RONALD KLEIN

Berlin wirbt mit Kulturvielfalt. Jedoch erweckte der Senat in den vergangenen Jahrzehnten nicht den Eindruck, als lägen ihm die Theater im Westen der Stadt am Herzen. 1993 wurde das Schillertheater geschlossen und das Schlosspark Theater privatisiert. Die Zukunft des Hansa-Theaters ist seit mehr als einem Jahrzehnt unklar und die Tribüne am Ernst-Reuter-Platz wurde sang- und klanglos abgerissen. Auch das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm sollen einem Neubau weichen. Seit nunmehr 15 Jahren zieht sich der Streit um die Bühnen. Inzwischen stellte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) fest, dass das Privattheater ebenso wichtig für die Stadt sei wie die Volksbühne. „Dieses Bekenntnis des Berliner Senats ist neu und hat uns sehr gefreut“, zeigt sich Intendant Martin Woelffer sichtlich erleichtert. „In den letzten 15 Jahren fehlte die Planungssicherheit. Somit hat es deutlich mehr Kraft gekostet, sich auf das Theatermachen zu konzentrieren.“

Abriss der Kudamm-Bühnen und Exil im Schillertheater

Im Mai 2018 fällt definitiv der letzte Vorhang im Saal am Kurfürstendamm, der am Anfang des 20. Jahrhunderts als Ausstellungsraum diente. 1921 baute Oskar Kaufmann die Räumlichkeiten im Auftrag von Max Reinhardt zu einem Theater um. Der Berliner Architekt Kaufmann zeichnet unter anderem für das Hebbel- und Renaissance-Theater sowie die Volksbühne verantwortlich.

Den Abriss des historischen Hauses konnte zwar auch Lederer nicht verhindern, jedoch einen Kompromiss aushandeln. Der Bauherr Cells Bauwelt wird die Theatersäle und das darum befindliche Kudammkarree zugunsten eines Neubaus abreißen, aber Martin Woelffer und sein Ensemble erhalten hier eine neue Spielstätte. „Dankenswerterweise lässt uns der Investor bei der Gestaltung vollkommen freie Hand und hat uns dafür die Verantwortung übertragen“, erklärt der Intendant. „Wir haben den Theaterarchitekten Klaus Roth beauftragt, ein schönes und elegantes Theater zu entwerfen.“ Die Miete wird deutlich steigen, jedoch kommt dafür zukünftig der Senat auf. Der Luxus von zwei Spielstätten ist jedoch im Saal für 650 Zuschauer passé. Damit kann Martin Woelffer aber leben: „Der Markt in der Stadt ist umkämpft. Von daher ist jede Spielzeit eine neue Herausforderung, kreativ zu sein. Als Privattheater können wir uns nicht auf Subventionen und Selbstverwirklichung ausruhen, sondern müssen Anspruch und Unterhaltung zusammenbringen.“

Einige Stücke wird das Haus in seine Interimsspielstätte, das Schillertheater, mitnehmen, die sieben Jahre lang der Staatsoper als Exil diente. So lange werden die Kudammbühnen dort nicht zubringen. Angedacht sind zwei Spielzeiten. Angesichts der optimistischen Bauplanungen in Berlin, deren Zeitfenster in der Regel gedehnt werden, geht Woelffer jedoch von drei Jahren aus. Personelle Entschlackungen schließt das Umzugskonzept aus: „Wir sind ein Familienbetrieb und Verantwortung für unsere Mitarbeiter wird groß geschrieben“, betont Woelffer. „Es wird keine einzige Stelle gestrichen. Im Gegenteil, wir werden uns in der Spielzeit 2018/19 verstärken, da das Haus an der Bismarckstraße auch größer ist.“

Boulevard behandelt die
aktuelle Großstadtthemen

Die Konzeption der ersten Exil-Spielzeit ist noch äußerst fragmentarisch. Klar ist, dass Woelffer auch weiterhin auf Boulevard-Stücke setzt. „Der Begriff hat über die Jahre eine negative Konnotation erhalten“, stellt Woelffer nüchtern fest. „Für uns bedeutet Boulevard das Anknüpfen an die Tradition Max Reinhardts, der urbane Themen auf der Bühne verhandelte – und das sehr unterhaltsam. Mit den Schwänken des Volkstheaters hat das nichts zu tun.“ Max Reinhardt leitete in Berlin das Deutsche Theater und das Große Spielhaus – das spätere Berliner Ensemble – und suchte eine weitere Bühne in Berlin, die im New Yorker oder Londoner Stil aktuelle Großstadtthemen verhandelte. Fündig wurde er am Kurfürstendamm. Woelffer setzt bei der Auswahl seiner Stücke häufig auf Autoren aus dem angloamerikanischen Raum. Dort gibt es keine strikte Trennung zwischen „ernster“ und Unterhaltungskunst. Ein weiteres Markenzeichen der Kudammbühnen ist das hohe Aufkommen bekannter Gesichter: „Wenn die heutigen und wirklich wichtigen Film- und Fernsehstars in Berlin Theater spielen, dann am liebsten bei uns“, freut sich Woelffer. „Das macht uns natürlich stolz. Dass sie auch Zuschauer begeistern, die sonst selten ins Theater gehen, ist ein positiver Nebeneffekt. Der entscheidende Punkt ist aber, dass es sich um exzellente Schauspieler handelt.“

So stehen unter anderem die Wiederaufnahme von „Lieber schön“ mit Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn sowie die Wiederaufnahme der „Glasmenagerie“ in der Regie von Katharina Thalbach auf dem Programm. Darüber hinaus gastieren beispielsweise Ulrich Tukur, Michael Mittermeier und Konstantin Wecker. Ein vollgepacktes Programm in der letzten Spielzeit im alten Haus. „Einige Zuschauer fühlen sich durch das jahrelange Hin und Her verunsichert und denken, wir hätten längst geschlossen.“ Aber Woelffer stellt klar: „Tatsächlich legen wir uns in der Abriss-Spielzeit – so unser aktuelles Motto – noch einmal richtig ins Zeug.“