Spielplätze

Kein Kinderspiel: Berlin hat zu wenig Platz für Kinder

In Berlin gibt es für Kinder viel weniger Flächen, als gesetzlich vorgeschrieben. Wirkliche Besserung ist nicht in Sicht.

Ob Rutsche oder Klettergerüst: In Berlin gibt es zu wenige Spielflächen für Kinder.

Ob Rutsche oder Klettergerüst: In Berlin gibt es zu wenige Spielflächen für Kinder.

Foto: Reto Klar

Berlin. Lyla und ihr Bruder Jamie rauschen mit der Seilbahn auf und ab. Mit Vater Nathan Witkop sind die Fünfjährige und ihr drei Jahre alter Bruder auf dem Hexenspielplatz in Schöneberg. Der Spielplatz gleicht einem einzigen Kletterparcours: Wilde Burgen und Häuschen stehen auf dem Gelände und ragen hoch in die Bäume. „Anspruchsvoll, aber vor allem ausgefallen“, findet das der Papa. „Wir haben hier mal in der Nähe gewohnt, mussten jetzt aber wegziehen“, sagt Witkop. „Das war unser Stammplatz, daher kommen wir gerne wieder her.“

Der jungen Familie gefällt der Spielplatz. Doch es gibt dort auch Probleme. Vor einem Jahr hätten sie auf dem Spielplatz Fixerspritzen gefunden. „So etwas macht fassungslos“, sagt der Vater. Obwohl der Bezirk Beschädigungen schnell repariere, würde er sich noch mehr regelmäßige Pflege wünschen.

1853 Spielplätze gibt es aktuell in Berlin. Doch nicht immer ist die Situation zwischen Klettergerüst und Wippe so, wie es sich Eltern und Kinder wünschen würden. Einige Anlagen sind verschmutzt. Herumliegender Müll oder Drogenbesteck verleiden Familien den Spielplatzbesuch. Nicht selten liegen aber auch Zigarettenstummel rund um Bänke oder in Buddelkästen. Auch deshalb will der Berliner Senat, wie in dieser Woche bekräftigt, das Rauchen auf Spielplätzen verbieten. Doch voran geht es bei dem Plan nicht.

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem: Es gibt längst nicht so viele Spielplätze in den Bezirken wie per Gesetz vorgeschrieben – und wo doch, sind sie oft wegen ihres schlechten Zustandes gesperrt. Das Land Berlin ist nicht in der Lage, die Schieflage zu beheben. Ausreichende Plätze für Klettergerüste und Rutschen zu schaffen und sauber zu halten, all das ist in Berlin kein Kinderspiel. Die Berliner Morgenpost hat sich daher umgesehen, wie es um Berlins Spielplätze steht.

Senat kommt bei Rauchverbot in Spielanlagen nicht voran

Zumindest die Sache mit den Zigarettenstummeln könnte eigentlich schnell gelöst werden. Berlin müsste nur ein entsprechendes Gesetz verabschieden, wie bereits mehrere andere Bundesländer zuvor. Eigentlich. „Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor dem Passivrauchen ist in Berlin sehr wichtig“, sagt eine Sprecherin der Gesundheitsverwaltung in dieser Woche. Doch voran kommt das Vorhaben nicht. Eine entsprechende Gesetzesnovelle liegt seit fast einem Jahr im Abgeordnetenhaus vor und ist bereits durch verschiedene Ausschüsse gegangen. Wann es zu einer Abstimmung kommt, ist noch immer unklar.

Das Thema werde vernachlässigt, kritisiert Johannes Spatz vom „Forum Rauchfrei“. „Die Verwaltung hat nicht genug Biss, es voranzutreiben.“ Spatz war für eine Untersuchung vor einigen Jahren auf Spielplätzen in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs. Am schlimmsten war die Lage um den Hohenstaufenplatz in Kreuzberg. Bei zwei Begehungen fand er 7300 Zigarettenstummel. In der jüngeren Vergangenheit sah die Lage nicht besser aus. „Im Oktober 2018 habe ich dort rund 2000 Kippen gefunden“, sagte Spatz.

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Ob Zigaretten, Drogenutensilien oder sonstiger Müll, sie sind für Kinder und Eltern ein Ärgernis beim Spielplatzbesuch, im schlimmsten Fall gefährden sie die Gesundheit. „Viele Familien sagen, sie können nicht mehr auf den Spielplatz gehen, weil er zu dreckig ist“, sagt Sabine Bresche vom Berliner Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes. Nicht nur Kinder würden Spielplätze nutzen, so die Sozialarbeiterin. Auch Jugendliche würden sich dort aufhalten, da es ansonsten nur wenig Orte gäbe, wo sie sich treffen könnten. Zum Teil nutzten auch Obdachlose die Spielflächen, oder Hundebesitzer führten ihre Vierbeiner dort Gassi.

Viel Negatives kann Papa Dennis Nitsche (33) über Berlins Spielplätze nicht berichten. Die Anlagen für die Kleinen sind aus seiner Sicht recht gut ausgestattet. Mit Töchterchen Joanna ist er auf dem Spielplatz am Preußenpark in Wilmersdorf. Seine Frau arbeitet in der Nähe und bis zu ihrem Feierabend kann er sich hier mit der Eineinhalbjährigen die Zeit vertreiben. „In der Regel gehen wir zum Spielplatz am Lietzensee in Charlottenburg, weil es dort Wasserspielgeräte gibt und ich so etwas als Spielelement für Kinder ausgesprochen wichtig finde“, sagt Nitsche. Die Kleine, so der 33-Jährige, müsste auch die Möglichkeit haben zu matschen.

Auch wenn sich die kleine Joanna schmutzig machen darf, auf das Umfeld achtet der junge Vater. „Ich gucke mir bei Spielplätzen schon die Umgebung an. Wenn diese heruntergekommen ist oder vermüllt, meiden wir die Orte.“ Er findet, dass es in einer Großstadt wie Berlin kaum möglich ist, einen Spielplatz zu finden, auf dem alles komplett in Schuss ist. Kleine Sicherheitskontrollen übernimmt er daher selbst.

Die Sauberkeit der Spielplätze ist das eine. Eine andere Frage ist, an wie vielen Orten Kinder in ihrem Kiez überhaupt rutschen und buddeln können. Hier sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. In allen Berliner Bezirken gibt es rein rechtlich viel zu wenige Spielplätze. Wie die Anlagen gestaltet sein müssen, wie viel Platz sie einnehmen sollen und wie weit für Kinder der Weg zum nächsten Klettergerüst und Sandkasten sein darf, all das regelt das Kinderspielplatzgesetz für das Land Berlin. Dort ist auch festgehalten, wie viel Spielplatzfläche die Bezirke zur Verfügung stellen müssen. Die Regel lautet: ein Quadratmeter Spielfläche pro Einwohner. Das erreichen die Bezirke nicht mal ansatzweise.

Am besten ist die Lage aktuell in Lichtenberg, hier kann der Bezirk die vorgeschriebenen Spielplatzflächen zumindest zu 71 Prozent abdecken. In Pankow und Reinickendorf liegt der Wert mit 68 und 67 Prozent knapp darunter. Anders sieht es in Charlottenburg-Wilmersdorf aus. Hier kann der Bezirk nur 47 Prozent der notwendigen Fläche ausweisen – das ist nicht mal halb so viel Platz für Kinder zum Herumtollen wie gesetzlich gefordert. Schlechter als in der City West ist die Situation nur noch ganz im Osten Berlins in Marzahn-Hellersdorf, wo der Bedarf nur zu 45 Prozent gedeckt wird.

Insgesamt stehen in Berlin nur 60 Prozent der gesetzlich geforderten Flächen zur Verfügung. So sah es in der Hauptstadt nicht immer aus. Im Jahr 2000 konnten die Bezirke den Bedarf an Spielflächen immerhin zu 80 Prozent decken. Manche Bezirke konnten den Kindern vor Ort gar deutlich mehr Spielplätze bieten, als vorgeschrieben. In Spandau beispielsweise kamen auf jeden Einwohner 1,5 Quadratmeter Spielfläche. Werte, von denen Bezirke, Eltern und Kinder heute nur noch träumen können.

Abhilfe ist kaum in Sicht. Bis zum Jahresende sollen in ganz Berlin vier neue Spielplätze entstehen, wie aus der Antwort der Senatsumweltverwaltung auf eine Anfrage der CDU hervorgeht: ein neuer Platz in Marzahn-Hellersdorf, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg und Spandau. Das strukturelle Defizit werden sie nicht beheben. „In einer Stadt wie Berlin gibt es durchaus zu wenige Spielplätze“, sagt Sabine Bresche vom Kinderschutzbund. Teilweise müssten Familien sehr lange Wege zurücklegen, um zu einem Spielplatz zu gelangen. Nicht jede Kita habe zudem auch eine eigene Spielfläche. Sie seien auf nahe und saubere Plätze angewiesen.

Claudia Neumann, Referentin für Spiel und Bewegung beim Deutschen Kinderhilfswerk (DKHW), findet es zwar gut, „dass sich Berlin als einziges Bundesland per Gesetz zu einem Flächenangebot verpflichtet“. Doch der Wert von einem Quadratmeter sei sehr niedrig angesetzt – und selbst den schaffe Berlin ja nicht. „Die Zahlen sind besorgniserregend“, sagt Neumann. Das Handeln der Bezirke sei ein einziges Hinterherhinken. Hinzu kommt: Wegen Bauarbeiten seien viele Spielplätze gesperrt. „Es ist immer noch ein Unterschied zwischen theoretisch vorhandenen Spielflächen und wirklich nutzbaren Anlagen“, sagt die Spielraumexpertin. Als Beispiel nennt sie den Bezirk Pankow. Dort sind aktuell 26 Spielplätze ganz oder teilweise gesperrt.

Antrag für temporäre Spielstraßen wird einfacher

Die Gründe für die unzureichende Spielplatzversorgung sind in allen Bezirken ähnlich. Während Berlins Bevölkerung seit Jahren kontinuierlich wächst, werden die verfügbaren Flächen immer knapper. Fast zwangsläufig sinkt da der Koeffizient und entfernt sich immer mehr von den Vorgaben. Zusätzliche freie Flächen in der verdichteten Innenstadt ständen „praktisch nicht zur Verfügung“, heißt es aus dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. „Auch in Berlin-Spandau besteht eine erhebliche Flächenkonkurrenz mit anderen Nutzungen“, teilt das dortige Bezirksamt mit. In Steglitz-Zehlendorf ständen dem Bezirk „weder personelle noch finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung, ebenso wenig wie freie Grundstücke, um diese Vorgabe zu erreichen“.

„Wir haben keine Reduktion der Spielflächen, aber einen starken Zuwachs der Bevölkerung“, erklärt Sabine Weißler (Grüne), Stadträtin für Grünflächen im Bezirk Mitte. Absolut gesehen sei die Versorgung daher nicht schlechter geworden. Weißler spielt die Bedeutung der Zahlen herunter. „Es ist nicht wie es sein sollte, aber auch nicht dramatisch.“ Im Bezirk Mitte liege der Koeffizient bei 0,59 Quadratmeter pro Einwohner und damit im Bereich des berlinweiten Schnitts von 0,6 Quadratmeter. Das reicht für den Bezirk fast, um noch in der höchsten Versorgungsstufe 5 zu landen, für die es ausreicht, den Bedarf zumindest zu 60 Prozent zu decken. Bei den Ursachen reiht sich die Stadträtin in die Erklärungen der anderen Bezirke ein: „Uns fehlen die Grundstücke.“ Die würden in einem extrem dicht bebauten Bezirk wie Mitte auch nicht mehr neu entstehen. „Die 100 Prozent“, so Weißler, „erreichen wir nicht mehr.“

Besonders im Zentrum konkurrieren Spielplätze mit Bürogebäuden, dringend benötigtem Wohnungen und Schulen um die wenigen verfügbaren Flächen. Was also machen, um Kindern dennoch mehr Platz zum Spielen und Toben bieten zu können? Eine mögliche Antwort auf die Frage lässt sich seit Mittwoch dieser Woche in Kreuzberg besichtigen.

Zuerst sind es nur einige wenige Kinder, im Laufe des Nachmittags jedoch füllt sich die Böckhstraße im Kreuzberger Gräfekiez mehr und mehr, bis man die Straße nicht mehr wiedererkennt. Kinder lassen auf der Straße Hula-Hoop-Reifen um die Hüfte Kreisen, Bälle fliegen kreuz und quer. Die eigentliche Fahrbahn: überall mit bunter Kreide bemalt. Die Böckhstraße gehört ab jetzt jeden Mittwochnachmittag den Kindern. Als erste temporäre Spielstraße Berlins wird sie nun von April bis Oktober immer mittwochs zwischen 14 und 18 Uhr gesperrt für den Autoverkehr.

Spielfläche auf der Straße fördert die Kreativität

„Es war so ein friedliches Miteinander“, schwärmt Cornelia Dittrich von der Initiative Temporäre Spielstraßen. Zwar würde sie den Begriff Nachbarschaftsstraße bevorzugen, da der Ort ein Treffpunkt für alle Anwohner sein solle, doch natürlich gehe es auch darum, dass die Kinder den Platz zum Toben bekommen. „Spielplätze sind wichtig, aber eine Straße ist nochmal ein anderer Ort“, sagt Dittrich. Während bei Rutsche und Klettergerüst jedem Kind vorgegeben würde, wie sie zu gebrauchen seien, müssten sie auf der Straße selbst mehr überlegen, wie sie den Raum nutzten. „Das fördert die Kreativität.“ Am Ende reiche schon ein wenig Malkreide aus und die Kinder würden sich den Platz optisch erobern.

Claudia Neumann vom Deutschen Kinderhilfswerk ist ebenfalls überzeugt von dem Modell. „Das ist eine tolle Möglichkeit, um eine alternative Spielfläche zu schaffen.“ Weitere Straßen könnten folgen. Unter anderem die Gethsemanestraße, die Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg sowie die Templiner Straße in Mitte. Viel weiter ist man bereits in London. Dort werden wöchentlich über hundert Straßen zeitweise zu Spielstraßen erklärt und abgesperrt. Wichtig sei der gewonnene Freiraum für Kinderläden ohne eigenen Spielplatz, betont Dittrich. Zwei davon säßen direkt in der Böckhstraße. „Die können einmal in der Woche einfach die Türen aufmachen.“

Auch die Umweltverwaltung sieht in den Spielstraßen „wichtige, zusätzliche Flächen“. Für den Herbst seien Gespräche mit der Initiative geplant, damit die temporären Sperrungen künftig einfacher eingerichtet werden könnten, teilte die Senatsumweltverwaltung mit. Die Straßen ersetzten jedoch nicht die klassischen Spielplätze, hieß es. Deren Mangel bleibt also bestehen.