„Ich habe gekämpft, es war eine Ochsentour. Aber es hat sich gelohnt“, sagt der Berliner Grünen-Politiker Özcan Mutlu über seinen Weg durch Schule und Hochschule. Er ist eine von zahlreichen Persönlichkeiten, darunter Mitglieder des Bundestags, Bundes- und Landesminister, die auf ersteanderuni.de in kurzen Videos erzählen, wie es war, als Erste in der Familie zu studieren, als Kind von Eltern, die selbst keine Akademiker sind. Sigmar Gabriel ist dabei, Umweltministerin Barbara Hendricks, Andrea Nahles, Johanna Wanka. Aber auch Airbus-Chef Thomas Enders.

Ungleich informiert

Sie gehören zu einer Minderheit: Laut einer Studie von Stifterverband und McKinsey nehmen nur 21 Prozent der Kinder aus Nicht-Akademiker-Elternhäusern ein Studium auf. Bei den Akademikerkindern strömen dagegen etwa 74 Prozent an die Hochschulen. Die Ursachen sind bekannt: Abhängig vom Bildungshintergrund ihrer Eltern wissen Jugendliche sehr unterschiedlich über Kosten, Finanzierung und Nutzen eines Studiums Bescheid. Entsprechende Informationen – das haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) im Jahr 2016 herausgefunden – können jedoch dafür sorgen, dass Jugendliche ohne akademischen Bildungshintergrund der Eltern eher ein Studium anstreben.

Eine, die diesen Schritt gewagt hat, ist Franziska Wetterling. Aufgewachsen in ländlicher Umgebung in Sachsen-Anhalt als jüngstes von drei Geschwistern und mit eher mäßiger Abiturnote begann sie 2009 an der BTU Cottbus zu studieren, „ohne genau zu wissen, wie ein Studium eigentlich funktioniert“. Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit, das bedeutet für die 30-Jährige, die inzwischen an ihrem Master-Abschluss an der TU Berlin arbeitet: „Das Wissen über die Möglichkeiten sollte gleich verteilt sein, es sollte für jede und jeden denselben Informationsstand geben.“ Und zwar schon in der Schule, wenn die Entscheidung zwischen Ausbildung und Studium ansteht. Deswegen engagiert sie sich als Mentorin bei ArbeiterKind.de. Die 2008 gegründete gemeinnützige Organisation will Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu ermutigen, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Sie bietet vor und während des Studiums Unterstützung bei Studienorganisation, Finanzierung oder Berufseinstieg und verweist an die professionellen Beratungsstellen. Aber sie fördert auch den Austausch untereinander, zum Beispiel darüber, wie es ist, am Wochenende nach Hause zu fahren und dort von seiner ganz neuen Lebenswelt zu erzählen.

„Einer von uns“

Bundesweit engagieren sich 6000 Ehrenamtliche in 75 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen, halten Vorträge in Schulen, sind auf Messen und bei Tagen der offenen Tür präsent, antworten auf zahllose Fragen im Online-Forum und bieten regelmäßige, offene Gruppentreffen an. „Wir stellen immer wieder fest, dass viele noch nichts von Bafög gehört haben. Oder die Eltern haben Sorge, dass sich die Kinder damit total verschulden. Den Schülern aus Nicht-Akademiker-Familien fehlen oft auch konkrete Vorbilder, sie haben die gesamte akademische Berufswelt gar nicht auf dem Schirm“, erzählt Wetterling. Natürlich könne jeder Informationen googeln, „man muss aber erst mal auf die richtigen Fragen kommen“. Und ohnehin sei es viel hilfreicher, eine echte Geschichte von jemandem zu hören, der in der gleichen Situation war, „einem von uns“, der zum Beispiel ein Auslandsstipendium bekommen hat, auch ohne Einserkandidat zu sein.

Vertrauen in sich selbst

Dieser sogenannte Peer-to-peer-Ansatz wird auch eine Rolle spielen, wenn Almeida Romario Mpava demnächst vielleicht seinen ersten ArbeiterKind.de-Schulvortrag hält. Romario ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren, als Kind kam er nach Berlin und ging in Neukölln zur Schule. Er war ein guter Fußballer und ein schlechter Schüler: „Ich wusste, dass ich nicht dumm bin, aber ich war extrem faul. Wir haben uns halt lieber mit anderen Sachen beschäftigt als mit Lernen“, gibt er zu. Der erste Impuls kam, als er am Ende der 10. Klasse nicht den mittleren Schulabschluss, sondern lediglich den erweiterten Hauptschulabschluss schaffte. „Da war ich schon in meinem Stolz gekränkt“, erzählt der heute 30-Jährige. Eine Enttäuschung, die ihn angespornt hat. Langsam, Schritt für Schritt – über den nachgeholten Realschulabschluss, eine Ausbildung zum Sozialassistenten und die Fachhochschulreife – hat er sich durchgekämpft bis ins Studium Soziale Arbeit, das er im vergangenen Jahr an der Alice Salomon Hochschule begonnen hat. Später, im Master, möchte er noch Politik dazunehmen.

Romarios Erzählung macht deutlich: Es sind nicht immer nur strukturelle oder Informationsprobleme zu bewältigen. Man muss sich selbst auch trauen, sich ein Studium zutrauen. Auch so manche Eltern bremsen hier – weil sie ihr Kind vor vermeintlichen Enttäuschungen oder Misserfolgen schützen wollen. Erste an der Uni sein – das ist für die ganze Familie ein großer Schritt.