MAX MÜLLER
Dass Milo Rau innovatives Theater macht, ist bekannt. So wundert es nicht, dass die sechsköpfige Jury, die im vergangenen Jahr 377 Inszenierungen in 63 Städten sichtete und anschließend 38 von ihnen zur internen Diskussion freigab, zwei Arbeiten des Regisseurs in die engere Wahl für das Theatertreffen gezogen hat. Zum einen „Empire“, den Abschluss der „Europa“-Trilogie, zum anderen „Five Easy Pieces“, eine „Versuchsanordnung“ in den Sophiensaelen, die Kinderdarsteller mit der Figur des belgischen Kindermörders Marc Dutroux konfrontiert.
Im Februar wurde bekanntgegeben, dass es Rau mit einem Werk in die Auswahl der zehn „herausragenden Inszenierungen“ schafft. „Mich hat es schon überrascht, dass es die ‚Five Easy Pieces‘ wurden“, sagt der Schweizer.
Insgesamt zehn herausragende Theaterstücke werden vom 6. bis 21. Mai beim 54. Theatertreffen in Berlin gastieren. Neben Rau, der zuletzt vor fünf Jahren mit „Hate Radio“ zum wichtigsten deutschsprachigen Theaterfestival eingeladen wurde, sind einige alte Bekannte dabei. So ist der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, mit Fontanes „Schimmelreiter“ zum wiederholten Mal vertreten. Wie auch Herbert Fritsch, mit seiner vorläufig letzten Arbeit an der Berliner Volksbühne, der Slapstick-Revue „Pfusch“.
Doch abgesehen von den beiden Dauergästen gibt es viel Neues, Überraschendes und vor allem vieles, das an kleineren Bühnen stattfand. So auch in Raus Fall. Der Regisseur, der oft unter dem Label IIPM – International Institute of Political Murder arbeitet, steht dem Konzept Stadttheater ambivalent gegenüber. „Die Art und Weise, wie Stadttheater arbeiten, ist gerade für avantgardistisches Theater schwerfällig“, sagt Rau. „Ein halbes Jahr vor Probenbeginn werden die Pläne für ein Bühnenbild abgegeben – und wenn sich im Probenprozess etwas ändert, ist das dann schwierig.“ Auf der anderen Seite schätzt er ihre Kontinuität. „Es ist schon cool zu wissen, dass da zum Beispiel Techniker sind, die ihren Job wirklich bis ins Letzte verstehen.“ Diese Professionalität gäbe es, so der umtriebige Regisseur, der mit seinen Werken in über 30 Ländern tourt, in dieser Selbstverständlichkeit nur im deutschen Sprachraum. „Theater ist vielleicht so was wie die deutsche Kunstform“, konstatiert Rau.
Heute geben nicht mehr nur die großen Theater den Ton an – weder das Burgtheater Wien, noch das Schauspielhaus Hamburg oder sein Namensvetter in Zürich finden sich unter den Nominierten. Und auch nicht unbedingt dieetablierten Regisseure: Frank Castorf war es nicht vergönnt, vor seinem Abgang noch ein letztes Mal Präsenz zu zeigen. Stattdessen ist das britische Kollektiv Forced Entertainment mit „Real Magic“ zum ersten Mal eingeladen. Daneben locken Namen wie der des Shootingstars Thom Luz mit seinem „Traurigen Zauberer“ (Staatstheater Mainz) und der des Bühnenautor Simon Stone, der Tcheschows „Drei Schwestern“ (Theater Basel) in die Jetztzeit hievte.
Claudia Bauer – die einzige nominierte Regisseurin – adaptiert Peter Richters Roman „89/90“ (Schauspiel Leipzig) über rebellische Jugendliche zwischen Wachen und Bangen am Ende der DDR-Diktatur. Ebenso politisch, doch in der Gegenwart, bewegt sich Kay Voges „Borderline Prozession“. Eine Villa wird Ausgangspunkt für die Weltgeschichte, die sich von Geburt bis Tod rund um das Haus abspielt. Die Zuschauer können in der Mammut-Installation einzelne Szenen betrachten oder über den Monitor versuchen, das ganze Dilemma von AfD-Propaganda bis Flüchtlingsrealität im Blick zu behalten. Auch Ersan Mondtag zeichnet die Gegenwart, allerdings in besonderer Form: „Die Vernichtung“ ist eine stilisierte Endzeitfantasie zwischen wilder Vögelei und griechischem Drama. Ulrich Rasche komplementiert das Programm mit Schillers „Räubern“, die eine eigenwillige Symbiose aus Mensch und Maschine eingehen.
Das mag auf manch einen Besucher verstörend wirken. Doch ist gerade das Theatertreffen immer eine Institution gewesen, die sich dem Neuen, dem Unbequemen gewidmet hat. „In Frankfurt am Main oder Manchester wurde die Aufführung der ‚Five Easy Pieces‘ abgesagt, in München wurde das Stück zensiert, in Paris gab es gar eine Petition gegen das Stück“, berichtet Milo Rau. „Das sagt wohl mehr über die Verfasstheit der Gesellschaft aus, als über das Stück“. Dennoch setzt das Theatertreffen damit auch Zeichen – gegen Zensur, für Kunstfreiheit. Und die brauchen wir heute dringender als je zuvor.

