Unser Redakteur Jörg Krauthöfer bietet wöchentliche Wandertipps durch Berlin und Brandenburg an – von Kiezspaziertouren bis hin zu längeren Streckenwanderungen, auch auf versteckten Pfaden durch Parks und Grünanlagen. Heute geht es um südlichsten Punkt der Hauptstadt - nach Rauchfangswerder.
Infos zur Wanderstrecke
- Start/Ziel: Dorfkirche Schmöckwitz
- Distanz: 10,4 Kilometer
- Wegbeschaffenheit: Asphalt, Kopfsteinpflaster, Waldwege, Schotterpiste
- Höhenmeter: 10 m ⬆️ 10 m ⬇️
- Leichte Wanderung
- Gastronomie: diverse Möglichkeiten in Schmöckwitz
Wandern in Berlin - Schmuckes Schmöckwitz
Wenn die Wanderlust packt, muss es nicht immer die Ferne sein. Manchmal liegt das Schöne bekanntlich gleich um die Ecke. Als Schriftsteller Theodor Fontane einst den kleinen Fischerort Schmöckwitz besuchte, war er offenbar nicht sonderlich angetan. „Öd und ärmlich“ sei es hier, schrieb er im vierten Teil seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Auch die kleine Dorfkirche bezeichnete er als „tristen Bau“, und der Gesamteindruck sei eher ernüchternd gewesen.
Heute jedoch, keine Frage, würde Reiseblogger Fontane Schmöckwitz mit ganz anderen Augen betrachten. Der Ort hat sich prächtig herausgeputzt. Schicke Häuser säumen die Straßen, und der Berliner Geldadel hat den Vorort längst für sich entdeckt. Hier kann man gemütlich ein Eis essen, beim Chinesen speisen oder mit einem gemieteten Hausboot die idyllischen Gewässer erobern.
Und wer lieber festen Boden unter den Füßen hat: Schmöckwitz bietet fantastische Wandermöglichkeiten. Ein besonders reizvolles Ziel ist der südlichste Punkt Berlins, der von den Einheimischen scherzhaft – und natürlich hinter vorgehaltener Hand – als „Kap Horn von Berlin“ bezeichnet wird.
Das Erste, was einem als Tourist in Schmöckwitz ins Auge fällt, ist die alte Dorfkirche. Hier endet auch die Straßenbahnlinie 68, die direkt aus Köpenick kommend in diesen idyllischen Berliner Vorort fährt. Das Gotteshaus, erbaut im Jahre 1799 im schlichten Stil des ländlichen Klassizismus, thront auf einem sanften Erdhügel über dem ehemaligen Fischerort und ist eine von mehr als 50 historischen Dorfkirchen, die es in Berlin zu entdecken gibt.
Hauptstadtwanderer - Fontane und der Fischer Kanis
Von der Kirche führt der Weg weiter über die Schmöckwitzer Brücke in Richtung Schmöckwitzer Werder, der malerischen Halbinsel zwischen dem Zeuthener See und dem Krossinsee. Die Brücke spannt sich hoch über die Dahme hinweg und bietet einen hervorragenden Ausblick auf glitzernde Wasserflächen, exklusive Eigenheime und vereinzelt auf kleine Inseln.

Eine der geschichtsträchtigsten Inseln Berlins liegt allerdings ein Stück weiter nördlich, mitten im Seddinsee: die mystische Fischerinsel. Einst soll hier der Fischer Kahnis gelebt haben. „Dieser hatte eine junge Frau aus Schmöckwitz, die sehr blond und ausgesprochen hübsch war, viel hübscher, als man nach ihrem Geburtsort hätte schließen sollen“ schrieb Theodor Fontane in seinen Reiseberichten.
Als 1806 Franzosenkaiser Napoleon Bonaparte mit seinen Truppen in Brandenburg einrückte, fürchtete der Fischer, die schmucken Franzosen könnten seiner Frau den Kopf verdrehen. Er siedelt darum prompt mit ihr auf eine winzige Insel im Seddinsee um, unter einem Vorwand, den seine Frau ihm gutgläubig abnahm, „weil ihr Verstand gerade die Höhe von Schmöckwitz hielt“ (ebenfalls ein Zitat von Fontane). Der Plan des Fischers ging übrigens auf: Kein Franzose setzt je einen Fuß auf die Insel. Als Napoleons Truppen ein paar Jahre später wieder abzogen, hatten sich der Fischer Kahnis und seine Frau dort so gut eingerichtet, dass sie einfach blieben.
Hinter der Schmöckwitzer Brücke führt der Weg nach rechts in Richtung Wald. Schon nach etwa 100 Metern erreicht man eine kleine Badestelle – ein beliebter Treffpunkt für Sonnenanbeter, Wasserratten und Naturfreunde.
DDR-Vergangenheit im Schmöckwitzer Werder
Nur ein paar Schritte weiter liegt das Waldhotel am See. Die markante Architektur des Gebäudes erinnert an seine DDR-Vergangenheit: Einst war das Haus ein FDGB-Ferienheim für verdiente Forstarbeiter und trug den Namen „Bertolt Brecht“. Gegründet wurde es im Jahr 1953. Nach der Wende wurde es von Japanern übernommen und zu einem Studentenwohnheim umfunktioniert. Erst am 25. Oktober 2020 erhielt es den heutigen Namen „Waldhotel am See“.

Von hier aus lassen wir den Zeuthener See zur Rechten liegen und wandern nach links durch das Schmöckwitzer Werder in Richtung Krossinsee. Wie in vielen Wäldern Brandenburgs bestimmt auch hier die Kiefer das Bild. Eichen und Buchen, die einst die Region prägten, wurden bereits im 18. Jahrhundert dem steigenden Holzbedarf der aufstrebenden Hauptstadt Berlin geopfert – sei es als Brennmaterial oder Bauholz. Die Wiederaufforstung erfolgte hauptsächlich mit den schnell wachsenden Kiefern. Doch inzwischen setzt langsam ein Umdenken ein, um den Wald widerstandsfähiger und vielfältiger zu machen.
Rauchfangswerder – Das Kap Horn von Berlin
Nach rund fünf Kilometern erreichen wir unser Ziel: das Kap Horn von Berlin. Rauchfangswerder, der südlichste Zipfel der Hauptstadt. Einen markanten Punkt für Selfies sucht man allerdings vergebens: Der Ort ist nicht zugänglich. Alles zugebaut, Privatgelände. Aber keine Sorge – ein Blick über den Gartenzaun auf das Wasser ist erlaubt. Schließlich geht es bei dieser Wanderung darum, da gewesen zu sein. Das allein zählt doch, oder?
Rauchfangswerder, ein kleiner Ortsteil mit gerade einmal 500 Einwohnern, gehört ebenfalls zu Schmöckwitz. Früher lebten die Menschen hier vor allem vom Fischfang. Später entdeckten wohlhabende Berliner diesen idyllischen Fleck und kauften sich Grundstücke. Eine beliebte Ausflugsgaststätte wurde bald darauf an einer kleinen Bucht errichtet: das „Waldhaus“. Vor allem im Sommer war es ein Anziehungspunkt für Berliner Tagesausflügler. Rauchfangswerder selbst gehört erst seit 1920 zur Hauptstadt. Das einst so beliebte „Waldhaus“ ist seit den 1990er Jahren jedoch Geschichte; heute stehen hier Einfamilienhäuser..
Ein privat geführter Friedhof
Kurz vor dem Ortseingang, gegenüber der modernen Feuerwache, erwartet den Besucher ein echtes Berliner Kuriosum: einer der letzten privat geführten Friedhöfe der Hauptstadt. Hier haben bekannte Persönlichkeiten wie die Opernsängerin Irmgard Arnold und der Schauspieler Heinz Behrens ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auch der US-Schauspieler und Sänger Dean Reed war hier begraben, bevor er 1991 auf den Green Mountain Cemetery in Boulder im US-Bundesstaat Colorado umgebettet wurde..

Von Rauchfangswerder geht es am Ufer des Zeuthener Sees entlang zurück nach Schmöckwitz. Dabei hat man stets den markanten Turm der Martin-Luther-Kirche von Zeuthen auf der anderen Uferseite im Blick. Die evangelische Kirche, erbaut im Jahr 1915, ist ein eindrucksvolles Wahrzeichen der Region und prägt die Silhouette des Ortes.
Ein Tipp für alle, die gerne auf den Spuren von Theodor Fontane wandeln: Der Fontane-Wanderweg führt am Westufer des Sees entlang, schlängelt sich durch das idyllische Naturschutzgebiet Höllengrund und endet schließlich in Königs Wusterhausen. Theodor Fontane war übrigens nie in Rauchfangswerder. Ein klarer Fall von: Da hat er was verpasst.


