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Von der Küche auf die Koppel

Peter Frühsammer ist Berliner Sterne-Gastronom – und erfolgreicher Züchter. Seine Islandstute Sóley startet kommende Woche als einziges deutsches Pferd in der Klasse der fünfjährigen Stuten bei der Weltmeisterschaft in Holland. Wir waren beim Training dabei

Sanft wellt sich das Land hinter der B 2 bei Beelitz, 50 Kilometer südwestlich von Berlin. Auf den Feldern steht das dunkle Grün geschossenen Spargels, Weizen, Hafer und Gerste wiegen sich reif und hellbraun im Wind, der vom Fläming herunterbläst. Vor einem wolkengetupften Himmel ziehen Bussarde ihre Kreise, Schwalben sirren durch die Luft. Immer schmaler wird die Schönefelder Straße, an den unbefestigten Asphalträndern leuchten Kamille, Kornblumen und Mohn. Bevor man die Pferde sieht, riecht man sie schon. Mehr als 100 Isländer stehen auf einer Koppel des Lotushofes, Füchse, Rappen, Schimmel und Schecken.

Am frühen Morgen herrscht geschäftiges Treiben. Fast nur Frauen, in engen Reiterhosen, hohen Stiefeln, mit Reithelm auf dem Kopf, sind zu sehen. Und Peter Frühsammer. Der 58-Jährige kommt vom Ausritt. Auffällig unrund läuft er. Fast hätte er nicht mehr laufen können. Am 21. Juni letzten Jahres, so einen Termin merkt man sich, gab es diesen „blöden Unfall“, wie er mit leicht süddeutschem Zungenschlag sagt. Eine Stute ging mit ihm aus nicht nachvollziehbaren Gründen hoch, und Peter Frühsammer ging runter. Das wäre nicht so schlimm gewesen. „Aber die ist auf mich draufgefallen. 400 Kilo auf mein Becken. Das war Matsch.“ Mit viel Physiotherapie und Disziplin hat er es geschafft, wieder reiten zu können. Peter Frühsammer hat Glück im Unglück gehabt.

Geboren wurde er im Dorf Burgberg an der Schwäbischen Ostalp. Dort hatte der Großvater einen Landgasthof und eine Hausschlachtung. „Dem habe ich versprochen, Koch zu werden“, erzählt Frühsammer. Schon mit 14 Jahren ging es in die Lehre. Nach Berlin kam er Ende der 70er-Jahre „wegen der Berlinzulage“, als Jungkoch im „Kempinski Hotel Bristol“. Es folgten eine Station im „Hotel Berlin“ und dann zwei Jahre in einem Zwei-Sterne-Restaurant in Bühl bei Baden-Baden. Zurück in Berlin eröffnete er 1983 ein Restaurant an der Rehwiese in Zehlendorf und war binnen kurzer Zeit Everybody’s Darling. 1985 wurde er mit 25 Jahren zum jüngsten Sterne-Koch Deutschlands gekürt. Doch die Glückssträhne hielt nicht ewig, 1996 schloss er das Lokal, da der Mietvertrag nicht verlängert wurde. In der Zucht von Gallowayrindern sah er eine Nische. Ende der 90er-Jahre lernte er seine zweite Frau kennen, Sonja. Mit ihr betreibt er seit 2005 das Restaurant im Grunewald Tennisclub am Flinsberger Platz. 2014 erhielt sie als erste Köchin Berlins den begehrten Michelin-Stern. Auch sie und ihre Kinder reiten Islandpferde.

Jetzt steht Peter Frühsammer auf dem Lotushof und ruft nach seiner Tochter Sophia, aus der ersten Ehe seiner Frau. Die bildhübsche 21-Jährige striegelt gerade Hengst Solon, mit dem sie einen Ausritt hinter sich hat. „Das brauche ich drei- bis viermal die Woche“, sagt Sophia. Seit acht Jahren reitet sie Islandpferde. Vor Großpferden hatte sie zu viel Respekt, die maximal 1,50 Meter großen Island-Vierbeiner waren für eine 13-Jährige damals genau das Richtige. Inzwischen studiert sie Tiermedizin an der Freien Universität. Wann immer es ihr möglich ist, fährt sie raus. „Hier bekomme ich den Kopf für das Studium frei“, sagt sie.

„Wo ist Sóley?“, will Peter Frühsammer wissen. „Bei Beggi“, lautet die Antwort. Beggi heißt eigentlich Bergsthor Eggertson, stammt aus Island und betreibt seit 2007 den Lotushof zusammen mit seiner Frau. Der hoch aufgeschossene 43-Jährige wird Sóley bei der Weltmeisterschaft vom 7. bis 13. August im niederländischen Oirschot bei Eindhoven reiten. In der Kategorie Zucht. Daneben gibt es noch die Kategorie Sport. Qualifiziert hat sich die fünfjährige Stute bei der Deutschen Meisterschaft Ende Juni in Süddeutschland. „Nur ein Pferd darf jedes Land pro Kategorie stellen“, erklärt Peter Frühsammer voller Stolz. Seine Sóley wird sich mit Pferden aus 16 Nationen messen.

Dann kommt sie, und alle schauen nach der fuchsbraunen Stute. Sogar die anderen Pferde, scheint es. Voller Anmut bewegt sie sich, ihr Temperament erkennt sogar ein Amateur. Profis wie Frühsammer oder Eggertson geraten besonders auf der etwa 300 Meter langen Ovalbahn ins Schwärmen. Aber erst, wenn sie aus dem Schritt in den Trab wechselt. „Am Schritt müssen wir noch arbeiten“, konstatiert Frühsammer, „der Rest ist viel besser.“

Erst waren es die Gallowayrinder, dann entdeckte er seine Liebe für die kleinen Pferde von Island

Im Gegensatz zu Großpferden sind Isländer von Natur aus nicht nur dreigängig, also Schritt, Trab und Galopp. Bei den kleinen, robusten Tieren kommen noch zwei besondere, genetisch angelegte Gänge hinzu: Tölt und bei einigen auch noch Pass. Auf den ersten Blick sieht das Tölten ziemlich lustig aus. Die Pferde laufen mit konstanter Bodenhaftung, immer sind mindestens ein oder zwei Hufe am Boden, dadurch hat das Tier keine sonst typische Schwebe- oder Sprungphase. Also wippt der Reiter nicht auf und ab, sondern zieht im Idealfall in grader Linie über den Boden. „Insofern ist Tölten für Reiterin oder Reiter eine sehr angenehme Gangart“, führt Jockey Bergsthor Eggertson aus. Er war bereits fünfmal Weltmeister mit seinem eigenen Pferd, dem Wallach Lotus, nach dem der Hof benannt wurde.

Jetzt reitet er mehrere Runden unter den kritischen Augen von Peter Frühsammer. Der ist wie elektrisiert. Während Eggertson Runde um Runde dreht, kommentiert er pausenlos, sieht da fast ein „Rollen“, dann „zum Glück doch nicht“, dort eine „fantastische Vorhand. Die knickt mehr als 90 Grad ab, einfach sensationell.“ Vorhand? Sieht eher aus wie das Knie. „Beim Pferd heißt das korrekt Vorderfußwurzelgelenk“, erklärt Frühsammer und beginnt eine längere Ausführung über die Beine der Vierbeiner. Das Kniegelenk befinde sich im Rumpf. Mittlerweile hat Eggertson den Turbo eingeschaltet und fliegt im sogenannten Rennpass mit hoher Geschwindigkeit über den märkischen Sand. „Das ist die Königsdisziplin“, erklärt Frühsammer. Danach wird Sóley wieder in ruhigeres Tempo zurückgenommen.

Der Wind rauscht übers Land, lässt die Unterseiten der Blätter in den Bäumen aufleuchten und zerzaust den Isländern die Mähnen. Bei manchen erinnert die Mähne am Kopf an die Frisur von Donald Trump. Peter Frühsammer lacht und erzählt, wie sich seine Islandpferde-Passion entwickelte. Kennengelernt hatte er die Pferde, als er mit den Gallowayrindern im nahegelegenen Naturschutzgebiet Nuthe-Liepnitz experimentierte. Mit den Galloways standen die Pferde auf der Wiese und fraßen das, was die Rinder nicht fraßen. Als klar war, dass die Rinder auf den kargen Böden nicht fett wurden, beendete Frühsammer seine Zuchtversuche. „Ich musste einfach für ein paar Wochen raus aus Deutschland und fuhr nach Island.“ Dort entflammte die Liebe zu den kleinen Pferden und hält bis heute an.

Er lernte viel über die Geschichte der genügsamen Tiere, traf Züchter und Reiter, tauchte ein in die Welt der Isländer. In der Zwischenzeit hatte er auch seine Familie mit seiner Leidenschaft angesteckt, Ehefrau Sonja und die Kinder stiegen ebenfalls auf den Rücken der Pferde. Ende der Nullerjahre fuhr Frühsammer nach Island zu Henrik Bragason, einem der bekanntesten Züchter der Insel. Mit ihm besuchte er einige der wichtigsten Turniere und kaufte schließlich Sonata, eine tragende Stute. Als sie alt genug war, wurde sie zu einem erfolgreichen Hengst gebracht. Rund 1000 Euro sind für den Decksprung an den Hengstbesitzer zu zahlen.

In der Zwischenzeit hatte Frühsammer den Lotushof als Standort vor den Toren Berlins entdeckt. Ehefrau Sonja bekam Frökk, eine fuchsbraune Stute, Tochter Franziska aus Frühsammers erster Ehe hatte bereits seit der Kindheit Mosi, einen mittlerweile 31-jährigen Wallach, der noch immer geritten wird. „Das Reiten wurde zu einem wunderbaren Familienhobby. Durch das Restaurant sahen wir unsere Kinder oft zu wenig. Durch die Island-Leidenschaft verbrachten wir endlich wieder mehr Zeit miteinander“, berichtet Peter Frühsammer.

Ihr Name erinnert an den Ort, an dem Frühsammer sein erstes Sterne-Restaurant hatte

Auf dem Lotushof baute er in den folgenden Jahren peu à peu seine eigene Zucht auf. 2012 kam Sóley dort zur Welt. Offiziell heißt die Stute Sóley von der Rehwiese. An diesem Zehlendorfer Grünzug befand sich Frühsammers erstes Sterne-Restaurant von 1983 bis 1996. „Wenn man im Islandpferde-Reiter- und Züchterverband Deutschlands Tiere ins Zuchtbuch einträgt, muss man einen Züchternamen verwenden, den man dann für immer beibehält. Meiner lautet deshalb bei allen Pferden ‚von der Rehwiese‘ “, erläutert Frühsammer. „Der Name Sóley bedeutet übrigens auf Isländisch sonnig, weil sie so ein sonniges Gemüt hat.“ Seit fünf Jahren ist er Zuchtwart des Landesverbandes der Islandpferde-Züchter und -Reiter in Berlin und Brandenburg.

Fast vier Jahre stand Sóley wie alle jungen Islandpferde bei Wind und Wetter auf den Wiesen des Lotushofes. Schon beim Fohlen erkannten Frühsammer und Eggertson ihre besonderen Qualitäten. Im Alter von fast vier Jahren wurden dann ihre Hufe mit Eisen beschlagen. Anschließend begann die Ausbildung. „Das erfordert sehr viel Geschick, Wissen und Geduld“, führt der ehemalige Sterne-Koch aus. „Ohne einen so erfahrenen und erfolgreichen Reiter wie Eggertson wäre Sóley allerdings niemals da, wo sie jetzt ist“, weiß Frühsammer.

Bei der Weltmeisterschaft Anfang August werden die Pferde mehrere Tage lang geprüft. Zuerst werden von einer dreiköpfigen Jury Körperbau und Schönheit begutachtet und bewertet. Die nächsten Tage findet dann die Prüfung unter dem Reiter, wie es im Fachjargon heißt, statt. Maximal zehn Punkt können je Bewertung für Schritt, Trab, Galopp, Tölt, Pass, Gehwille und Form erreicht werden. Sóley liegt bei allen Bewertungen über acht Punkte.

Peter Frühsammer ist realistisch. „Die Konkurrenz ist sehr groß.“ Mindestens zwei Pferde seien mit Sicherheit besser als Sóley. „Wenn wir einen Platz von drei bis fünf erreichen, sind wir sehr froh“, ergänzt Bergsthor Eggertson. Er freut sich schon auf den August 2019. Dann wird die Islandpferde-Weltmeisterschaft in Berlin-Karlshorst ausgetragen.

Ob Peter Frühsammer dann wieder mit einem Pferd teilnehmen wird? „Weiß ich nicht. Man darf bei der Zucht nicht zu ehrgeizig sein. Das führt selten zum Erfolg. Zu guter Letzt ist es ein wunderbares Hobby. Das Schönste für mich ist, dass die ganze Familie mitreitet und wir die Zeit zusammen mit diesen wunderbaren Isländern genießen können.“

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