Es ist nicht so, dass ich die Babyflasche meiner Tochter mit Fanta befüllt hätte oder meinen Sohn für jedes Hauen mit dem Schäufelchen auf ein anderes Kleinkind gelobt hätte. Trotzdem musste ich kein Verhaltensforscher sein, um zu erkennen, dass ich bei den Müttern (meistens nur Mütter, weniger Väter) auf den Spielplätzen und in den Cafés von Kreuzberg bis Pankow nicht besonders gut ankam. Und das bis heute.

Ich lese Zeitung am Sandkasten, ­anstatt mein Kind auf dem Klettergerüst anzufeuern, und ernte verständnislose Blicke. Ich putze die Nase meiner Tochter mit ihrem Rock – und mir wird sofort ein Taschentuch angeboten. Ich ­gebe meinem Sohn einen Oreo-Keks aus meiner Handtasche – und kann IHRE Gedanken lesen: Zucker, Kohlen­hydrate, Karies, Mundfäule, Horror!

Neulich fragte mich eine Kindergartenmutter, ob es stimme, dass mein Sechsjähriger schon „Episode I“ gesehen hätte. Ich bejahte, erklärte aber, dass es eine Unaufmerksamkeit meinerseits (überforderte Single Mom) an Weihnachten war. Seine älteren Cousins hätten ... Und na ja ... Die Kindergartenmutter nickte streng und sagte nur „aha“. Der Taxifahrer einen Tag später war wiederum der Überzeugung, ich sei zu streng, als ich einen Zank auf der Rückbank zwischen Sohn und ­Tochter beenden wollte. „Junge Frau, Kinder müssen sich streiten. Lassen Sie die mal.“ Er schaute dabei auf die ­Straße. Ich schaute ihn dafür irritiert an.

Ständiges Reinlabern, Beurteilen, Kritisieren

Das ständige Reinlabern, Beurteilen, passiv-aggressive Kritisieren und dass immer jemand ungefragt seine Ansichten zu Erziehung und ­Gewohnheiten mit Kindern teilt – daran habe ich mich seit der Geburt meines ersten Kindes längst gewöhnt. Kinder sind offenbar ein Gemeingut, die Mutter hat in jedem ihrer Schritte im öffentlichen Raum von potenziell ­JEDEM peinlichst bewertet zu werden.

Jede Regelübertretung abseits der Bullerbü-Norm bedarf einer freundlichen Ermahnung – und sei es nur die vergiftete Geste eines gereichten Taschentuchs. In Bezug auf ihre Kinder können es Mütter keinem recht machen – SCHON KLAR! Aber dass ich mir jetzt bitte schön auch die richtige Einstellung zu meinem (Mutter-)Körper aneignen muss, ist mir neu. Doch, doch: Muss ich! Das hat nämlich die ­Bestsellerautorin Charlotte Roche in ihrer Kolumne „Jetzt könnte es kurz wehtun“ kundgetan.

Roche schreibt: „Um mich rum machen sich ­alle die Brüste. Das finde ich richtig schlimm.“ JA, ICH ZUM BEISPIEL. DAS TUT MIR JETZT LEID. Das fällt nämlich ungefähr unter die gleiche Kategorie, sagt Charlotte Roche, wie: „Ich habe keine Lust auf Geburtsschmerzen, will aber ein Kind (...) und lasse es von Ärzten mit Termin und OP-Besteck rausoperieren.“ WIEDER ÜBRIGENS ICH HIER – ZWEI MAL. Kurzum: Wenn es nach Frau Roche geht, habe ich ALLES, aber auch ALLES falsch gemacht. Das mit dem Muttermund, der sich unter der Geburt wie eine Blume öffnet, und mit den Stillbrüsten, die ja bitte nach der Stillzeit wie ein musealer Gegenstand so bleiben müssen, und das mit dem Bauchaufschneiden – super­böse von mir.

Wettkampf um das korrekte Muttersein

Ich frage mich allerdings, was das soll. Warum suchen die Roches und Erklärmütter dieser Welt immer den Konflikt? Den Wettkampf um das korrekte Muttersein? Woher nehmen die Leute die Zeit, sich als Hobby-Dogmatiker zu gerieren oder die zehn Muttergebote auf Steintafeln zu hämmern? Sollten wir uns nicht alle in Ruhe lassen, loben oder meinetwegen freundschaftlich auslachen? Wenigstens dafür sorgen, dass wir uns im Würgegriff der Selbstgerechtigkeit nicht die Luft abdrücken? Das wäre doch schön: eine Welt, in der jede jeder alles großzügig nachsieht. Bis das alle verstanden haben, sollten wir vielleicht in Ruhe auf dem Spielplatz Zeitung ­lesen. Oder uns die Brüste machen lassen. Kann ich beides empfehlen.

Caroline Rosales (35) ist Redakteurin der Funke Mediengruppe und lebt in Berlin.

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