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Aufbruchstimmung am Spreeknie

Oberschöneweide hat sich in den letzten Jahren zur begehrten Wohnlage entwickelt – und hat noch viel Potenzial

SIMONE JACOBIUS


Auf der einen Seite stehen Gründerzeithäuser, auf der anderen gelbe Backstein­kathe­dralen des frühen Industriezeitalters, in der Mitte fährt die Straßenbahn entlang. Die Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide (OSW) hat zwei Gesichter. Beide sind eng miteinander verbunden. Auf der einen Seite wohnten früher die Arbeiter, auf der anderen Seite schafften sie das Geld heran. Über Jahrzehnte hinweg war Oberschöneweide das Industriegebiet Ostberlins. AEG, VEB Transformatorenwerk, Kabelwerk Oberspree – sie alle hatten dort ihren Sitz und beschäftigten Tausende von Menschen. Mit der Wiedervereinigung begann der Abstieg dieses indus­triellen Ballungsraums. Inzwischen aber hat sich das Bild gewandelt.

Die Ernennung von OSW zum Sanierungsgebiet (2010 aufgehoben) und der Teilumzug der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) waren die Rettungsanker für den Ortsteil. „In den letzten zehn Jahren ist Oberschöneweide immer attraktiver geworden, sagt Thomas Niemeyer, der Regionalmanager für Oberschöneweide. „Gründerzeithäuser wurden saniert, Plätze entstanden, Straßen wurden repariert, Kunst und Wissenschaft haben Einzug gehalten. Viele Studenten bringen inzwischen ein neues Flair hier­her.“ Eine Entwicklung, die sich auch an rasant steigenden Preisen ablesen lässt. So liegen die Mietpreise für Wohnungen, die heute im Internet angeboten werden, im Schnitt um ein Viertel über den Preisen von 2014. Die Kaufpreise sind sogar um die Hälfte gestiegen. Da immer mehr Menschen in den Bezirk ziehen, dürfte dieser Trend anhalten.

Schon jetzt wohnen deutlich über 20.000 Berliner in OSW, besonders viele jungen Menschen und Familien sind in den vergangenen Jahren dazugekommen. Sie alle schätzen die Randlage bei gleichzeitiger Nähe zum Zen­trum Berlins. In letzter Zeit nimmt die Entwicklung des Ortsteils weiter an Fahrt auf. So plant die HTW, komplett nach OSW zu ziehen. Das bedeutet: Etwa 5000 zusätzliche Studenten bräuchten eine Bleibe. Ein neues Innovations- und Technologiezentrum für Industrie 4.0 und Digitalisierung soll entstehen und neben urbanem High­tech­flair auch attraktive Arbeitsplätze bringen.

Südterrasse am Wasser

Wohnen könnte man bald auch direkt am Spreeknie, wie der dortige Spreeabschnitt genannt wird. Im Fokus stehen dabei die alten Industrieareale, in denen künftig im Rahmen einer Mischnutzung gearbeitet, aber eben auch gelebt werden könnte. Nach Feierabend die Südterrasse zum Entspannen nutzen? Nach Wunsch des irischen Investors Toruro, der in unmittelbarer Wasserlage sowohl die Rathenau-Hallen als auch den Peter-Behrens-Bau erworben hat, soll genau dieses Szenario Realität werden. Das 72.000 Quadratmeter große Areal der Rathenau-Hallen wird schon heute von kleinen Betrieben, Künstlern und Designern genutzt. Dort auch zu wohnen passt zu aktuellen Lifestyletrends.

Während so mancher Wohnungskäufer den Tag schon sehnsüchtig herbeisehnt, an dem das Vorhaben genehmigt wird, betrachten manche Alteingesessene die Entwicklung mit Skepsis. Wohnen und Arbeiten im selben Haus etwa, hält Thomas Niemeyer für „Architektenträume“. Denn: „So wie es früher hier war, alles nah beieinander und dennoch klar getrennt, war es klug durchdacht.“ Die Wohnbebauung würde die Nutzungsmöglichkeiten der Areale einschränken. „Konflikte wegen Verkehrslärm, Gerüchen oder Ähnlichem sind vorprogrammiert“, so der Regionalmanager.

Doch noch sind die Areale für den Wohnungsbau nicht frei­gegeben. Wenn das passieren sollte, könnten die Flächen allerdings für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises weiterverkauft werden. Die attrak­tive Wasserlage hat schließlich ihren Preis.

Oberschöneweide befindet sich in einem umfassenden Wandel, den interessierte Käufer aufmerksam verfolgen. Sie müssen schnell reagieren können. Denn stehen die Spreefiletstücke zum Verkauf, sind sie wohl schnell auch wieder weg.