Film "Berlin Excelsior"

Eine Doku zeigt plötzlich meine Kreuzberger Hausgemeinschaft

Ein Film zeigt 87 Minuten Kreuzberger Lebenswelten: Unsere Redakteurin wohnt dort und lernt ihre skurrilen Nachbarn kennen.

Luftschlösser im Hochhaus

Ein Film zeigt 87 Minuten Kreuzberger Lebenswelten: Unsere Redakteurin wohnt dort und lernt ihre skurrilen Nachbarn kennen.

Luftschlösser im Hochhaus

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Ex-Escorts, verhinderte Künstler, Start-up-Träumer: Sie alle wohnen in einem Hochhaus am Anhalter Bahnhof. Ein Dokumentarfilm fängt die Atmosphäre der sozial gemischten Wohnsituation ein. Unsere Redakteurin Katharina Weiß wohnt dort im fünften Stock und lernt die Nachbarn aus dem Film kennen.

Zuhause sein im Excelsior-Haus in der Stresemannstraße am Anhalter Bahnhof, hier wo Kreuzberg fast schon Mitte ist, kennt viele Geschichten: Meine spielen in der Wohnung im fünften Stock des Gebäudes, in der ich seit mehr als fünf Jahren lebe – auf knapp 40 Quadratmetern, die sich wahlweise zum begehbaren Kleiderschrank für Kostümfans der 1950er, in eine Studentenbude mit stapelweise Pizzakartons und Bettenlager oder in eine schummrige Spontan-Bühne für verboten gut-aussehende Musiker mit Melone verwandeln lassen. Geschichten der Geborgenheit – die meiner Nachbarn riechen manchmal schon im Flur nach Marihuana, klingen nach Klaviersonaten von Rachmaninow oder schmecken nach afrikanischer Hausmannskost.

Die mehr als 500 Wohnungen, die hier unweit der Mauer im Stil der Nachkriegsmoderne erbaut wurden, sind zum großen Teil Einzimmerwohnungen. Hier mieten Menschen, die vielleicht nicht gänzlich alleine leben, aber zumindest alleine wohnen: Internationale Studenten, verwitwete Rentner, (Überlebens-)Künstler, Geschäftsmänner mit Zweitwohnung, in die Jahre gekommene Weltenbummler, Alleinerziehende mit Säugling – diesem wilden sozialen Mix haben Regisseur Erik Lemke (35) und Kameramann André Krummel (28) nun einen Dokumentarfilm gewidmet. „Berlin Excelsior“ bewegt sich 87 Minuten lang durch die 17 Stockwerke des Hauses und rangiert dabei zwischen intim, skurril und herzlich. Lemke selbst wohnt im zehnten Stock des Hauses, dessen giftgrüne Wände in den Fluren unter Neonlicht zwar auch den schönsten Urlaubsteint etwas krank erscheinen lassen, seine Bewohner hinter den Apartmenttüren dafür aber mit übergroßen Fenstern entschädigt. Die bieten einen – für Berlin – malerischen Ausblick über die Freifläche vor dem Tempodrom, der mit jedem Stockwerk noch ein bisschen spektakulärer wird.

Wer hier lebt und Gäste empfängt, der kann nicht viel verstecken: Die meisten Wohnungen bestehen aus nur einem Raum. Für Rumpelkammern ist hier kein Platz. Wer also den beiden Dokumentarfilmern Lemke und Krummel die Tür öffnet, gibt von Vornherein schon sehr viel preis. Dass die beiden es trotzdem schaffen, ihre Kamera in diesem überschaubaren Biotop urbaner Lebensentwürfe so unsichtbar zu platzieren, dass man in manchen Szenen kaum glauben kann, dass es sich bei dem Gezeigten nicht um Fiktion handelt, ist mindestens bemerkenswert.

Als ich den Film vorab sehe, lerne ich auf der Leinwand einen meiner Nachbarn aus dem 14. Stock kennen. Michael (51), Typ gealterter Techno-Raver, will an frühere Erfolge als Escort-Boy anknüpfen und nutzt die perfekte Lage der Wohnung als Köder für Grinder-Dates, einer Dating-Plattform für Homosexuelle. Der Film zeigt eines dieser Rendezvous zwischen ihm und einem Latino-Jüngling – es dauert nicht lange, bis die schüchterne Konversation in eine halbnackte Knutschsession gleitet.

Als ich Erik Lemke bitte, mir ein paar meiner Nachbarn aus dem Film vorzustellen, landen wir zuerst bei ebendiesem Michael. Mit der Konsole vor dem Fernseher und den zusammengewürfelten Ikea-Möbeln könnte es auch eine Studentenbude sein – doch der ehemalige Flugbegleiter, der später als Escort durch Europa jettet, ist in Berlin gestrandet, um zu bleiben. Dass die Einrichtungen im Excelsior-Haus, die sich von schmuddelig bis schick dem Geschmack und Geldbeutel der Bewohner anpassen, immer auch ein wenig den Eindruck erwecken, nur einen Zwischenhalt zu konstruieren, ist eines der grundlegenden Themen des Films. „Auch wenn es vereinzelt Menschen gibt, die hier seit den 60ern wohnen, ist im Generellen die Fluktuation schon sehr hoch“, sagt Erik Lemke. „Wir sind immer wieder darauf gestoßen, dass unsere Protagonisten das Excelsior-Haus nicht als Endstation sehen.“

Sobald ein neuer Job oder ein neuer Partner erscheinen, soll das Leben besser und die Wohnung zumindest anders werden. Das ewige Warten auf Absolution und Abenteuer – speziell Protagonisten, die dieser Warteschleife des Lebens entfliegen wollen, stehen im Zentrum des Dokumentarfilms. Dabei sind die neuen Wohnungen piekfein renoviert und die einzelnen Apartments in der „Anhaltervilla“, wie die Bewohner das Haus manchmal liebevoll nennen, machen mit einzigartiger Lage im Herzen der Stadt wett, was ihnen an Quadratmetern fehlt. Dennoch bleibt der Beigeschmack, so umringt von Hotels wie dem Suite Novotel, dem Ibis und anderen Ketten im Schatten des Potsdamer Platzes, selbst in einem Hotel zu wohnen. Auch dass im 17. Stock des Excelsior-Hauses die Solar-Bar mit gehobener Gastronomie und Cocktailpreisen ab 13 Euro residiert, passt da ins Bild – schließlich hat jedes Hotel ein Restaurant und eine Bar, an der sich die Langzeitgäste und die Durchreisenden die Drinks einschütten und das Herz ausschütten.

Hier oben treffe ich auf einen weiteren meiner Nachbarn, den ich nur aus dem Kino kenne: Norman (32) will mit seinem Start-up „ChangeU” anderen Menschen zum Glück verhelfen, und sich selbst zu einem schicken Sportwagen. Angesteckt von der Pionierstimmung von Berlin-Mitte sieht auch Norman sich berufen, mit einer Idee die Welt zu verschönern. So leidenschaftlich der hauptberufliche Erzieher auch bei der Sache ist, so erfolglos lief das Projekt bisher.

Norman ist ein herziger Typ, der im Film und beim Treffen mit mir die ein oder andere Träne vergießt – wünschen würden man ihm die Erfüllung seiner Träume allemal, aber Berlin kann eben auch hart sein.

Obwohl Lemke und Krummel ihr Material von mehreren Stunden bewusst nach der Thematik des Hoffens und Scheiterns filterten, weben sie in all die kleinen und großen Anekdoten der Bestrebungen meiner Nachbarn immer wieder Szenen mit Rentner Richard (72) ein. Er ist der Mephisto, der Alleskönner, der selbsternannte Hochstapler des Films – und wie sich herausstellt der Nachbar, welcher direkt unter mir wohnt. Nachdem wir geklärt haben, dass er sich an meine mitternächtlichen 70er-Pop-Orgien bereits gewöhnt hat, plaudert Richard aus dem Nähkästchen. Der geborene Thüringer erzählt von seiner Zeit als Grenzsoldat an der Mauer, von diversen Liebschaften in der geteilten Hauptstadt, von Jobs als Produktdesigner, Pressefotograf oder Entwicklungshelfer. Auch hier schwebt die Fiktion im Raum, aber dem Zuhörer ist es herzlich egal, denn wunderschön erzählen kann Richard allemal, und sein lustiger Schnauzer flattert sanft wenn er lacht, und er lacht oft. „Das hier war die Studentenbude meiner Tochter, und in die bin ich dann reingezogen“, erzählt er. Seine aktuelle Lebensgefährtin fand das mit Büchern, Kunst und Souvenirs aus 72 Jahren Abenteuerlust zugestellte Apartment im vierten Stock zunächst furchtbar, mittlerweile hat aber auch sie sich damit abgefunden, dass Richard sich hier pudelwohl fühlt. Keine Zwischenstation, keine Warteschleife, Richard ist angekommen. Sein Grund dafür? „Das Haus ist wie Berlin – da gibt’s alles. Fertig.“

Vorführungen von Berlin Excelsior im Rahmen des Filmfestivals Achtung Berlin:

Montag, 16.4. 22:00 Babylon 1

Di 17.4. 19:00 Eiszeit Kino

Mi 18.4. 18:00 Babylon 3

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