Wäre Markus Söder ein mutiger Staatsmann, dann müsste er wohl bald eine große Rede halten, eine Grundsatzansprache von Gauckscher Wucht. Der bayerische Ministerpräsident würde das komplexe Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung erläutern, über Pflichten und Vorbilder sprechen und sein Verständnis der Libertas Bavariae erläutern, der bayerischen Spielart von Leben und Lebenlassen. Jeder Satz ein Pfeil, der auf seinen Stellvertreter Hubert Aiwanger zielt, Chef der Freien Wähler (FW), und Koalitionspartner der CSU. Söder müsste Distanz schaffen zwischen sich selbst, dem verantwortungsvollen Volksvertreter, und seinem Vize, dem Marketingpolitiker Hubert Aiwanger, der ihn ebenso respektlos wie genüsslich quält, weil er sich der Covid-Impfung verweigert.

Ausgerechnet Söders Machtkrücke Aiwanger führt die relative Ohnmacht eines bayerischen Ministerpräsidenten vor, der sich für allemal kanzlertauglich hält. Beim Impfzaudern des FW-Anführers mag Überzeugung im Spiel sein, aber auch knallhartes Kalkül. Denn Aiwanger will in den Bundestag. Derzeit, so mutmaßen die Demoskopen, liegen die Freien Wähler bundesweit bei drei Prozent. Hält Aiwanger den Impfzoff mit Söder bis zur Wahl am Kochen, ist der Sprung auf fünf Prozent durchaus drin. Statt sechs säßen dann sieben Fraktionen im Bundestag.

Spitzenkandidaten bewegen sich sklavisch im Wohlfühlspektrum

Aiwanger hat Söder und die anderen etablierten Parteien mustergültig in die Defensive getrieben. Die Spitzenkandidaten bewegen sich sklavisch im demoskopisch ermittelten Wohlfühlspektrum. Für alle gilt: Nur kein Risiko, schon gar keine polarisierende Diskussion über Impfpflicht oder Impfprämien oder vermeintliche Privilegien, die eine ähnlich giftige Symbolkraft von staatlicher Freiheitsberaubung entfalten könnte wie einst der „Veggie-Day“. Aiwanger provoziert nun exakt diese heikle Debatte und bedient damit jenes geschätzte Viertel der Bundesdeutschen, die eine Impfung scheuen, aber nicht als Aluhüte diffamiert werden wollen. Je verbissener die Etablierten sich in Wischiwaschi üben, desto attraktiver wird der lautstarke Abweichler.

Mit seiner treuherzigen Erscheinung scheint Aiwanger denkbar weit entfernt von Hysterikern und Gewalttätern, die Steine auf Polizisten werfen. Zugleich positioniert er sich mit mehrdeutigem Trump-Vokabular („Establishment“) auch bei einer demokratieferneren Klientel als unbeugsamer David gegen die Goliaths da oben. Musste der echte Robin Hood tatsächlich kämpfen, genügt Hubert Hood ein tägliches Interview. Mantra: nicht von den Mächtigen verbiegen lassen.

Als Märtyrer wäre Aiwanger für jede Talkshow gebucht

Wie nun geht ein Machtmensch wie Söder um mit dieser medial optimierten Underdog-Strategie? Der CSU-Chef probierte zunächst eine onkelhaft vorgetragene Sorge um den Partner, um dann aufzudrehen und Aiwanger in die Querdenker-Ecke zu rücken. „Unverschämtheit“ bellte der FW-Chef dankend zurück. Merke: Jede Kritik bedeutet automatisch Reklame für Aiwanger. Söders Problem: Ihm fehlen die Machtmittel, den Bockigen zu disziplinieren. Ende der Koalition? Weil da einer seine Rechte wahrnimmt? Als Märtyrer wäre Aiwanger für jede Talkshow gebucht, aus Regionalruhm würde Bundesbedeutung. Und der Bundestag wäre so gut wie sicher.

Söder versucht Ablenkungsfeuer zu setzen, indem er am Kandidaten Laschet herummäkelt. Aber mit Taschenspielertricks wird er den Marketing-Profi Aiwanger nicht los. Deswegen hilft womöglich nur eine große staatsmännische Rede, über Freiheit, Verantwortung und Zusammenhalt. Es wäre Söders erste.