Ende Juni und Anfang Juli kam der Monsun über Berlin und andere Städte in Deutschland. Zweimal nacheinander wurde in der Hauptstadt der Ausnahmezustand ausgerufen. Auch im Havelland, im Norden Thüringens, in Sachsen-Anhalt, im Harz und im Süden Niedersachsens – teilweise mit Überflutungen ganzer Innenstädte wie in Goslar und Evakuierungen – galt die höchste Alarmstufe 4. Das Wetter machte Schluss mit seiner Kulissenexistenz und offenbarte in der „gemäßigten Klimazone“, was es auch ist: eine Bedrohung.
Starkregen gilt in der Meteorologie als das Zusammenwirken gewaltiger Elemente, denen Menschen, ihre Häuser und Transportsysteme nicht viel entgegenzusetzen haben. Das wird sich ändern müssen. Die Risikoversicherer von der Münchner Rück haben bereits reagiert, die Option Naturkatastrophe wurde neu geschaffen. Noch vor Jahren hieß es frohlockend, der Klimawandel werde mehr tolle Sommertage bringen und an der Ostsee würden bald Palmen wachsen. Jetzt stellt sich heraus, dass der globale Wandel mit zunehmender Wechselhaftigkeit und häufigem Ex-tremwetter stattfindet, neben Starkregen auch mit mehr Hagel und Hitzewellen.
Projekt „Schwammstadt“ soll Wasser aufnehmen
Städte sind besonders betroffen, weil sie vielerorts zubetoniert sind, die Wassermassen können nirgendwohin fließen. Auch der U-Bahn-Tunnel am Wittenbergplatz, ein zentraler Umsteigeort, stand im Juni unter Wasser, zwei Linien waren stundenlang unterbrochen. Den Behörden sind die neuralgischen Stellen seit Jahren bekannt, geschehen ist nichts. Jetzt muss etwas geschehen, bundesweit können die Verantwortlichen nicht länger wegsehen. Millionenschäden, Millionensummen bei den Einsätzen Tausender Feuerwehrleute und Polizisten sowie verletzte Menschen zwingen zum Umdenken. Bei der Betroffenheit von heute kann es nicht nur um das Wetter von morgen gehen – es geht um Grundlagen des Lebens in den ungebremsten Auswirkungen der Klimaerwärmung.
In diesem Sommer erwärmt sich die Arktis viel stärker als Mitteleuropa, der dort wehende Jetstream ist turbulent wie selten zuvor und bildet festsitzende Tiefs, die Unmengen an Wasser aufnehmen. Die Höhenströmung zieht über den nördlichen Teil Europas hinweg und entlädt sich als hartnäckiges Tiefdruckgebiet. Das führt zum skandalösen Wetter dieses Sommers im Norden, während er im Süden Deutschlands warm und trocken ist.
Der Berliner Senat und die Wasserbetriebe beschlossen nun, die Kanalisation auszuweiten. Das wird als Entlastungsmaßnahme nicht ausreichen. Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der Wasserbetriebe, weiß: „Mit Abwasserkanälen und Stauräumen lässt sich das Problem nicht lösen.“ Der aktuell größte Abwasserparkplatz befindet sich unter dem zentralen Lützowplatz, er fasst gerade mal 10.000 Kubikmeter. Meterhoch überschwemmte Straßen brauchen andere Volumen. Deshalb sollen Alternativen zum Zuge kommen.
Bodenfilter und Mulden, die es hier und da schon gibt, sollen massiv erweitert werden. Sie haben den Vorteil, dass sie den Regen zügig aufnehmen, einsaugen und dabei reinigen. Danach wird das Wasser in Berliner Seen wie den Halensee oder Biesdorfer Baggersee und in umliegende Seen in Brandenburg abgeleitet. Bislang betreiben die Wasserbetriebe 14 sogenannte Retentionsbodenfilter. Das über Gullys in ein Auffangbecken strömende Wasser wird durch eine Filteranlage geführt, gereinigt und weitergeleitet in Seen. In denen verbessert sich die Wasserqualität nachweislich. In einigen Gewässern konnte man vorher nicht auf den Grund sehen, jetzt kann man ihn genau ausmachen. Pro Jahr werden bisher 300 Millionen Liter gefiltert, viel zu wenig für eine Metropole. Das könnte durch höheren Filtereinsatz gesteigert werden. Und es hat zugleich einen ökologischen Effekt.
Die Experten vom Wissenschaftscampus Adlershof arbeiten mit Forschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung am Projekt „Schwammstadt“ im Rahmen des „Berliner Konzepts zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels“. In Adlershof, wo einst Angela Merkel studierte, setzt man vor allem auf intelligente Häuser, um der Zukunft des unbeständigen bis stürmischen Wetters Herr zu werden. Das ist zu besichtigen. Die Fassade des Instituts für Physik an der Newtonstraße ist von einer dichten Pflanzenhülle umgeben. Bei starkem Regen wird das Wasser in Zisternen auf dem Dach gesammelt; wenn sie überschwappen, läuft das Wasser an der Fassade herunter. Überschüssiges Nass wird in einen Regenwasserteich geleitet.
Eine Regenwasser-Agentur soll Hausbesitzer beraten
In den Studentenheimen an der Abraham-Joffe-Straße gelangt das Regenwasser in Mulden, wo es erst versickert, dann allmählich verdunstet. Dadurch wird nicht einmal mehr eine Kanalisation entlang der Straße benötigt. Planer schlagen vor, sämtliche Neubaugebiete mit solchen Mulden über Tausende Quadratmeter auszustatten. Begrünte Dächer können gewaltige Wassermassen absorbieren. Das hat einen doppelten Effekt, wie an einem Gebäude des Helmholtz-Zentrums für Materialien und Energie in der Adlershofer Albert-Einstein-Straße zu sehen ist. Das Grün hält die Wassermengen im Prozess des Verdunstens und Versickerns, gleichzeitig kühlt es das Gebäude an heißen Tagen. Die Stromentlastung ist enorm, die Klimaanlage wird geschont. Derzeit hat Berlin 18.363 grüne Dächer, auch in der Innenstadt. Aber das sind nur drei Prozent aller Hausdächer in der Hauptstadt.
Senat und Wasserbetriebe überlegen eine Regenwasser-Agentur zu gründen, die Bauherren und Architekten berät. Die Ideen sprudeln, geplant werden riesige Grünflächen, Tröge mit Schilf, aber auch Straßengräben, die so gut abgedeckt sind, dass Laien sie gar nicht wahrnehmen. So wird noch mehr Verdunstung produziert, auch die Artenvielfalt vermehrt sich und zudem bekommt Berlin ein schöneres Aussehen. Die Schwammstadt soll durch mehr Natur zur Barriere gegen die heftigen Niederschläge werden.

