Nicht erst seit Beginn des neuen Schuljahres ist klar, wie groß die Schulplatznot in Berlin ist – und ganz besonders in Pankow. Der Bezirk braucht dringend neue Schulflächen, insbesondere im Oberschulbereich. Weil er sie nicht hat, müssen zahlreiche Kinder und Jugendliche in andere Bezirke pendeln. Selbst Bestnoten reichen oft nicht aus, um an der favorisierten weiterführenden Schule angenommen zu werden. Und dann drängen sich in zwei Gymnasien seit neuestem auch noch in insgesamt drei Klassen. Ganze 36 Siebtklässler fassen sie, obwohl die erlaubte Höchstgrenze klar überschritten wird.

Die Lage ist so verzweifelt, dass ein großer Teil des Schulhofs der Heinz-Brandt-Schule geopfert werden soll, um der Not entgegenzuwirken. Dabei würde die Hälfte des beliebten Schulgartens wegfallen, der 2019 für sein Konzept der Vielfalt und Nutzung als grünes Klassenzimmer, Rückzugsort und Herbarium den Berliner Schulgartenwettbewerb gewann. Bei künftig steigendem Schüleraufkommen. Die Morgenpost hat im Sommer 2025 berichtet – und in Kürze soll es so weit sein.

„Das wäre katastrophal für unsere Schülerinnen und Schüler“, warnt Miriam Pech angesichts der bevorstehenden Bau-Pläne des Senats. Dabei ginge es keineswegs darum, neue Schulplätze zu verhindern, so die Leiterin der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee. „Nein, uns treibt die Sorge um, wie man eine gesunde Schule für alle halten und ermöglichen kann“, erzählt sie der Morgenpost.

Beliebteste Oberschulen Pankow Heinz-Brandt-Schule
In der Schülergunst ganz weit oben: Die preisgekrönte Heinz-Brandt-Schule in Weißensee. © Thomas Schubert / BM | Thomas Schubert

Neubau-Pläne im Schulgarten: Gegner sprechen von vorhandener Alternative

Um für neue Schulplätze an der Integrierten Sekundarschule mit aktuell rund 500 Schülerinnen und Schülern zu sorgen, soll ab den Herbstferien, die am 20. Oktober beginnen, ein Modularer Ergänzungsbau (MEB) auf dem Schulgelände entstehen, für 150 bis 200 weitere Schüler. Dort, wo sich der Schulgarten befindet, den die Kinder in den Pausen aufsuchen. Wo sich acht etwa 100 Jahre alte Bäume befinden, die im Sommer als Hitzeschutz dienen. Unter denen an heißen Tagen sogar Unterricht stattfindet – nicht zuletzt, weil sich die oberen Geschosse des Schulgebäudes im Sommer stark aufheizen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) spricht von einem „Paradebeispiel schlechter Politik“. „Obwohl der Bedarf an Schulplätzen seit Jahren bekannt ist, soll nun hektisch gebaut und dabei wertvolles Stadtgrün zerstört werden“, sagt der Verband. Das Vorgehen schade langfristig nicht nur der Natur, sondern auch den Schülerinnen und Schülern. Die Naturschützer nämlich argumentieren, dass es eine ganz konkrete Alternative für die Bebauung des beliebten Schulgartens gäbe.

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Heinz-Brandt-Schule in Weißensee: „Geht auch um gesundes Aufwachsen“

„Gegenüber der Schule befindet sich beispielsweise eine Lidl-Filiale, über der sich eine neu gebaute Schulfläche anbieten würde“, heißt es seitens der DUH. Daher fordere man die Senats- und Bezirksverwaltung auf, die geplante Fällung zu stoppen. Und die DUH kündigt zugleich „notfalls rechtliche Schritte an“.

Auch David Kissling, der Elternsprecher der Schule, schlägt sich auf die Seite der Umweltschützer. Es gehe neben Hitzeschutz auch „um Naturerfahrung und gesundes Aufwachsen in verdichteten Stadtquartieren“. Ein vom Senat genanntes Gründach auf dem Neubau reiche als Ersatzmaßnahme nicht aus.

„Es ist wichtig, die Kinder im Blick zu behalten“, sagt Schulleiterin Pech. Die benutzen den Schulhof mit seinem Garten nicht nur in Pausen oder in heißen Tagen für den Unterricht – sondern auch für sportliche Angebote, etwa zum Ausdauerlauf. Sie erinnert daran, dass „Pankow gar keine Freiflächen für sportliche Aktivitäten“ hat. Die nächste sei zu Fuß 20 Minuten entfernt. Für die knapp 20 Prozent der Schüler mit geistiger oder körperlicher Behinderung keine Option. „Die Situation ist äußerst schwierig“, fasst es Pech zusammen.

Schulgarten der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee, Berlin-Pankow
Mehrere etwa 100 Jahre alte Bäume würden dem Neubau zum Opfer fallen. © Heinz-Brandt-Schule

So äußern sich die zuständigen Senatsverwaltungen

Wäre es also realistisch, über der Fläche des Supermarktes Schulflächen zu errichten, um den Schulgarten zu erhalten? Die zuständigen Senatsverwaltungen verneinen das gegenüber der Morgenpost. Das Lidl-Grundstück befinde sich nämlich nicht im Eigentum des Landes Berlin, so die Verwaltung für Stadtentwicklung. Aus diesem Grund sei ihr vom Bedarfsträger – Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie – das Grundstück der Schule für die Errichtungen des Ergänzungsbaus zugewiesen worden.

Die Bildungssenatsverwaltung weist darauf hin, dass die Heinz-Brandt-Schule zu den „am stärksten überfragten Oberschulen berlinweit“ gehört. Es müssten im Bezirk „schnellstmöglich“ Schulplätze geschaffen werden, die Erweiterung sei „dringend erforderlich.“

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Bezirksamt Pankow: „Lidl hat Verkauf der Fläche abgelehnt“

Mehr ins Detail geht Pankows Schultadtrat Jörn Pasternack (CDU). Es wird auf das „erhebliche Schulplatzdefizit“ der weiterführenden Schulen im Bezirk hingewiesen, „das perspektivisch weiter ansteigen“ werde. Aus diesem Grund habe sich der Stadtrat gemeinsam mit Staatssekretär Torsten Kühne dafür eingesetzt, „dass unter anderem die Mittel für den modularen Ergänzungsbau (MEB) an der Heinz-Brandt-Schule bereitgestellt werden.“ Denn: Es seien „keine geeigneten Grundstücke im Landesvermögen identifiziert“ worden, die zur Verfügung stünden.

„Die von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) vorgeschlagene Alternative auf dem gegenüberliegenden Lidl-Grundstück wurde geprüft“, heißt es weiter. Und: „Trotz wiederholter Gespräche hat die Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG einen Verkauf der Fläche abgelehnt.“ Hinzu kämen baurechtliche Hürden wie unzureichende Abstandsflächen zum angrenzenden Wohnungsbau. Neben einem langen Verfahren mit ungewissem Ausgang ist dies ein Grund, wieso der Stadtrat im vergangenen Jahr die Idee der Pankower Grünen ablehnt hatte, über eine unfreiwillige Übertragung des Parkplatzes – also Enteignung – nachzudenken. Auch eine Umwidmung der Streustraße, um den Schulhof zu vergrößern, war von Pasternack damals „höchst unwahrscheinlich“ genannt worden, schließlich werde die Straße weiterhin für den öffentlichen Verkehr benötigt.

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Nun weist Pasternack darauf hin, dass ein Kurswechsel des weit fortgeschrittenen Projekts „erhebliche finanzielle Verluste für das Land Berlin bedeuten und die zeitnahe Bereitstellung dringend benötigter Schulplätze unmöglich machen“ würde.

Schließlich heißt es seitens des Stadtrats, dass im Zuge der Planungen geprüft worden sei, wie das Umfeld der Schule entlastet werden könne. So sei die Verlegung von Fahrradabstellplätzen ins öffentliche Straßenland genehmigt worden. Nicht konkret geplant seien weitere Maßnahmen wie die Errichtung einer Fahrradstraße oder eines verkehrsberuhigten Bereichs in der Streustraße. Sie seien jedoch „bezirklicher Prüfgegenstand“.