Zwei Jahre war er nicht da. Nun stand Christian Thielemann zur Wiederaufnahme der „Lohengrin“-Produktion von 2018 wieder am Pult des Festspielorchesters in Bayreuths verdecktem Graben. Sie sind nach wie vor eine verschworene Einheit. Schon in den sphärisch zarten Streichern des Vorspiels sorgt er momentweise für leuchtenden Druck, bevor sich dann ohnehin die Liebesbotschaft des Grals in orchestraler Breite über die Erde ergießt und sanft wieder entfernt.

Das war die Vision, nun folgt die weltliche Arbeit an diesem Versöhnungsgedanken. Und da malt Wagner auch Öde, Krieg und Verschlagenheit. Thielemann vermag diese Abstürze erschütternd zu gestalten. Dieses Chor- und Herrschaftsgewese mit prächtigem Blech und rabiatem Selbstbewusstsein, das jäh umschlägt in die karger instrumentierte Verlorenheit der Hauptfiguren.

Elsas Menschenliebe gegen Ortruds Nihilismus

Da setzt Elsa, soeben vom Gralsritter Lohengrin vor der Anklage des Brudermords gerettet, ihr zartes „Es gibt ein Glück, das ohne Reu’“ dem wuchtig ausgestoßenen Nihilismus Ortruds entgegen, die ihr den Rang streitig macht. Ihren im Zweikampf mit Lohengrin unterlegenen Kumpanen Telramund tritt Ortrud noch ins Gemächt: „Nennst du deine Feigheit Gott?“ Da setzt Thielemann eine lange Pause, die das Nichts hinter ihrer gott- wie menschenfeindlichen Ideologie spürbar macht. Miina-Liisa Värelä hat einen fulminanten Mezzo für diese Partie, leider fast nur vokalisch, so dass der Text schwer verständlich bleibt. Thielemann dirigiert ihre Einsätze lodernd, ja explosiv. Olafur Sigurdason steht als Telramund mit bärbeißigem Bariton in ihrem Bann.

Lohengrin Bayreuth 2025
Hochzeitsnacht im Trafohäuschen, in der sich Elsa (Elza van den Heever) und Lohengrin (Piotr Beczala) auseinanderdiskutieren, bevor sie je zusammen waren.© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Auf der Lichtseite blüht Elza van den Heevers klangsatter, zart schillernder Sopran als Elsa. Für den Lohengrin bringt Star-Tenor Piotr Beczala einen sinnlich-italienischen Schmelz mit in die Partie, die er sehr männlich mit vielen kraftvoll ausgesungenen Höhen anlegt. Er ist hier weniger engelshaft als in Klaus Florian Vogts Interpretation.

Elektroblitze setzen Trafohäuschen wieder in Gang

Szenisch kommt er wie ein Techniker daher, der ein altes Trafohäuschen mit Elektroblitzen wieder in Gang setzt. Maler Neo Rauch und Frau Rosa Loy haben das Bühnenbild wie ein Pop-up-Gemälde angelegt, mit viel blauem Dunst, Wolkenbergen und zweidimensionalen Papp-Bäumen. Darin wimmelt eine Art Delfter Genrevolk mit weißen Spitzenkragen und Pumphosen, aber auch Mottenflügeln und Käfermützen. Das sieht vor allem schön blau aus, hat aber auch die mysteriöse Dramatik, die Rauchs Bildern of eignet, als könne man im nächsten Moment einen Mord gewärtigen.

Das Innere des Trafohäuschens strahlt zur Hochzeitsnacht von Lohengrin und Elsa warm-orange, als glühe hier die Liebe. Aber wenn das elektroerzeugt ist und Lohengrin Elsa an den Trafo fesseln muss, um sie zu behalten, dann ist das eben nicht die vom Industrialisierungs-Skeptiker Wagner gemeinte Liebe.

Eine Oper aus Wagners revolutionären Jahren

Regisseur Yuval Sharon nimmt mit diesem Verhalten Lohengrins das Eingeständnis Wagners auf, dass der Gralsritter einen etwas elitär egoistischen Liebesbegriff vertrete, und so sollte fortan Elsa, wie eine Vorläuferin Brünnhildes, die Fackel der Revolution tragen. Das Werk wurde ja während seiner Beteiligung an der Dresdner Revolution vollendet.

Yuval findet dafür keine kraftvollen Bilder. Die angebliche Aufwertung der Frauen wirkt albern, wenn die Fräuleins für Elsa scheu Blumen streuen und dann von ihren Männern weggezerrt werden. Die Umdeutung Ortruds bleibt Papier: Sie befeuert zwar Elsas Skepsis gegenüber Lohengrin, aber aus Eigennutz, ihr Zurück ins Matriarchat wäre ebenso grausam wie das Patriarchat des Königs. Elsa allein emanzipiert sich, trifft zuletzt auf den wiedergefundenen Bruder: ein grünes Männchen mit zitternder Wünschelrute. Aufklärung meets Ökologie? Wir möchtens gern glauben, aber es sieht gar zu putzig aus. Das Bühnenteam kriegt am Ende einige Buhs ab.

Lohengrin Bayreuth 2025
Aufklärung und Natur künftig Hand in Hand? Elsa (Elza van den Heever) hat ihren Bruder Gottfried (in Grün) wiedergefunden.© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Musikalisch ist die Wiederaufnahme eine Sternstunde, auch der neue Chor bewährt sich mit lichter Pracht. Für Thielemann wird sie zum Triumph. Gut, dass er im Jubiläumsjahr 2026 wieder für den „Ring“ vorgesehen ist, assistiert von KI-gestützten 3D-Bildern aus der Rezeptionsgeschichte. Im Festspielhaus ist man, siehe AR-Brillen im „Parsifal“, nicht technik-skeptisch.