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Ganz aus dem Häuschen

Am Bauhaus-Archiv stehen Tiny Houses. Wie lebt es sich auf neun Quadratmetern? Unser Autor zog ein

Sie haben mich nach Äthiopien, Frankreich oder auch in die Tropical Islands nach Brandenburg geschickt. Diesmal lautet der Auftrag meiner Redaktion aber lapidar: „Schlaf mal in einem Tiny House.“ Diese Dienstreise soll mich knapp zwei Kilometer entfernt nach Tiergarten führen. Dort, auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs, stehen zurzeit mehrere dieser Häuser. Der Reiz der Aufgabe, macht mir die Kollegin, die mich auf die Expedition schickt, klar, verbirgt sich hinter dem Wort „tiny“, das übersetzt „winzig“ bedeutet. Soll ich also eine Nacht in einem Zwergenhaus verbringen?

Ich stelle mir vor, dass ich in einem Bett zusammengepfercht mit angewinkelten Beinen liege, nicht weiß, wohin mit den Armen, irgendwann nach Mitternacht über meine Kleider stolpere, wenn ich die Toilette aufsuchen muss. Ich denke, es wird der Horror, ich werde kein Auge zumachen. Ich sehe die Überschrift schon vor mir: Schlaflos in Tiergarten.

Vielleicht nicht schlecht, dass das Hotel Esplanade gegenüber von meiner Übernachtungsstätte liegt. Wenn alle Stricke reißen, gelingt es mir vielleicht, dort in der Nacht noch ein Zimmer zu ergattern. Dann aber sicher auf eigene Kosten: Auftrag vergeigt und dann noch im Luxus schwelgen, das bezahlt die Redaktion sicherlich nicht.

Ich schaue auf meinen Schreibtisch, der während meines Berufslebens immer kleiner geworden ist, auf dem sich aber genauso viel stapelt wie schon vor 20 Jahren. Und ich frage mich, warum das eigentlich so ist? Warum die Welt in den letzten Jahren immer größer, immer erreichbarer durch offene Grenzen, immer erfahrbarer durch das Internet geworden ist, aber in meiner nächsten Umgebung eine permanente Verkleinerung stattfindet. Kleinere Schreibtische, tja, auch kleinere Dienstreisen und jetzt noch winzige Häuser.

Reduktion, erklärt mir meine Freundin. Eine Verringerung, die zu einer Konzentration auf das Wesentliche führen soll. Sich vom Ballast befreien und damit auch ein Stück zu sich selbst finden, das stecke hinter dieser Idee. Aber ist das auch meine Lebensvorstellung von Zukunft? Ich fahre jetzt erst mal nach Tiergarten.

Um 17 Uhr lenken mich meine Schritte zum Eingang des Bauhaus-Archivs in der Klingelhöferstraße. Bevor ich meinen Schlafplatz aufsuche, fällt mein Blick auf die CDU-Zentrale gegenüber. „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, lese ich an der Fassade in großen Buchstaben. Wissen Angela Merkels Leute auch, was in ihrer Nachbarschaft passiert? Von dem Tiny-House-Projekt unmittelbar vor ihrer Tür? Und wenn ja – was halten sie davon, frage ich mich.

Und dann stehe ich dort, wo ich die nächsten 16 Stunden verbringen werde. Wie Zirkuswagen, das ist mein erster Gedanke bei den kleinen rechteckigen Häusern, die sich auf den Vorplatz des Bauhaus-Archivs gruppiert haben. Sie sind auf Anhängern montiert. Junge Leute arbeiten in oder vor den Häusern. Ich treffe meinen Gastgeber für die Nacht: Leonardo Di Chiara. Für den 27-jährigen Architekten und Ingenieur aus dem italienischen Pesaro ist das, was heute hier stattfindet, auch ein Experiment. Denn außer ihm hat noch niemals jemand anderes in seinem Haus übernachtet. Es ist das erste, dass der junge Mann nach seinem Studium in Bologna gebaut hat, und überhaupt ist es das erste Tiny House Italiens.

wie sich mein Gastgeber an das Lebenim Kleinen gewöhnte

Er kommt aus einer Musikerfamilie, hat selbst eine tolle Gesangsstimme. Die Begabung, das musische Talent, war ihm also von den Eltern mitgegeben worden, doch er wählte einen anderen Weg. Was auch mit einer Hausstauballergie zu tun hat. Die Reduktion war ihm gewissermaßen auferlegt worden. Als Kind lebte er im Haus seiner Eltern in einem nur sieben Quadratmeter großen Zimmer, um so wenig wie möglich mit Staub in Verbindung zu kommen. Di Chiara gewöhnte sich an das Leben im Kleinen, lernte, sich auf das Nötigste zu beschränken, ja, man kann sagen, er machte es zu seiner eigenen Mission.

Sein Haus ist 1,98 Meter breit, an der höchsten Stelle misst es 3,1 Meter. Auf neun Quadratmetern kann er Küche, Bad, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Esszimmer, Wohnzimmer aber auch ein ganz leeres Zimmer schaffen. Mit einem leichten Fingerdruck lassen sich Schränke, Schubladen, Tisch, Sofa und Bett hervorholen, können aber auch wieder verschwinden. Er kann das Haus für Gäste öffnen, es aber auch wieder in ein karges Arbeitszimmer verwandeln. 50.000 Euro, sagt er, würde der Prototyp, so wie er heute da steht, kosten. Entstanden ist er mithilfe deutscher und italienischer Sponsoren.

Di Chiara steht am Herd, er wird heute Abend seinem Gast Pasta servieren. Ganz nach italienischer Art. Ich streife in der Zwischenzeit über das Gelände und komme mit Van Bo Le-Mentzel ins Gespräch. Er ist der Kurator dieses Campus, der Titel spielt möglicherweise auf die Nähe zum Museum an. Das Bauhaus hat einst Architekten wie Mies van der Rohe und Walter Gropius hervorgebracht, der Gedanke war, Häuser und Möbel für die breite Bevölkerung zu schaffen. „Wir betrachten uns als Erben der Bauhaus-Bewegung, die sich vor 100 Jahren Gedanken darüber gemacht hat, wie die Räume für die Gesellschaft aussehen sollen“, sagt Le-Mentzel. „Deshalb sind wir auch hier.“ Bei den Tiny Houses gehe es darum, Plätze, die nicht genutzt werden, die leer stehen, einfach zu nutzen. Parkplätze beispielsweise. Aber es sei nicht so, schiebt er hinterher, dass man jemandem etwas wegnehmen wolle. „Es gibt einen Mangel an Wohnraum, aber guck mal“, er zeigt auf unseren Platz, „hier gibt es Raum.“ Ich erfahre erst mal, die Leute der Tiny-House-Bewegung wollen keine Revolution auf dem Wohnungsmarkt, nein, sie geben sich eher sanft. „Die Lösung ist nicht, dass wir alle in Tiny Houses leben, aber es ist sinnvoll, dass wir darüber nachdenken.“

Ich kehre zu meinem Gastgeber zurück, das Nudelwasser kocht. Aus seinen Schränken zaubert er jede Menge Teller, Besteck, Wasserbecher und Weingläser hervor.

Ich habe mehr als mein halbes Leben in einem großen Bett geschlafen, in mehr als einem Raum gewohnt, habe eine separate Küche. Bin ich überhaupt ein geeigneter Proband für dieses Experiment, frage ich mich. Mir fehlen beispielsweise Bilder an den Wänden. Di Chiara klappt daraufhin Wände auf und zeigt auf das rötlich-braune Aucoumea-Holz, das sich hinter dem Grau nun zeigt. Das sind seine Bilder. Sie geben dem Raum sofort einen anderen Charakter, er wirkt bequemer, einladender. „Je mehr du das Haus öffnest, desto mehr Holz siehst du“, erklärt er. Und wie ist es mit einem Bücherregal? Di Chiara bevorzugt das E-Book. Was auch viel platzsparender ist.

Während der Koch die Nudeln nach draußen an einen großen Tisch trägt, will ich mich noch etwas in meinem neuen Heim ausbreiten. Ich merke aber, hier kann schnell Unordnung entstehen auf den wenigen Quadratmetern, deshalb lasse ich das meiste lieber in der Tasche.

Es ist in der Zwischenzeit Abend geworden. Katrin Hoffmann, eine weitere Tiny-House-Bewohnerin, zündet eine Kerze an. Die Nachbarin von Di Chiara forscht an Wegen der Wasseraufbereitung. Mit Filtersystemen will sie Regen- in Duschwasser umwandeln und auch das verbrauchte Duschwasser „recyceln“. Andere Bewohner finden sich ein. Ich schaue, während ich esse, auf das große Gebäude eines Consultingunternehmens. Einer am Tisch erzählt, wie vor ein paar Tagen ein Angestellter von dort zu ihnen hinübergekommen sei und ziemlich baff von ihrem Wohnprojekt gewesen sei. Er habe erst vor kurzem seinen Job in dem Unternehmen angetreten und lebe noch in einem Campingwagen, der quasi vor seinem Büro stehe.

Hinter der Geschichte steht auch ein Gedanke, der für die Bewohner hier wichtig ist: Mobilität. Kann man nicht mit dem Tiny House direkt vor seinem Arbeitsplatz parken? Sozusagen schon wenige Minuten nach der Dusche zu Hause an seinem Schreibtisch sitzen? Di Chiara hat sein Haus auch auf Beweglichkeit hin ausgerichtet. Die Fenster sind an den schmalen Seiten hinten und vorn. Die beiden Längswände haben dagegen keine Fenster. Eine Idee ist, dass sich das Haus so in eine Reihe von Tiny Houses schmiegen kann, sozusagen in eine bewegliche Reihenhaussiedlung, die man jederzeit verlassen und bei Rückkehr wieder in die Lücke einscheren kann.

Die Pasta ist aufgegessen. Am Tisch entwickelt sich eine Diskussion, ob man mit den Winzhäu-sern in die Produktion gehen soll oder ob jedes Haus für sich so einzigartig ist, dass sich jeder, ja, vielleicht auch kapitalistische, Gedanke dahinter verbietet. Zwei Lager treffen aufeinander. Di Chiara will sein Haus der breiten Bevölkerung zugängig machen, ein Gedanke, der dem Geist der Architekten des Bauhauses ähnlich ist, aber auch einer, der am Tisch auf gewisses Missfallen stößt. Romantiker und Realisten beharken sich.

Ich mahne nun meinen Gastgeber zum Aufbruch. Meine Nacht steht an. Erst mal haben wir allerdings jede Menge zu tun. Di Chiara hat das Haus in heller Erleuchtung hinter- und die Türen weit offen stehen lassen, sodass sich wahrscheinlich eine Million Mücken an meinem Schlafplatz tummelt. Da sich in der Gegend viele Büros, Museen und Botschaften befinden, in denen nachts kein Mensch ist, werde ich ein dankbares Opfer für die kleinen Blutsauger werden. Fliegenfenster wären jetzt gut gewesen. Di Chiara löscht erst mal alle Lichter und sagt, dass wir zehn Minuten warten sollten. Vielleicht seien sie bis dann alle ausgeflogen. Schließlich hat er recht, die noch verbliebenen Mücken vertreiben wir mit Handtüchern. Dann verabschieden wir uns, ich lasse die Jalousien runter – und bin allein.

Alles ist an seinem Platz verstaut – aber vermisse ich nicht die Unordnung?

Ich durchmesse meinen Raum mit drei, vier Schritten. Am Waschbecken putze ich mir die Zähne, dann lege ich mich hin und überlege, ob ich mich wohlfühle. Es ist ein bisschen, als würde ich mich in einer sehr aufwendig gestylten Zelle aufhalten. Alles ist ordentlich, alles an seinem Platz verstaut. Aber vermisse ich nicht die Unordnung, die sonst in meinem Leben ab und zu herrscht? Kleider, die auf dem Boden, Schuhe, die im Flur durcheinanderliegen? Im Moment nicht. Ich stelle aber fest: Wer hier lebt, muss sich wirklich reduzieren. Zwei, höchstens drei Paar Schuhe, mehr sollte man nicht besitzen. Bei den Kleidern ist es ähnlich. Auch der Kühlschrank ist klein, nicht auf einen wochenlangen Bedarf ausgerichtet. Jedes Stück, egal was, stelle ich fest, könnte eines zu viel sein.

Auch das Gefühl von einem Schlafwagen überkommt mich, nur dass das rhythmische Geräusch der Schienen, das so schön einlullend wirken kann, fehlt. Stattdessen der laute Verkehr von der Straße, Gehupe, Musikfetzen. Aber das Bett ist bequem. Irgendwann schlafe ich ein.

Am Morgen wache ich gegen sieben Uhr auf. Kein Wecker, das hatte ich mir vorgenommen. Um zu testen, wie lange ich hier schlafen kann. Es ist meine normale Zeit. Die Luft ist frisch, ein Fenster oben ist über Nacht offen geblieben.

Di Chiara kommt und kocht italienischen Kaffee. Es gibt Kekse, Schokolade und Cornflakes. Er will natürlich wissen, wie die Nacht für mich war. Eigentlich normal – erschreckend normal. Bin ich etwa schon angekommen in der Tiny-House-Bewegung?

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