MARTINA HELMIG

    Er war ein kleiner, kränklicher Mann mit einem zu großen Kopf. Ein Nervenbündel, das nichts Gröberes als Seide am Leib vertrug. Sein Größenwahn ist legendär. Er hielt sich für einen der faszinierendsten Dramatiker, größten Denker und bedeutendsten Komponisten der Welt – gewissermaßen Shakespeare, Plato und Beethoven in einer Person. Dabei gehörte er zu den langweiligsten Gesellschaftern, die man sich vorstellen kann. Verbrachte man einen Abend mit ihm, konnte man sicher sein, viele Stunden lang einen Monolog anhören zu müssen. Einziges Gesprächsthema: er selbst.

    Ein Revolutionär mit einem leeren Portemonnaie

    Er war ein steckbrieflich gesuchter Revolutionär, und er pumpte jeden an, egal ob Männer, Frauen, Freunde oder Fremde. In Bittbriefen bot er dem Empfänger herablassend an, zu seiner Unterstützung beitragen zu dürfen und reagierte tödlich beleidigt, wenn diese Ehre abgelehnt wurde. Das Geld verschwendete er wie ein indischer Maharadscha. Auch wenn er seine Miete nicht bezahlen konnte, ließ er Wände und Decken seines Arbeitszimmers mit rosa Seide tapezieren. Stets befand er sich auf der Flucht vor Gläubigern und auf der Suche nach amourösen Verstrickungen. Seinem treuesten Freund nahm er die Frau weg. Während er sie noch überredete, ihren Mann zu verlassen, fragte er einen anderen Freund nach einer wohlhabenden Frau, die er wegen ihres Geldes heiraten könnte.

    Der Name dieses Ungeheuers lautet Richard Wagner. Das Sonderbare ist, dass all seine menschlichen Verfehlungen und Charakterschwächen keine Rolle spielen. Denn der unangenehme, faszinierende kleine Mann war mit seiner Überheblichkeit immer im Recht. Heute zweifelt niemand daran, dass er tatsächlich eines der größten und erstaunlichsten Musikgenies war, die die Welt je erlebt hat. Er hat glühende Verehrer wie kein anderer Komponist. Die Opernlandschaft wäre ohne seine Werke kaum denkbar. Noch immer ist er eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Seine Opern lassen niemanden unberührt. Sie stoßen auf glühende Bewunderung oder vehemente Ablehnung.

    Wenn es diesen Richard Wagner nicht gegeben hätte, man müsste ihn als Romanfigur erfinden. Sein exaltiertes, skandalumwittertes Leben führte ihn quer durch Deutschland und Europa. Seine Freundschaft mit dem von der Aura des Wahnsinns umgebenen bayerischen König Ludwig II. trug wesentlich zur Legendenbildung bei. Mit dem Bayreuther Festspielhaus schuf er einen einzigartigen Wirkungsort, der ausschließlich zur Aufführung seiner Musikdramen dient. Sein Tod in Venedig schließlich bildete einen der Mythen des Fin de Siècle.

    Biografen haben es leicht mit ihm. Sein abenteuerliches Leben ist so überbordend reich an Ungeheuerlichkeiten, dass es sich immer spannend erzählen lässt. Biografen haben es auch schwer mit ihm. Auf den ersten Blick gibt es Material in Hülle und Fülle: Tausende von Briefen, eine Autobiografie, Cosimas Tagebücher. Aber den Quellen darf man nicht trauen, in seinen Briefen und autobiografischen Schriften hat der Komponist selten die Wahrheit gesagt. Richard Wagner, der erstklassige PR-Stratege, hat darin sein eigenes Leben inszeniert. Er hat sich selbst zum Musiktitanen stilisiert.

    Er war nicht nur ein politischer Revolutionär, der sich am Dresdner Aufstand von 1849 beteiligte und dabei alles verlor. Vor allem war er ein Kunstrevolutionär, der die verbürgten Gesetze der Musik und der Oper außer Kraft setzte. Seine Klangwelt inspirierte die Moderne. Die Vision von Wagner selbst ging weit über die Musik hinaus, er wollte nicht weniger als ein „Gesamtkunstwerk“ schaffen, das alle Sinne zugleich erfasst. Darüber hinaus trug er wesentlich dazu bei, das Bild des modernen Dirigenten und Opernregisseurs zu prägen. Seine Methodik der Probenarbeit wurde zum künstlerischen Standard.

    Richard Wagner ist einer der wichtigsten und umstrittensten Komponisten der Musikgeschichte. Das liegt nicht nur an seiner schwierigen Persönlichkeit, sondern noch mehr an seiner antisemitischen Einstellung, die sich nicht nur in dem Pamphlet über „Das Judentum in der Musik“ ausdrückt. Wenn man Cosima Wagners Tagebücher liest, muss man feststellen, dass im Hause Wagner in den Jahren 1880/81 kein Tag ohne antisemitische Äußerungen verging. Im Dritten Reich haben die Nazis Wagners Werke für ihre Zwecke instrumentalisiert. Wagner-Freunde leben mit dem Zwiespalt und versuchen oft, Wagners Leben und Gedankenwelt von seiner Musik zu trennen. Manche helfen sich mit einem Satz von Ernst Bloch: „Die Musik der Nazis ist das Horst-Wessel-Lied und nicht das Meistersinger-Vorspiel.“ Daneben stehen Versuche, Wagners Schriften aus seiner Zeit heraus zu verstehen.

    Richard Wagner setzte sich auf dem Grünen Hügel ein Denkmal

    Kein Komponist wurde so oft karikiert und parodiert, so leidenschaftlich verabscheut oder vergöttert wie Richard Wagner. Wagner polarisiert in einem Maß, das für Mozart, Verdi oder Puccini undenkbar wäre. Die Verehrung, die ihm entgegengebracht wird, hat schon etwas Religiöses. Auf dem Grünen Hügel von Bayreuth thront das Festspielhaus wie ein Tempel. Mehr als fünfzig Jahre lang gab es dort massive Bestrebungen, alles so original wie möglich zu erhalten – etwa die Bühnenbilder, auf denen noch die Augen des Meisters geruht haben. Richard Wagner ist der Komponist mit dem größten und aktivsten Freundeskreis. Sechzig Wagner-Verbände existieren allein in Deutschland, zweihundert sind es international. 28.000 Mitglieder sind zwischen Kiew und Montevideo, Reykjavik und Rio de Janeiro organisiert.

    Zu Berlin hat der Komponist eine Hassliebe entwickelt. Mehrfach hat er vergeblich versucht, in der Stadt Fuß zu fassen. Ein Seifenfabrikant hat ihm 1903 das große Denkmal im Tiergarten setzen lassen – unweit der Stelle, an der Wagner und seine Cosima sich bei einer Kutschfahrt ewige Treue schworen. Heute stehen zwei Wagner-Hochburgen in Berlin: die Staatsoper und die Deutsche Oper. Mit Daniel Barenboim und Donald Runnicles gibt es nämlich gleich zwei Generalmusikdirektoren in der Stadt, die ausgewiesene Wagner-Dirigenten sind. Die Deutsche Oper ist 1912 sogar als eine Art Wagner-Theater für die Wintersaison gebaut worden.

    Auch beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt haben Wagner-Nächte Tradition. Brünnhildes „Hojotoho“, die Gralserzählung des Lohengrin, der Matrosenchor aus dem „Fliegenden Holländer“, Isoldes Liebestod und der Walkürenritt sorgen für ganz besondere Höhepunkte. Auch für den Feuerzauber ist gesorgt. Pyrotechniker werden die Bühne und das Konzerthaus mit Lichtern, Feuertöpfen und Fontänen in ein farbenfroh schillerndes Flammenmeer verwandeln .