Palermo/Bonn
- Die Mafia ist stärker als je zuvor. Das sagt Girolamo Lo Verso, Psychologie-Professor an der Universität von Palermo. "Es gibt 5000 aktive Mafiosi und zehnmal so viele Helfer", schreibt Lo Verso in seinem Buch "Die Psyche der Mafia". "Der Mafiosi ist kein Individuum sondern Teil einer Armee, ihre Familie macht sie stark", erklärt Lo Verso.
Aber warum hat die Mafia mehr Macht und Einfluss als jemals zuvor? "Es sind nicht nur die Taten, für die sie tatsächlich verantwortlich sind", sagt der Psychologe, "es ist vor allem das man ihr zuschreibt, der Mythos und die Geschichten, die erzählt werden."
Die größten Mythen ranken sich um die sizilianische Mafia. Die Einen halten sie für eine Geheimgesellschaft prinzipientreuer Ehrenmänner, die anderen für aalglatte Bösewichte im Anzug mit Goldkettchen oder ganz nüchtern für einen kriminellen Wirtschaftszweig mit Milliardenumsätzen. Was steckt wirklich hinter der Cosa Nostra. Wie werden die Männer zu Killern? Was verschafft ihr Einfluss? Für eine Dissertation ging jetzt Gudrun Dietz von der Universität Bonn dem Phänomen Mafia nach.
Sie interessierte vor allem, wie Literatur und Filme zum Mythos Mafia beitragen. Vieles ihrer Studien erfuhr sie am eigenen Leib - sie lebte ein Jahr lang in Neapel, zu Zeiten einer Mordserie der neapolitanischen Camorra. "Die Reaktion der Neapolitaner blieb aus. Niemand war bereit, sich über das Thema auch nur zu unterhalten", berichtet Dietz. Warum geschwiegen wird? Es ist die Allmacht, welche die Menschen ihr zuschreiben - so berühmt-berüchtigt, dass sich viele Filme um sie drehen - die sie wiederum noch mächtiger machen. Zum Beispiel Giuseppe Favas "Ehrenwerte Leute". In dem Film basiert der Mythos der Allmacht insbesondere auf der "Mauer des Schweigens", der omertà, die die Mafia so geheimnisvoll wie gefährlich werden lässt. Leonardo Sciascia zeichnet in seinem Roman "Der Tag der Eule" ein fatalistisch-allmächtiges Bild der Mafia.
Eine anderes Bild entwirft Francis Ford Coppola in "Der Pate": Der erste Teil der Trilogie zeigt den Mafioso als Familienvater - Held und Beschützer seines Clans. "Der Film veränderte die Wahrnehmung der Mafia. Don Corleone wird auf einmal zum Ehrenmann", sagt Dietz, "Der Pate bedient die Sehnsucht nach einer funktionierenden Familie samt Macht und Autorität."
Für ihre Studien hat sich Dietz auch einen Mafioso vorgeknöpft. Unter dem Pseudonym "Anonymus" beschreibt ein Mitglied der Cosa nostra nüchtern und autobiografisch "[S]ein Leben für die Mafia". "Anonymus betont in seinem Buch, dass er kein anderes Leben wählen würde und nichts bereue. Seine Identität hat er erst in der Mafia gefunden", erklärt Gudrun Dietz. "Mafiosi kennen keine Schuldgefühle", sagt auch Psychologe Lo Verso, "Töten gehört für sie zum bürokratischen Alltag, ihre Familie ist die Camorra, ihr Sexualleben gibt es nicht beziehungsweise es beschränkt sich auf die Pistole."

