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Schule aus – und dann?

So lässt sich eine längere Bedenkzeit vor Studium oder Ausbildung sinnvoll nutzen

Die Fragen drängen sich bei einigen schon in der Schulzeit auf: Was mache ich nach meinem Abschluss? Andere werden mit der Frage konfrontiert, wenn sie ihren Wunschstudienplatz nicht bekommen. Was nun? „Ich rate dazu, nach der Schule erst einmal eine Auszeit einzulegen“, sagt Jan Bohlken, Gründer und Inhaber der privaten Studienberatung Profiling Institut. Abiturienten, die ein Wartesemester haben oder den gewünschten Studienplatz nicht bekommen, könnten so sinnvoll die Zeit überbrücken, die anderen hätten Zeit, über ihre berufliche Perspektive nachzudenken. „Die meisten sind ja noch sehr jung, wenn sie von der Schule kommen“, sagt der Studienberater. „Ein Freiwilligenjahr oder ein Auslandsaufenthalt ist eine tolle Chance zu reifen.“

Nützlich für Bewerbungen

Wer eine Auszeit zwischen zwei wichtigen Lebensabschnitten — auch „Gap Year“ genannt — machen möchte, hat die Wahl. Soll es ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Ökologisches oder Politisches Jahr sein oder der Bundesfreiwilligendienst? Oder soll es eine Weltreise, ein Auslandsaufenthalt in Verbindung mit Work&Travel oder Au-pair werden? „Wichtig ist es, etwas zu finden, was einem wirklich Spaß macht und auf Interesse trifft“, sagt Bohlken.

Eine mehrmonatige Auszeit könnte zum Beispiel der Berufsfindung dienen, der Studienorientierung oder der Bewusstseinserweiterung und Persönlichkeitsbildung. „Einmal ein Ehrenamt ausgeübt zu haben oder eine Auslandserfahrung vorweisen zu können, ist mittlerweile schon ein Must-have im späteren Bewerbungsprozess“, sagt er.

Die verschiedenen Möglichkeiten, ein FSJ zu absolvieren, bieten jungen Menschen im Alter von 16 bis 26 Jahren vor Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums einen Einblick in soziale und pflegerische Berufe, aber auch in Tätigkeitsfelder, die mit Umweltschutz und politischem Engagement zu tun haben.

Weniger bekannt ist das Freiwillige Soziale Jahr in Wissenschaft, Technik und Nachhaltigkeit (FJN). Hier können die Schulabgänger in Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Kommunen, Vereinen, Einrichtungen der Energietechnik oder bei Herstellern und Betreibern von Windkraft- und Solaranlagen wichtige Erfahrungen sammeln.

Studienvorbereitung

Alternativ zum FSJ können sie auch ein Jahr Bundesfreiwilligendienst (BFD) machen. Der Unterschied zum FSJ ist etwa, dass der BFD nicht im Ausland möglich ist. Gut zu wissen: Beide Freiwilligendienste werden von einigen Hochschulen angerechnet.

Wer etwa Archäologie studieren möchte und sein freiwilliges Jahr in der Jugendbauhütte Berlin/Brandenburg bei der Stiftung Denkmalschutz absolviert – oder in einer der anderen der insgesamt 14 Jugendbauhütten bundesweit –, kann diese Zeit als Praktikum verbuchen, eine Voraussetzung, um sich für den Studiengang Konservierung/Restaurierung/Grabungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin imma-trikulieren zu können. Einsatzstellen sind etwa im archäologischen Eingangsmagazin des Landesdenkmalamtes Berlin oder bei archäologischen Grabungen in Brandenburg. Vorbild sind die mittelalterlichen Bauhütten, in denen Handwerker und Lehrlinge gemeinsam Kathedralen errichteten und die Alten ihr Wissen an die Jungen weitergaben.

Wer jedoch ins Ausland möchte, kann diesen Wunsch mit Abenteuerlust und Arbeit verbinden. Im Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IFD) zum Beispiel können Schulabgänger in alle Länder der Welt reisen, um zwischen sechs und 18 Monate im sozialen oder ökologischen Bereich sowie im Bildungswesen zu arbeiten.

Man sollte die Zeit nutzen

Auch Work&Travel ist eine Alternative, die Auszeit zu gestalten. Beliebte Reiseländer sind Australien und Neuseeland, um sich dort mit Jobs für Kost und Logis über Wasser zu halten. „Ich habe jedoch von vielen gehört, die damit nicht so glücklich waren“, sagt Bohlken. Man brauche regelmäßig Jobs und müsse deswegen offen auf Menschen zugehen. „Das ist nicht jedermanns Sache.“

Eine Alternative ist, den Aufenthalt als Au-pair zu gestalten, indem man ein halbes oder ein Jahr bei einer Gastfamilie verbringt und dort im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung hilft. „Jeder Auslandsaufenthalt trägt zur Persönlichkeitsbildung bei“, sagt Bohlken. Zudem könne man seine Sprachkenntnisse vertiefen.

Er empfiehlt, die freie Zeit zu splitten — ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen, um sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, und ein halbes Jahr in Berlin ein zielführendes Praktikum zu machen, das einen Einblick in den Wunschberuf gibt. „Zwölf Monate ausschließlich zu reisen oder reines soziales Engagement zu zeigen, ist nicht gewinnbringend, wenn man kein größeres Ziel vor Augen hat.“

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