„Warum müssen wir in Angst leben?“ Diese einfache Frage war am Sonntagnachmittag auf einem Schild zu lesen, das eine Frau vor dem Brandenburger Tor in Berlin in die Luft hielt. Sie war, so wie mehrere Hundert andere, auf den Pariser Platz gekommen, um unter dem Motto „Es reicht! Sexualisierte Gewalt stoppen“ zu demonstrieren. „Schweigen schützt Täter“ stand auf einem anderen Schild. Die übergreifende Botschaft auf einem breiten Transparent an der Bühne direkt vor dem Brandenburger Tor: „Es reicht!“
Sexualisierte Gewalt sei für viel zu viele Menschen Realität, betonte eine der Rednerinnen auf der Bühne. Eine andere stellte klar: „Wir machen keine Kompromisse mehr bei Frauenfeindlichkeit.“ Zu der Protestkundgebung aufgerufen hatten unter anderem das Bündnis Feminist Fight Club und die Initiative „Nur Ja heißt Ja“. Laut Veranstalter nahmen rund 800 Menschen teil – die Polizei sprach von rund 200. Eine ähnliche Veranstaltung gab es am Sonntag auch in München.
Lesen Sie auch
Initiativen fordern Reformen beim Schutz von Frauen
In den vergangenen Wochen haben deutschlandweit immer wieder Menschen für einen besseren Schutz von Frauen demonstriert. Auslöser des Protests waren die schweren Vorwürfe der Moderatorin und Schauspielerin Fernandes gegen ihren Ex-Partner, den Schauspieler Christian Ulmen. Sie wirft ihm vor, im Internet Fake-Profile unter ihrem Namen erstellt und darüber pornografische Darstellungen verbreitet zu haben. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Zur Berichterstattung im Fall Fernandes
Gegen Christian Ulmen stehen schwere Vorwürfe im Raum. Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat Ulmen in Spanien angezeigt, wegen mutmaßlicher Vortäuschung einer Identität, Verletzung von Geheimnissen, Beleidigung mit öffentlicher Verbreitung, fortgesetzter Misshandlung und schwerer Bedrohung. Um die Erstellung von Deepfake-Pornos ging es dabei ausdrücklich nicht. Die spanische Justiz hat die Strafanzeige von Collien Fernandes an Deutschland abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt derweil wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt gegen Christian Ulmen.
Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der Schauspieler weist die Vorwürfe zurück. Das Landgericht Hamburg hat Anfang Mai einen Großteil der im März erschienenen „Spiegel“-Berichterstattung für zulässig erklärt. Fernandes hatte darin die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich gemacht. Im Juni urteilte auch das Hanseatische Oberlandesgericht, der „Spiegel“ dürfe weiter über die Gewaltvorwürfe berichten.
Der Fall führe brutal vor Augen, wie lückenhaft Schutz, Aufarbeitung und Konsequenzen in Deutschland seien, kritisierten die Initiativen, die die Kundgebung in Berlin organisiert haben. Sie fordern umfassende Reformen im deutschen Sexualstrafrecht und flächendeckende Maßnahmen für mehr Prävention und Schutz. Das Ziel sei, Zustimmung als zentrales Prinzip sexueller Selbstbestimmung auch gesetzlich zu verankern.
nfz/dpa





