Sieben Stockwerke, 8000 Quadratmeter, mehr als 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Sony Music Entertainment, einer der großen Player in der weltweiten Musikwirtschaft, ist in Berlin angekommen. Vor etwa drei Monaten eröffnete der international aktive Musikkonzern seine europäische Firmenzentrale in der Schöneberger Bülowstraße. Unter anderem die Kreativabteilungen von Sony Music Deutschland, Schweiz, Österreich, das Verlagsgeschäft von Sony/ATV Music Publishing und die Klassik-Abteilung, sowie die internationale Unit, die für die Region Kontinentaleuropa und Afrika zuständig ist, wechselten von München in das brandneue Gebäude. „Das Potenzial des Standorts liegt in der Nähe zu den Künstlern“, sagt Patrick Mushatsi-Kareba, CEO von Sony Music Deutschland, Österreich, Schweiz. Mit dem Umzug will Sony Music noch enger mit seinen Künstlern zusammenarbeiten und seinen Mitarbeiterstamm erweitern.
Vorteile am neuen Berliner Standort gebe es viele, sagt Mushatsi-Kareba, der selbst im Jahr 2018 zu Sony Music kam. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich vieles in der Branche auf Berlin konzentriert. Insofern sei die deutsche Hauptstadt unangefochtenes Zentrum für die Musikindustrie. München hingegen habe in der Musikbranche immer mehr an Bedeutung verloren. Ganz hat man sich aus der bayrischen Landeshauptstadt dennoch nicht zurückgezogen. Beispielsweise die Finanzabteilung sowie die Personal- und IT-Abteilung sitzen noch immer dort. Letztlich handelt es sich sogar um eine Rückkehr nach Berlin. Bis 2004 saß Sony Music, damals noch mit der Bertelsmann Music Group (BMG) fusioniert, im Sony Center am Potsdamer Platz. Der neue Gebäudekomplex, entworfen vom Berliner Architekturbüro Gewers & Pudewill, grenzt nun an das Sony Center an. Die Ausstattung und Gestaltung im Inneren übernahmen die Architekten von Studio Karhard.
Berliner Künstler wie Sero oder Alle Farben sind bei Sony unter Vertrag
Einige der Sony-Labels, wie Mark Forsters Label Four Music, hatten ihren Sitz bereits vor dem Umzug in Berlin. Nun sind noch einmal etliche dazu gekommen. Labels wie Columbia, Epic, RCA oder Ariola suchen nach Talenten, nehmen sie unter Vertrag und vermarkten sie. „Die Arbeit der Labels ist unser Nukleus, also das Zentrum unserer Aufmerksamkeit“, sagt der 47 Jahre alte CEO. Als Full-Service-Agentur übernimmt Sony Music die klassischen Aufgaben von Verlegung bis Vermarktung von Musik.
All das findet nun in Berlin statt. Neben Berliner Künstlern wie Sero, Elif, Roland Kaiser oder Alle Farben werden auch internationale Künstler wie Alicia Keys oder Depeche Mode von Sony Music betreut. Gut denkbar, sagt Mushatsi-Kareba, dass man den einen oder anderen Künstler, die eine oder andere Künstlerin schon bald durch den Schöneberger Bülowkiez schlendern sieht. „Wir schleusen unsere Künstler nicht durch die Tiefgarage ein oder so“, sagt Mushatsi-Kareba. Voraussetzung ist aber das Ende der Corona-Pandemie.
Auch bei Sony Music wird auf Homeoffice gesetzt
Denn auch bei Sony Music befindet man sich im Krisen-Modus. Ein Besuch in der neuen Zentrale war deshalb für die Berliner Morgenpost nicht möglich. Per Videoschalte berichtet Mushatsi-Kareba, dass längst nicht alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zurzeit am neuen Standort arbeiten können. Für die meisten heißt es seit Monaten: Homeoffice und viele, viele Videoschalten mit den Kollegen. Mushatsi-Kareba sei, wie er sagt, schon immer ein „Verfechter des Homeoffice“ gewesen. Er vertraue seinen Mitarbeitern. Schon vor dem Ausbruch von Corona in Deutschland habe man mit vielen digitalen Tools gearbeitet. „Trotzdem hat die Krise noch mal zu einer großen Digitalisierung bei uns geführt.“
Um das Kollegium am Berliner Standort aufzubauen, hat es viele Neueinstellungen gegeben. Denn nicht alle haben den Umzug mitmachen wollen oder sollen. Die neuen Kollegen kämen aus Berlin und der ganzen Welt. Einstellungsgespräche seien größtenteils über digitale Wege erfolgt. Genauso die Einführung neuer Kollegen ins Team.
Mushatsi-Kareba: Berlin ist noch immer die Musik-Hauptstadt
Und trotz der guten Erfahrungen, die man Sony Music mit digitalen Hilfsmitteln hat: „Der persönliche Austausch mit dem Künstler kann durch nichts ersetzt werden“, so der CEO. Wegen abgesagter Live-Auftritte zählt die Musikindustrie mit zu den wohl am stärksten betroffenen Branchen. Deshalb unterstütze man die Künstler auch darin, alternative Einkommensquellen wie Werbedeals zu generieren. Obwohl Berlin stark von der Krise geprägt sei, habe es seine Bedeutung als Musik-Hauptstadt aber keineswegs verloren, so Mushatsi-Kareba. Noch immer kämen hier Künstler aus der ganzen Welt zusammen.
Als der Umzug nach Berlin bekannt geworden war, beäugten nicht wenige den Musikkonzern kritisch. Neben Universal Music hat sich mit Sony nun der zweite große Player in Berlin angesiedelt. Der dritte der sogenannten „Major“, Warner Music, sitzt in Hamburg. Nach Auffassung des CEO habe es lediglich vereinzelt Kritik an der Ansiedlung von Sony Music in Berlin gegeben. In Gesprächen mit ansässigen Unternehmen im Kiez habe er ein „herzliches, gutes Verhältnis“ feststellen können. Seiner Ansicht nach habe eine schlichte Verwechslung die Kritik befördert. „Die Menschen haben Sony Music mit Sony Electronics verwechselt. Die Leute haben nur gedacht, ah, dieser Fernsehhersteller.“
Sony Music: Europazentrale sei ein „Statement“
Mit der neuen Zentrale wollte man sich deshalb auch optisch möglichst in die Nachbarschaft einfügen und habe auf eine „umarmende Architektur“ Wert gelegt. Ein Statement sollte sie aber trotzdem sein, allerdings kein „Protz-Bau“. Wie viel in den Neubau samt Umzug investiert wurde, in dem Sony alleiniger Mieter ist, wollte Mushatsi-Kareba nicht sagen und sprach lediglich von einem Millionenbetrag.
In Zukunft will sich Sony Music ein Stück weit auch für den Kiez öffnen. Derzeit entstehe ein Tonstudio, das unter anderem auch für die Arbeit mit Jugendlichen genutzt werden soll. Dazu plane man eine Kooperation mit dem Berliner Verein „Turning Tables“. Denkbar seien Workshops oder Führungen durch das Studio. Für externe Partner, Musikliebhaber und junge Talente werden in Zukunft regelmäßig Panels veranstaltet.


