radiogeschäft und verfolgen gebannt das Spiel an einem Fernsehgerät im Schaufenster. Nur wenn die Tram vorbeirollt, muss die Menge kurz Platz machen. Am Ende siegt der Außenseiter Hamborn 07 nach Treffern von Sadlowski (3) und Pluskwik mit 4:3 gegen die Hamburger. Das Siegtor fällt in der 88. Minute per Handelfmeter, die kleine Sensation ist perfekt.
 
Und noch eine wunderliche Fußnote hat die Geschichte: Gut 44 Jahre später kommt es zur Revanche, und wieder ist das Fernsehen live dabei. Am 19. Januar 1997 tritt der Bundesligist FC St. Pauli beim Landesligisten Hamborn 07 an. Organisiert hat dies der mit einem speziellen Humor gesegnete Journalist und Polit-Moderator Friedrich Küppersbusch, der den Hambornern in seiner WDR-Sendung „Privatfernsehen“ bereits eine 40teilige Reportagereihe (in Fünf-Minuten-Clips) gewidmet hatte. Der WDR überträgt das Spiel direkt und tritt damit in Konkurrenz zur Ausstrahlung der Qualifikation zum DFB-Hallen-Masters im Privatfernsehen.

Die Hamburger mit Trainer Uli Maslo nehmen Revanche und gewinnen 7:2. Unter den Zuschauern sind eine ganze Reihe von Prominenten: Mario Adorf und Marie-Luise Marjan („Mutter Beimer“ aus der Lindenstraße), ARD-Intendant Fritz Pleitgen, Schauspieler Joachim Kròl, Sänger Götz Alsmann und Bundesliga-Trainer Horst Heese (als Co-Kommentator). Auch ein Bekenntnis zum „ursprünglichen Fußball“, wie es heißt.
 
„Hamborn 07“, erklärt der Herner Autor und Sporthistoriker Ralf Piorr, „spiegelt sehr schön die Geschichte des Ruhrgebiets wider: Es geht auf und ab.“ Und manchmal ist man sogar dabei, wenn Geschichte gemacht wird.