Vielen Kabarettisten, Comedians, Kleinkünstlern, aber auch Veranstaltern und Theaterbetreibern dürfte das Lachen im Halse stecken geblieben sein, als die Bundesregierung im März vergangenen Jahres den Lockdown verkündete. Als die Bühnen geschlossen und die Kultur so von einem Tag auf den anderen auf ein Minimum reduziert wurde. Es begann eine Zeit der Entbehrung, aber auch der wirtschaftlichen Unsicherheit. Wie sollte es weitergehen?

„Erstmal habe ich den Beruf gewechselt“, sagt Arnulf Rating überraschend – und fügt dann in seiner gewohnt sarkastischen Art fort: „Ich bin Verleger geworden: Ich habe Auftritte verlegt.“ So wie dem Kabarettisten der legendären „Die 3 Tornados“, der seit weit mehr als 40 Jahren auf der Bühne steht, ging es so vielen anderen Berliner Kulturschaffenden. Einige zogen sich zurück, warteten ab oder harrten aus. Andere, wie Rating, probten in der Zeit neue Programme. „Mein aktuelles Programm ‚Zirkus Berlin‘ ist stark vom Virus infiziert“, sagt Rating verschmitzt. Noch den ganzen Sommer über tourt er damit durch das Land und berichtet, quasi hautnah, vom Politikbetrieb aus der Hauptstadt: von Jens Spahn, seiner teuren Villa und den unterbezahlten Pflegekräften, vom Wirecard-Skandal und von Verkehrsminister Andreas Scheuer. „Wie Scheuer sich im Amt hält – das ist ein fantastischer Seiltanz“, so Rating.

Nicht nur neue Programme, auch neue Formate wurden erprobt. So veröffentlichen die beiden Berliner Magier Siegfried und Joy seit April 2020 auf der Social-Media-Plattform Tiktok Zaubertricks und paarten magische Momente mit jenen des schnoddrigen Berliner Alltagslebens. Auch auf Facebook, Instagram und Co. fanden einige Künstler eine neue Bühne.

Richtig populär wurde jedoch das Streaming von Veranstaltungen. Das diente einerseits dazu, die Bindung zu den Zuschauern aufrecht zu erhalten, andererseits half es den Machern, ihre häufig wenig bis überhaupt nicht subventionierten Bühnen am Leben zu erhalten, die zähfließenden Soforthilfen aufzustocken und die Mitarbeiter zumindest zeitweise aus der Kurzarbeit zu holen.

Viele digitale Formate werden fortgeführt

Das BKA-Theater gehörte zu denjenigen, die das Streaming am intensivsten nutzten. Mehr als 220 Livestreams realisierte die Kreuzberger Institution in zwei Lockdowns. „Die Livestreams waren tatsächlich eine sehr gute Möglichkeit, mit dem Publikum Kontakt zu halten, die Theatervorstellungen darzubieten sowie die Künstler und Mitarbeiter zu beschäftigen“, sagt Geschäftsführer Uwe Berger. „Rückblickend sind wir froh, dass wir nahtlos von ‚analog‘ auf ‚digital‘ umstellen konnten, und wir freuen uns besonders darüber, dass wir zusammen mit den Künstlern teilweise sogar neue Formate entwickelt haben, welche die Pandemie sicherlich überleben werden.“

Letztlich, und da sind sich Künstler, Theatermacher wie Zuschauer wohl einig, kann ein Livestream aber nie das reale Erlebnis, das gemeinsame Lachen, Zürnen, Aufregen oder Staunen ersetzen. Und so wundert es wenig, dass ein großes Aufatmen in der Szene zu spüren ist, seit klar war, dass es nun wieder weitergehen kann. Einer der ersten, der wieder auf der Bühne stand, war Arnulf Rating mit seinem „Zirkus Berlin“ – in Berlin, wo er im Mai auf der Freilichtbühne der Ufa-Fabrik auftrat. Auf die Frage, wie es war, sagt er: „Grandios! Die Leute haben geklatscht und sind dageblieben, trotz elf Grad im Freien. Wir gelten ja als nicht systemrelevant! Aber die trübe Stimmung im Land während des Dauerlockdowns hat deutlich gezeigt, wie es ist, wenn unsereiner praktisch ein Jahr nicht auftreten darf. Jetzt wird wieder viel und gern gelacht. Das vertreibt Angst und stärkt das Immunsystem. Eine Freude. Kabarett sollte es endlich auf Krankenschein geben.“

Uwe Berger meint: „Wir erwarten, dass das Publikum ebenso ausgehungert ist wie wir.“ Sein Theater öffnet am 5. Juli. Das BKA feiert im Sommer gleich zwei große Premieren: The Golden Gmilfs um Jurassica Parka präsentieren am 7. Juli ihre neue Vollplayback-Musical-Show „Extra Dry“ und Ades Zabel und Company am 12. August das neue Neuköllnical „Tatort Neukölln“. Auch andernorts geht es im Juli in die Vollen. Auf der Ufa-Fabrik-Sommerbühne freut man sich unter anderem auf Emmi und Willnowsky (28. Juli) und Fil (ab 29. Juli). Fil wird auch im September das Mehringhof-Theater wiedereröffnen, das sich dazu entschieden hat, nach der Sommerpause einen „fulminanten Neustart“ hinzulegen. Auch die Distel verlegt die Wiedereröffnung auf den Spätsommer, spielt aber in der Zwischenzeit open air im Nikolaiviertel (18.+25.7., 1.+8.8.).

Im Tipi feiert Gitte Haenning Geburtstag

Am 9. Juli feiert mit „Drei Lügen zu viel“ die Neufassung des Erfolgsstücks „Gelogene Wahrheiten“ von Frank Lüdecke und Sören Sieg Premiere in den Stachelschweinen. Ab dem 9. Juli startet auch im Quatsch Comedy Club wieder die „Live Show“. In den Wühlmäusen sind unter anderem Florian Schroeder (2.-4.7.), Hans Werner Olm (8.+9.7.) und Götz Alsmann (13.-15.7.) zu Gast. In der Bar jeder Vernunft läuft ab dem 8. Juli die Frankie-Valli-Show „Oh What a Night! – Greatest Unknown Hits“. Im Tipi am Kanzleramt sucht Ass-Dur zum Auftakt nach der „Quint-Essenz“ (8.-11.7.). Im Juli feiert Gitte Haenning dort ihren 75. Geburtstag (23.-25.7.). Und Ende des Monats findet die Premiere von Georgette Dees „Schläft ein Lied in allen Dingen“ (29.7.-1.8.) statt. Im Regierungsviertel kann man vom 16. bis 18. Juli dann auch wieder Siegfried und Joy live – und nicht nur am Bildschirm zaubernd – sehen.