Wer nach zwölf oder mehr Schuljahren studieren möchte, dem sollte es eigentlich nicht schwerfallen, einen passenden Studiengang zu finden: Er hat inzwischen genug Zeugnisse bekommen, AGs besucht und Wahlfächer hinter sich, um ziemlich genau zu wissen, was er kann und mag oder eben nicht kann und nicht mag.

Dass es aber wohl doch nicht so einfach ist, legt eine aktuelle Studie des Deutschen Zen­trums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) nahe. Demnach bricht fast ein Drittel aller Bachelorstudenten das Studium innerhalb der ersten Semester ab. Als Gründe nennt die Studie vor allem zu hohe Leistungsanforderungen und mangelnde Motivation. Aber wie kommt es, dass sich viele so falsch einschätzen – und wie können es Studienanwärter besser machen? Eine Anleitung in fünf Schritten:

1. Durchatmen

Zunächst einmal: durchatmen. Die Wahl des Studiums ist gar nicht so entscheidend, wie man in dem Moment, in dem man sie treffen muss, glaubt. „Für viele meiner Klienten ist die Frage der Studienwahl bedrohlich“, sagt der Berufs- und Studienberater Andreas Nolten. „Sie denken, es müsse die perfekte Entscheidung sein, weil sie sich ja für die nächsten 40 Jahre festlegten.“ Nolten empfiehlt, entspannter an die Sache heranzugehen. Mit dem Studium legen wir uns nicht bis zur Rente fest – wir haben später noch oft genug die Möglichkeit, die Weichen neu zu stellen.

2. Selbstbilder korrigieren

Obwohl man sich selbst doch besser kennen sollte als jeder andere, haben junge Erwachsene oft ein falsches Selbstbild. Das liegt unter anderem daran, dass es gar nicht so leicht ist, auseinanderzuhalten, wer man ist und wer man sein will. „Von außen bekommen wir ständig Rückmeldungen darüber, was attraktive und was weniger attraktive Interessen sind“, sagt Nolten.

Besonders die Eltern üben hier großen Einfluss aus, womöglich, ohne es zu wollen. Gerade in Akademikerfamilien werde den Kindern so unbewusst vermittelt, welche Berufswahl angemessen wäre. Auch die Peergroup, also Freunde und Mitschüler, spielen bei der Entwicklung des Selbstbilds eine Rolle. So kann der soziale Druck verhindern, dass man sich über seine wirklichen Stärken und Interessen klar wird. Oder dass man sich gar nicht erst traut, einen bestimmten Beruf anzustreben.

3. Interessen entdecken

„Ich rate grundsätzlich dazu, den eigenen Interessen zu folgen“, sagt Andreas Nolten. Fähigkeiten seien wichtig, Motivation auch – aber eine stabile Interessenlage sage berufliche Zufriedenheit und Erfolg am zuverlässigsten voraus.

Aber wie unterscheidet man angebliche von tatsächlichen Interessen? Dazu ist es wichtig, auszuprobieren, wie unterschiedliche Tätigkeiten auf einen wirken. Wann hat man Geduld bei dem, was man tut, und wann nicht? Wann angenehme Gefühle und wann nicht? Andreas Nolten hat die Erfahrung gemacht, dass viele junge Leute ihre Studien- und Berufswünsche aus Gesprächen oder den Darstellungen in Medien entwickeln. Wer aber wirklich etwas über sich selbst herausfinden will, müsse Erfahrungen am eigenen Leib machen. „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Interessen einfach so vom Himmel fallen“, sagt Andreas Nolten. Das Gegenteil sei der Fall: Interessen müsse man sich erarbeiten. Wer nicht weiß, was ihn wirklich interessiert, der hat womöglich noch nicht genug ausprobiert.

4. Weiterdenken

Aber auch, wenn man während der Schulzeit schon allerhand ausprobiert hat, muss man aufpassen, keine falschen Schlüsse zu ziehen. Wem die Arbeit mit der Jugendgruppe Spaß gemacht hat, sollte deshalb noch nicht Erzieher werden. Und wer gern kocht, ist nicht unbedingt der geborene Koch.

„Das Interesse hinter dem Interesse ist entscheidend“, sagt Nolten. Man muss also fragen: Was genau hat mir an der Tätigkeit mit den Jugendlichen gefallen? Womöglich war es der Kontakt mit Menschen – und den hätte man auch als Arzt oder Lehrer. Und das Kochen gefällt einem womöglich nur, weil man so gern Gäste bewirtet. Als Koch aber stünde man meist allein in der Küche.

5. Entscheidung treffen

Viele Abiturienten sind mit dem riesigen – jährlich wachsenden – Angebot an Studiengängen heillos überfordert, sagt Andreas Nolten. Sie wissen dann nicht, wo sie überhaupt anfangen sollten, und befürchten, den für sie optimalen Studiengang zu übersehen.

Dass zu große Auswahl den Menschen in der Entscheidungsfindung behindert, ist bekannt. „Die Schwierigkeit besteht darin, eine gesunde Haltung dazu zu finden“, sagt Nolten. Man solle möglichst akzeptieren, dass man nicht alles wissen kann, und auf der Grundlage des beschränkten Überblicks, den man hat, eine vernünftige Entscheidung treffen. Wer dabei vielleicht ein kleines bisschen danebenlag, muss noch keine Krise bekommen. Interessen verändern sich wie viele Persönlichkeitsmerkmale im Laufe des Lebens. Und sie passen sich zum Glück auch ein Stück weit dem an, was wir tun. „In der psychologischen Forschung ist bekannt, dass sich Interesse an etwas entwickeln kann, das man dauerhaft tut und an dem man ursprünglich nicht interessiert war“, sagt Nolten. Das liegt daran, dass wir uns automatisch mit den Dingen identifizieren, die wir tun – sie ändern unser Selbstbild.