Es war ein ständiges Kommen und Gehen den gesamten Tag über am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Manche tauchten nur kurz auf, um Blumen niederzulegen – meist rote Nelken. Andere verweilten etwas, standen zusammen, redeten, manche sangen. Zum Nachmittag füllte sich das Gelände mehr und mehr. Das Gedenken zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa heute vor 80 Jahren wird in Berlin bei schönstem Sonnenschein gefeiert.
Es waren vor allem ältere Menschen, die sich am Donnerstag in Treptow zusammenfanden. Wie jedes Jahr mischten sich auch Ostalgiker, Verschwörungsideologen und Anhänger radikaler Kleinstparteien wie der DKP oder der MLPD unter die Menge, schwangen Fahnen und versuchten, ihre teils kruden Thesen unter das Volk zu bringen. Vor allem der russische Angriffskrieg auf die Ukraine erhitzte wie auch in den Vorjahren an diesem Tag besonders die Gemüter.
Das Gedenken am Treptower Park in Bildern
So mussten sich etwa Volker Lee und seine Mitstreiter, die mit einer ukrainischen Flagge am Fuße des Hügels des Ehrenmals stehen, permanente Pöbeleien gefallen lassen. „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass auch ukrainische Soldaten in der Roten Armee gekämpft haben“, sagt Lee. Am 8. und 9. Mai würde sich vor allem Russland als alleiniger Sieger inszenieren. Hochgerechnet seien jedoch 40 bis 50 Prozent der auf dem Gelände des Ehrenmals bestatteten Soldaten ukrainischer Herkunft. „Es gab also einen konkreten Beitrag der Ukraine bei der Befreiung Europas vom Faschismus“, so Lee weiter. „Und heute kämpfen sie erneut ums Überleben.“
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Viele, vor allem ältere Besucherinnen und Besucher empfanden die ukrainische Flagge allerdings als Provokation. „Sie sollten lieber die sowjetische zeigen“, sagte ein älterer Herr. Ein anderer ist der Ansicht, dass Putin in der Ukraine heute erneut den Faschismus bekämpfe und referiert dabei eins zu eins die aktuelle Kreml-Propaganda.
Eine Ansicht, mit der er am Donnerstag im Treptower Park nicht allein war, wie es aus zahlreichen Meinungsbekundungen und Gesprächen deutlich wurde. Für Lee ein Relikt der Sozialisation in der ehemaligen DDR. Dort sei Russland immer als „großer Bruder“ wahrgenommen worden. „Es steckt auch ein bisschen Romantik dahinter.“ Aber auch die aktuelle Propaganda aus Moskau würde verfangen.

Dorothee Eckardt hält von solchen Diskussionen nichts. Die 71-Jährige steht einige Meter entfernt mit einem selbst gestalteten Plakat, auf dem sie den Soldaten der Roten Armee dankt. „Ich hatte das Glück, in einer Zeit ohne Faschismus aufzuwachsen“, sagt sie. „Eigentlich müssten wir heute alle Antifaschisten sein.“ Sie wolle vor allem daran erinnern, dass die Befreier vor 80 Jahren aus dem Osten kamen.
Berliner Polizei am Ehrenmal in Treptow präsent
Insgesamt gab es am Donnerstag in Berlin mehr als 40 Versammlungen mit rund 5000 Teilnehmenden. Die Berliner Polizei war stadtweit mit 1900 Kräften im Einsatz. Sie überwachten auch das Einhalten der Auflagen, die rund um die drei großen Ehrenmale in Treptow, Pankow und Tiergarten gelten. Dort sind sämtliche Symbole, die russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verherrlichen könnten, untersagt — darunter auch russische und sowjetische Flaggen. Die Polizei war außerdem mit einem Hubschrauber sowie mehreren szene- und sprachkundigen Beamten im Einsatz, die entsprechende Symbole gezielt erkennen können.
Nennenswerte Verstöße gegen die Auflagen gab es am Donnerstag laut eines Polizeisprechers nicht. Die Verfügung galt so bereits in den Vorjahren, sodass offenbar ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Auch sonstige nennenswerte Zwischenfälle blieben aus. „Auch am 9. Mai werden wir als Polizei für ein friedliches Gedenken an die Verstorbenen an den sowjetischen Ehrenmälern sorgen“, sagte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel der Morgenpost.
Polizei verhindert pro-russische Aktion am Brandenburger Tor
Russland begeht seine Feierlichkeiten zum Kriegsende am Freitag. Neben Auftritten des Botschafters in Treptow und Tiergarten, gehören auch die Nachtwölfe zur alljährlichen Folklore. Mitglieder des russisch-nationalistischen Motorradclubs werden am Vormittag in Berlin erwartet. Ranghohe Vertreter, die dem russischen Machthaber Putin nahestehen sollen, werden jedoch nicht dabei sein, da sie bereits seit 2015 keine Visa mehr für die Einreise in die EU erhalten.

Derweil konnte die Polizei eine pro-russische Aktion bereits am frühen Donnerstagmorgen im Keim ersticken. So sollen acht Personen gegen 6.30 Uhr versucht haben, vom Dach des Max-Liebermann-Hauses neben dem Brandenburger Tor ein Banner zu entrollen. Allerdings seien sie auf Anweisung der Polizei wieder heruntergestiegen.










