Rückblende in den Sommer 2023. Ein Interview vor der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Australien und Neuseeland. Doris Fitschen ist es ein Vergnügen, über das zu sprechen, was ihr Leben geprägt hat. Für den Trip nach Sydney nimmt sie sich sogar Urlaub und zahlt einen Teil selbst, weil sie jenen Teil der Welt, den sie zuvor nur von den Olympischen Spielen 2000 kannte, noch einmal näher kennenlernen will.
Für sie schließt sich irgendwie ein Kreis. Zu ihrer ersten Weltmeisterschaft 1991 in China. Das erste Turnier in einem Land mit einer anderen Kultur. Fitschen erzählt, wie sie staunte, als auf einmal bei einem Training unter Gero Bisanz 4000 Menschen drumherum standen, weil ein Werk seinen Mitarbeitern einfach freigeben hatte.
Aus dieser Zeit stammt der Vergleich, dass es sich bei der insgesamt 144 Mal im Nationalteam zum Einsatz gekommenen Fitschen um den „weiblichen Beckenbauer“ handeln würde. Dabei war einem chinesischen Reporter nichts Besseres eingefallen, als die groß gewachsene Frau mit den blonden Haaren in der deutschen Defensive mit „Kaiser Franz“ zu vergleichen. Sie bekam den Text sogar persönlich ausgehändigt und hat sich ihn übersetzen lassen. Stolz war sie über das Lob schon – auch wenn ihr das irgendwie als Klischee auf ewig anhaftete.
Doris Fitschen engagierte sich für die Entwicklung des Frauenfußballs
Als eine der weltbesten Abwehrspielerinnen der Geschichte über die Anekdote spricht, hat sie der Krebs bereits gezeichnet. Eine Prothese trägt sie wegen der tückischen Krankheit im Arm. Aber sie sagt auch, dass sie mit Spaß und Freude ihre Arbeit mache, dass sie viel mehr als früher versuche, das Leben zu genießen. Und nicht alles auf die lange Bank schiebe. Als Gesamtkoordinatorin Frauen im Fußball verantwortet sie für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu diesem Zeitpunkt voller Überzeugung die Umsetzung der Strategie „Frauen im Fußball FF27“.

Wenn eine über die Entwicklung in diesem Bereich etwas zu berichten weiß, dann die in Zeven geborene Fitschen. Die anfangs etwas kühle Norddeutsche gehörte zu denjenigen, die 1989 für den ersten von ihren insgesamt vier Europameistertiteln noch das berühmte Kaffeeservice erhielten. Beschwert hatten sich die Spielerinnen damals gar nicht, weil sie glücklich über das volle Stadion an der Bremer Brücke und die Liveübertragung im Fernsehen waren.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf würdigt Doris Fitschen als „Anführerin und Strategin“
Sie spielte damals noch beim VfR Eintracht Wolfsburg: Der VfL Wolfsburg entdeckte sein Herz für den Frauenfußball erst später. Die Defensivspezialistin wechselte in den 90er Jahren erst zum TSV Siegen, danach zur SG Praunheim, die bald im 1. FFC Frankfurt aufging. Jeweils die besten Adressen im deutschen Frauenfußball, wo die ersten zarten Fortstritte zu verzeichnen waren. Fitschen hat in ihrer Karriere auf Vereinsebene je dreimal die Meisterschaft und den DFB-Pokal gewonnen, aber den Kampf gegen den Krebs zu früh verloren.

Ihren Tod machte der DFB am Sonntag „nach langer und schwerer Krankheit“ in Berufung auf die Familie öffentlich. DFB-Präsident Bernd Neuendorf würdigte eine „Anführerin und Strategin“, deren „Präsenz, Dominanz und Aura“ auf dem Platz Orientierung gegeben habe. Begleitet wurde sie über drei Jahrzehnte vom Manager, Investor und Visionär Siegfried Dietrich, der sich für die Belange des 1. FFC Frankfurt und seiner besten Spielerinnen bis zur Erschöpfung (und bis zur Fusion mit Eintracht Frankfurt) einsetzte. „Der frühe Tod von Doris ist ein großer Schock“, teilte Dietrich mit: „Sie war eine richtungsweisende Initiatorin vieler Entwicklungen im deutschen und internationalen Frauenfußball, dem sie immer mit viel Herzblut verbunden war.“
Doris Fitschen fand eine erfüllende Tätigkeit beim DFB
Mindestens ebenso gut kannte sie DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich, die einst beim Verband als Teammanagerin der Frauen anfing – und die WM 1999 in den USA als erstes Turnier erlebte. Fitschen trug die Nummer fünf, spielte sogar selbst noch in den USA, ehe sie 2001 die Karriere beendete. Danach kam sie wieder beim DFB unter, arbeitete erst im Marketing, später von 2009 bis 2016 als Managerin der Nationalmannschaft, die in dieser Zeit zweimal Europameister und Olympiasieger wurde. Überfordert allerdings zwischendrin auch mit vielem, was bei der Heim-WM 2011 auf die Protagonisten einprasselte.
Gerade Ullrich half Fitschen, beim DFB noch eine erfüllende Tätigkeit zu finden, wovon alle Seiten profitierten. „Wir haben mit Doris einen ganz besonderen Menschen nicht mehr um uns“, äußerte sich die Generalsekretärin und fügte einen Satz an, der vielleicht ein klein wenig die große Trauer lindert: „In den letzten Jahren und der Gewissheit um ihre Krankheit war für sie das Glas immer halb voll.“
Doris Fitschen wurde nur 56 Jahre alt.


