Andreas Köhne hat noch ein paar Sachen in seinem Büro liegen gelassen. Akten, die der Architekt nicht mehr so dringend braucht, in der Küche Tassen und Teller und Büromöbel. Er hat auch noch einen Schlüssel für die Räume, aber rein kommt er nicht mehr. Die Vermieterin habe das Schloss unten an der Haustür ausgewechselt, sagt er. Wenn Köhne sich mal wieder durch einen Öffnungsdienst Zugang verschafft hatte, wäre kurz danach wieder ein neues angebracht worden. Schließlich wäre auch noch von innen ein Querbalken an die Tür geschraubt worden. Da hat er sich gesagt: Lass sein, dieses Spiel brauchste nicht mehr.

Vor acht Jahren ist Köhne aus dem Gründerzeithaus an der Ecke Odenwald-/Stubenrauchstraße ausgezogen. Der letzte Bewohner, das war er. Der letzte Mieter ist er immer noch, denn den Vertrag hat er nicht gekündigt und ihm ist auch nie gekündigt worden. Deshalb hält der 65-Jährige ihn weiterhin für gültig. Aber seitdem steht das Haus im Herzen Friedenaus leer.

16 Wohnungen, in die gern Familien einziehen würden. Schulen und Kitas sind nicht weit entfernt, die Einkaufsmeile an der Schloßstraße auch nicht. Verkehrsgünstig, wie solche Wohnungen gern angepriesen werden. Trotzdem ruhig, weil das Haus in einer Seitenstraße der Bundesallee liegt.

Viele in Friedenau wundern sich, wie man so ein prachtvolles Gebäude verkommen lassen kann. An der ramponierten Fassade ist noch verspielte Jugendstilornamentik zu erkennen, aber die Balkone sind verwaist, auf einem liegen leere Farbeimer. Im Erdgeschoss sind Rollläden heruntergelassen, an Wänden und Türen macht sich Graffiti breit, vielen Fenstern fehlt das Glas. Ein Schmuckstück, das langsam auseinanderbricht. Trotz mehrmaliger Nachfrage, ob sie zu einem Gespräch bereit wäre, reagiert die Eigentümerin nicht.

Es gibt Menschen, die aus dem Haus gern wieder was machen würden. Architekten, Investoren, aber auch Nachbarn. In den Behörden wäre man froh, wenn das Haus wieder seiner Bestimmung als Wohnhaus zugeführt würde. Aber es gibt eine, die ihnen anscheinend mit hartnäckigem Widerstand gegenübersteht: die Eigentümerin.

Ein kleiner Film über das Haus wurde schon 2000-mal geklickt

Dietmar Bührer wohnt gegenüber. Vor vier Jahren hat er einen kleinen Film über das Haus gedreht und ihn auf Youtube gestellt. Er hat ihm den Titel „Ein Haus stirbt“ gegeben. Mehr als 2000-mal wurde er bisher geklickt. Er wollte damit auf seine Art gegen den Abriss von Kleingärten protestieren. „Ich dachte, es gibt doch so viele leer stehende Häuser in Berlin, die man sanieren und dann wieder beziehen könnte.“ Bührer weiß, wie Bilder wirken können. Der 69-Jährige ist Fotograf, früher arbeitete er für Zeitungen, danach brachte er in der Justizvollzugsanstalt Tegel Lebenslänglichen sein Handwerk bei. Er bekam das Verdienstkreuz am Bande und ist Ehrenmitglied im Deutschen Verband für Fotografie. In dem Video fährt die Kamera langsam über das Haus, dokumentiert die Schäden und den Leerstand eindringlich. Bührer sagt: „Ich schaue jeden Tag auf dieses Haus und bin traurig, dass jemand es so verkümmern lässt. Eigentum verpflichtet ja auch.“ Bührer glaubt, dass, wenn das Gebäude noch ein paar Jahre leer stehe, die Sanierung sehr teuer und ein Abriss womöglich billiger werden könnte. Und er hat Angst, dass dann da so „ein gesichtsloser Wohnblock hingestellt wird, der gar nicht in die Gegend passt“.

Eine Mitstreiterin hat Bührer in Ingrid Schipper gefunden. Eigentlich ist sie sogar ein bisschen mehr, denn die pensionierte Lehrerin hat sich zum Kopf des Protestes in Friedenau aufgeschwungen. Die schlanke Frau mit dem kurzen roten Haar hat eine „Leerstandsgruppe“ gegründet, die sich öfter trifft und aus rund 50 Mitgliedern besteht.

Schipper hat der Vermieterin eines Tages einen Blumenstrauß vor die Tür gestellt. Auf einer Karte, die sie dazusteckte, schrieb sie – mit „Grüßen aus der Friedenauer Nachbarschaft“ –, dass sie das Haus gern wieder beleben würde. Ob man sich mal treffen könnte. Ihren Namen und ihre Telefonnummer fügte sie bei. Als innerhalb einer Woche nichts geschah, rief Ingrid Schipper sie an. Von oben herab hätte die Frau dann mit ihr geredet. Ja, sie habe die Blumen und die Karte gesehen. Ja, sie wisse, dass das Haus sehr begehrt sei. Aber ihre Familie habe andere Pläne mit dem Haus. Schipper hakte nach: Wie sie das Wohnhaus denn nutzen wolle? Als Wohnhaus, habe sie geantwortet, aber sei nicht ins Detail gegangen. Was für eine eigenartige Situation: ein Haus, mehrere Millionen Euro Wert, in exponierter Lage, aber so verlassen, als würde es weitab im Nirgendwo stehen. Während die Nachbarschaft jetzt im Frühling wieder die Balkone bepflanzt, bleiben die Kästen an der Ecke Odenwald-/Stubenrauchstraße leer und farblos. Wenn die Friedenauer morgens aus den Türen ihrer Häuser treten, bleibt die Tür dieses Hauses verschlossen. Seit Jahren geht das schon so.

Auch das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg befasst sich mit dem Fall des Friedenauer Hauses. Stadträtin Christiane Heiß von den Grünen ist dort für die Bereiche Wohnungsamt und Zweckentfremdung zuständig. Sie selbst habe mit der Eigentümerin nicht gesprochen, „aber ich weiß von Mitarbeitern, dass mehrere Versuche gemacht worden sind und die Gespräche sich schwierig gestaltet haben“. Das Kuriose sei, „dass die Eigentümerin weder die Absicht hat, das Haus zu verkaufen, noch zu sanieren. Und auch keine Bereitschaft zeigt, die leer stehenden Wohnungen zu vermieten.“

Durch die Zweckentfremdungsverbotsverordnung habe man aber die Möglichkeit, gezielt vorzugehen. Das Gesetz, seit 2014 in Kraft, ist ein Mittel, der Wohnungsnot in Berlin Herr zu werden. Vor allem der Betrieb illegaler Ferienwohnungen soll dadurch eingedämmt werden. Es kann aber auch angewandt werden, wenn Häuser, wie in diesem Fall, über einen längeren Zeitraum leer stehen. Was heißt: Die Eigentümerin ist mit einem Bußgeld belegt worden. Im hohen fünfstelligen Bereich. Was die Frau – wen wundert’s bei ihrem eigenwilligen Dagegensetzen – bisher nicht gezahlt habe. Der Standpunkt der Besitzerin sei, meint die Stadträtin, dass das Haus ihr Eigentum sei und sie damit machen könne, was sie wolle.

Aber was tun? Eine Forderung aus der Öffentlichkeit ist, dass der Bezirk das Haus selbst bewirtschaften, also selbst Mieter in das Haus hineinsetzen und auch alle Sanierungsarbeiten durchführen solle. „Das ist so schnell nicht möglich“, sagt Stadträtin Heiß. Und solange eine Chance bestehe, dass die Vermieterin ihrer Verantwortung selbst nachkomme, auch nicht gerechtfertigt. Außerdem tauche in der Öffentlichkeit immer wieder die Idee einer Enteignung auf. Im Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes kann man dazu lesen: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Und weiter im Absatz 3: „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt.“ Stadträtin Heiß schiebt der Forderung der Enteignung einen klaren Riegel vor: „Wir denken, dass das Vorgehen nach Zweckentfremdungsverbot ausreichend sein sollte.“

Die Eigentümerin signalisiert endlich Bereitschaft

Zumindest habe sich die Eigentümerin gemeldet „und Bereitschaft signalisiert, den jetzigen Zustand zu beenden“, sagt die Stadträtin bei nochmaliger Nachfrage in der vergangenen Woche. Wie das geschehen soll, will Heiß nicht erklären, sie meint aber: „Ich befürchte, das Verfahren wird sich noch mindestens ein Jahr hinziehen.“ Das Bußgeld sei bisher nicht bezahlt worden. Was passiert, wenn das so bleibt? „Dann hätte der Bezirk die Möglichkeit, sich als Gläubiger ins Grundbuch eintragen zu lassen. Das Haus kann dann irgendwann zur Zwangsversteigerung kommen. Dann geht es aber meistbietend auf den Markt.“

Im aufmüpfigen Kreis der Friedenauer Bürger kursiert noch ein anderer Gedanke, der eher nach Kreuzberg-Friedrichshain klingt. Nämlich der einer Besetzung. „Alles Mögliche an Ideen schwirrt da rum“, sagt Ingrid Schipper.

So ist also der Stand der Dinge: Die Friedenauer Leerstandsgruppe diskutiert, ob sie Worten nun auch Taten folgen lassen will. Das Bezirksamt versucht, die Wogen zu glätten. Ungewiss bleibt, wie die Eigentümerin weiter vorgehen wird. Manche Neumitglieder der Gruppe, so Ingrid Schipper, hätten die Hoffnung, dass man bei ihr vielleicht doch noch einen weichen Fleck im Herzen entdecken könne.

Wenn man allerdings den Erzählungen An­dreas Köhnes, des letzten Bewohners des Hauses, zuhört, scheint das wenig wahrscheinlich. Er hat nach dem Auszug sein Büro circa drei Kilometer entfernt, in eine kleine Seitenstraße unweit des Nollendorfplatzes, verlegt. „Das Haus war im Grunde unbewohnbar geworden“, sagt er. Die Lieferung der Fernwärme war eingestellt worden – „ganz einfach, weil die Dame ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen ist bezüglich der Bezahlung“. Im Winter platzten die Heizrohre. Er erzählt das in einem beiläufigen Ton, so als ob sich die Ereignisse, die er mit diesem Haus verbindet, mit der Zeit abgenutzt hätten. Manchmal muss er aber doch kurz lachen. Wenn er schildert, wie sich die Feuerwehr aus Leipzig bei ihm gemeldet habe. Dort war man anscheinend so verzweifelt, weil man keinen Kontakt zu seiner Vermieterin fand, dass man ihren Mieter anrief. Es gebe da bei einem Objekt eine massive Gefährdung durch herabfallenden Putz, hieß es. Ob er bei der Eigentümerermittlung helfen könne.

Was ist es, dass diese Frau sich so vielem sperrt? Köhne sagt, er könne da nur spekulieren: „Sie hat eine Scheu vor Menschen und kann Dinge nicht zu Ende führen. In dem Haus hat sie mehrere Projekte hoffnungsvoll angefangen.“ Tatsächlich ist der linke Teil des Hauses in der Odenwaldstraße zum Teil renoviert worden. „Und dann wurden die Arbeiten irgendwann eingestellt, weil die Arbeiter auf einmal keinen Kontakt mehr zu ihr hatten.“ Einem Installateur, der die Heizungen machen sollte, habe er geraten: „Legen Sie den Auftrag nieder. Sie werden damit nicht glücklich.“

Köhne würde gern eines Tages wieder in das Haus zurückkehren. Dabei wäre er auch einer Instandsetzung nicht abgeneigt. Sein Vorschlag: „Gegen die Instandsetzungskosten rechnen wir die Miete auf, und wenn sie aufgebraucht sind, zahlen wir diese Gelder auf ein Sperrkonto ein, um das eines Tages der Vermieterin zuzuführen. Ich denke, dass damit die rechtliche Absicherung einigermaßen erfüllt wäre.“

So oder so, es ist viel Bewegung rund um das Haus in Friedenau. Noch wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Dietmar Bührer, der Nachbar von gegenüber, sagt, dass er seinen kleinen Film mit Chopin-Musik unterlegt habe, weil ihm gerade danach gewesen sei. Es hätte auch Pink Floyd sein können. Vielleicht erklingt ja in seinem Film irgendwann noch eine andere Musik.