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Walther Rathenau, das Gesicht der Weimarer Republik

| Lesedauer: 10 Minuten
Susanne Leinemann

Vor 150 Jahren wurde der spätere Großindustrielle und Politiker geboren. Noch immer fasziniert er

Genau eine Woche ist Walther Rathenau als Außenminister der Weimarer Republik im Amt, da entsteht das Porträt. Es ist ein Mittwoch, der 8. Februar 1922. Rathenau schaut direkt in die Kamera, der Blick ist etwas hochmütig, auf jeden Fall unnahbar. Kein Lächeln umspielt seinen Mund.

„Richtig beliebt ist Rathenau nie gewesen“, hat einer seiner Biografen, Ernst Schulin, einmal gesagt. Zu keiner Zeit, in keiner seiner vielen verschiedenen Lebensphasen. Dafür war er zu widersprüchlich.

Und dennoch – niemals wieder in der Weimarer Republik fanden sich so viele Menschen zusammen wie zur Beerdigung Walther Rathenaus, nachdem er am 24. Juni 1922 von Mitgliedern der Organisation Consul, einem Freikorps, ganz in der Nähe seines Hauses im Grunewald ermordet worden war. Millionen Menschen zeigten auf den Straßen und Plätzen des Deutschen Reiches ihre Trauer um den Politiker, bekundeten ihre Abscheu vor der rohen Tat; Rathenau, selbst im offenen Auto sitzend, war aus einem überholenden Auto mit einer Maschinenpistole erschossen worden. Danach warfen die Attentäter noch eine Handgranate in den Wagen des Ministers. Es war der Versuch, die junge demokratische Republik zu destabilisieren. Doch die Wirkung war im ersten Moment gegenteilig. So rief der Schriftsteller Thomas Mann in einer Rede seine Zuschauer danach auf, „unsere noch ungelenken Zungen zu dem Rufe zu schmeidigen: ,Es lebe die Republik‘“.

Faszinierend, schillernd, geliebt und gehasst – das war Walther Rathenau fast sein ganzes Leben lang. Er hatte so viele Facetten, dass man fast sagen muss: einen solchen Typus des Lenkers gibt es heute nicht mehr. Rathenau war ein mächtiger Wirtschaftsmann, am 29. September 1867 – also fast genau vor 150 Jahren – hineingeboren in den Elektro-Konzern AEG, den sein Vater, der Ingenieur Emil Rathenau, gegründet und groß gemacht hatte. Die elektrische Glühbirne von Edison legte den Grundstein für den Weltkonzern. Sohn Walther wächst in den Konzern hinein, doch früh ist klar, den Mann treibt noch viel mehr um. Neben Physik und Chemie studiert er auch Philosophie; er schreibt populäre Bücher, zeichnet wunderbar, sucht die Nähe von Künstlern, ist sich nie zu schade, in Zeitungen Artikel zu veröffentlichen, denkt viel über Architektur und Stadtplanung Berlins nach. Im Ersten Weltkrieg baut er ab 1914 die Kriegsrohstoffabteilung auf und sorgt effizient dafür, dass die überforderte deutsche Rüstungsmaschine Rohstoffe und Brennmittel erhält, um nicht zu arg ins Stottern zu geraten. Er denkt über Religion nach, hadert mit seinem Judentum. Der ewige Junggeselle – bekannt ist nur eine längere Affäre mit der verheirateten Lili Deutsch, spekuliert wird manchmal auch über eine mögliche Homosexualität – ist ein stadtbekannter Gastgeber, wobei die Abende in seiner Villa begehrt, aber auch gefürchtet sind.

„Das Abendbrot, das es da gab, war so bescheiden, dass wohl auch andere nach der ersten Erfahrung von Flunder, Hammelkotelett und zitterndem Eistich – es gab nie etwas anderes – nur so taten, also ob sie äßen, weil sie das schon zuvor besorgt hatten. Aber nach einem Spitzglas Champagner, das der Diener nicht mehr nachfüllte, kamen unerschöpfliche Kannen schwarzen Kaffees, die Gäste wachzuhalten bis in den frühen Morgen für die Gespräche“, ist vom österreichischen Schriftsteller Franz Blei überliefert, der mehrmals eingeladen war. Bis zum Sonnenaufgang sitzt die Tischgesellschaft, durch Kaffee aufgeputscht, zusammen. Doch das Wort führt meist nur einer – Walther Rathenau. So notiert sein Vertrauter und späterer Biograf Harry Graf Kessler schon 1911: „Rathenau merkt in seiner Eitelkeit nicht, wenn er Leuten auf die Nerven fällt; auf seinem breiten Rücken prasselt die Langeweile der Andren wirkungslos nieder.“ Wie ein „Pastor oder Rabbiner“ doziere er „nie unter einer Viertelstunde“.

Doch Eitelkeit trifft nicht den Kern des Charakters Rathenaus. Eher trägt er wohl Züge eines Sheldon Coopers aus „Big Bang Theory“, eines Hochbegabten mit leicht autistischen Momenten, der nicht immer begreift, was die Menschen wirklich umtreibt. So schreibt er 1906 beispielsweise seiner Geliebten Lili Deutsch: „Was wollen Sie eigentlich von mir? Mit der Natur, mit meinem Gott und mir stehe ich ganz gut, das wissen Sie. Auch Sie haben mich manchmal ganz gern und verwöhnen mich ab und zu. Was soll’s denn da noch weiter?“ Deutsch ist verheiratet, Rathenau muss mit ihrem Mann eng zusammenarbeiten. Wozu noch weiteres emotionales Drama? Es scheint, Rathenau betrachtet die Welt, aber auch sein eigenes Leben immer mit einer Armlänge Abstand. Seine Art ist zwar nicht unbedingt kühl, aber eine gewisse Distanz wohnt allem inne – manchmal ummantelt von einem fast warmherzigen Spott.

Und genau das ist sein Problem. Nicht nur, dass Rathenau nicht immer den Ton trifft. Manchmal liegt er regelrecht daneben. Und manches Gesagte wird ihm später zum Verhängnis. Beispielsweise sein Artikel vom Oktober 1918 in der „Vossischen Zeitung“, überschrieben mit dem Titel „Ein dunkler Tag“. Der Krieg hat sich längst in den Schützengräben Frankreichs festgefahren, die USA sind inzwischen als Gegner dazugekommen, Walther Rathenau und andere wissen genau, dieser Krieg ist für Deutschland nicht mehr zu gewinnen. Also beginnt man mit Friedensbemühungen. Doch überraschend ist es Rathenau, der gegen Friedensangebote zu diesem Zeitpunkt wettert. Übereilt, schimpft er. „Das Land ist ungebrochen, seine Mittel unerschöpft, seine Menschen unermüdet. Wir sind gewichen, aber nicht geschlagen.“

Sein Gedanke – wer zu schwach in eine Friedensverhandlung geht, ist automatisch der Verlierer. Wichtig sei aber eine Verhandlung auf Augenhöhe. Dafür solle man noch mal alles mobilisieren, eine sogenannte levée en masse. Er schreibt, es „müssen alle Feldgrauen an die Front zurück, die man heute in Städten, auf Bahnhöfen und in Eisenbahnen sieht, wenn es auch hart sein mag, den schwerverdienten Urlaub zu unterbrechen.“

Das klingt bei ihm so, als würde ein Supermarkt-Chef seine Mitarbeiter zu einer kurzfristigen Inventur aus dem Urlaub zurückrufen; und nicht wie die Forderung, dass in Familien Väter, Brüder, Söhne ihr Leben für einen aussichtslosen Kampf opfern sollen. Die Empörung ist riesig. Da sitzt ein Multimillionär in seiner warmen Grunewald-Villa und hält große Reden, heißt es.

Absurderweise ist aber der Vorwurf, den wenig später besonders die Rechtsextremen gegen ihn auffahren, der der „Kriegssabotage“, des Vaterlandsverrates. Ausgerechnet er wird auch zum Gesicht der Dolchstoßlegende. Grund ist ein von General Erich Ludendorff nach dem Ende des Krieges im Untersuchungsausschuss, welcher die Kriegsschuld ermitteln soll, verkürzt wiedergegebenes Zitat, das angeblich von Rathenau stammen soll. Ganz Berlin spricht 1919 darüber, in Theatern, bei Empfängen, auf Partys. PEM, die Klatschlegende der Weimarer Zeit, schriebt in seinem Erinnerungsbuch „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“: „Harden zitierte in der Philharmonie (die Worte) Walther Rathenaus: ,Wenn der Kaiser hoch zu Ross siegreich durchs Brandenburger Tor gezogen wäre, hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren ...‘“. Sprich: er wollte die Niederlage. Es hilft nichts, dass Rathenau sich im „Berliner Tageblatt“ am 23. November 1919 unter der Überschrift „Schicksalsspiel“ gegen das verfälschte Ludendorff-Zitat wehrt. „Doch sollte der schwere Vorwurf der Kriegssabotage denjenigen erspart bleiben, die rechtzeitig warnten.“ Zu spät. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, die Rechte hat einen Feind: Walther Rathenau. Der Vaterlandsverräter. Der Jude.

Ausgerechnet er, der doch so sehr mit seiner Religion hadert, wird nun von Teilen der Bevölkerung auf sein Judentum reduziert. Dabei praktiziert er den Glauben nicht, hat sogar 1897 in seiner Schrift „Höre, Israel!“ zur Konversion geraten. Doch die Rassetheorien des frühen 20. Jahrhundert machen Konversion unmöglich. Das Jüdische, es soll plötzlich in den Genen stecken, im Blut, untrennbar verwoben mit der Physis. Rathenau wird sein Judentum nie loswerden, ob er will oder nicht. Der Antisemitismus befeuert den Hass auf ihn, der „Jude“ ist wie eine Schablone.

Ab 1921 erlebt er – trotz aller Vorbehalte – einen politischen Aufstieg in der Weimarer Republik. Er ist ein radikaler Andersdenkender, genau gemacht für die neue Zeit ohne Kaiser und Hofkultur. „Ich verstehe die Jungen sehr wohl“, schreibt er 1919 einem Freund. „Sie sagen: die Alten haben Bankrotte gemacht. Sie hinterlassen uns ein Reich in Trümmern. Zu lange war man bei uns autoritätsgläubig. Das hat ein Ende.“ Einer wie er kann mit den großen Umbrüchen der Gesellschaft umgehen, er ist weltmännisch, international vernetzt. Genau das braucht das junge Deutschland, das so sehr unter Druck steht. 1921 wird er Reichsminister für Wiederaufbau im Kabinett Wirth, ein Jahr später Außenminister. Die Rechten nennen ihn hasserfüllt einen „Erfüllungspolitiker“.

Es ist eine sarkastische Pointe der Geschichte, dass das letzte Wort, das Rathenau am Morgen vor seiner Ermordung im Juni 1922 schrieb, ausgerechnet: „Unerfüllbar!“ war. Eine hastige Notiz, die andeutete, dass das Deutsche Reich den Kurs ändern müsse, weil die Reparationsforderungen so nicht mehr stemmbar seien. Wenige Minuten später war er tot. Die Weimarer Republik hat seinen brutal erzwungenen Abgang nie verwunden.