Sein Name ist Schwerin von Krosigk, Wilfried Graf Schwerin von Krosigk. Das klingt, wenn nicht nach Großgrundbesitz, Grandezza und Golfreisen, dann doch zumindest nach tadellosen Manieren. Man sollte meinen, so ein Name öffne ihm auch heute noch Türen. Tatsächlich ist es eher umgekehrt. Wilfried Graf Schwerin von Krosigk (62) seufzt.

Er ist Künstler, Autor und Drehbuchautor, ein Mann, der adelige Klischees konsequent konterkariert. Er hat sich diesen Titel nicht ausgesucht. Und eigentlich sollte so ein „von“ im Namen ja auch keine Rolle mehr spielen. In Deutschland wurde der Adel 1919 abgeschafft. Doch durch seinen Alltag spukt er immer noch.

Er merkt das, wenn er zum Arzt geht. Er sagt, es dauere immer ewig lange, bis ihn die Sprechstundenhilfen in der Patientenkartei gefunden haben. Er beneidet sie nicht um ihre Aufgabe. Unter welchem Buchstaben sollen sie ihn denn auch suchen? Unter S wie Schwerin oder K wie Krosigk? Unter V wie von oder G wie Graf?

Seine Frau rollt mit den Augen. Sie sind seit 15 Jahren verheiratet. Aus Sue Boos wurde Gräfin Schwerin von Krosigk. Sein Problem mit dem Namen ist auch ihr Problem. Aber sie nehmen es beide mit Humor. Dass sie beide lange im Ausland gelebt haben, hilft ihnen dabei. Sie ist als Tochter eines Diplomaten in Kanada geboren und in England groß geworden. Er hat jahrelang als Künstler in New York gelebt, bevor er 1994 zurück nach Berlin zog und als Autor neu durchstartete.

Beide verbindet ein heiter ironischer Blick auf das Leben und die Stiff upper lip. Sie neigen nicht zu überschwänglicher Freude, sie lassen sich ihre Verletzlichkeit nicht anmerken. Anders ist nicht zu erklären, wie sie es schaffen, sich nicht nur Tisch und Bett zu teilen, sondern auch noch die Arbeit.

Drehbuchautorin, TV-Produzentin – und Erfinderin der Soap „Verbotene Liebe“

Seit mehr als 20 Jahren schreiben sie zusammen. Er: ein Künstler mit abgebrochenem Jurastudium. Groß, schlaksig, vollbärtig. Sie: eine bekannte Drehbuchautorin, TV-Produzentin und Erfinderin der erfolgreichen ARD-Soap „Verbotene Liebe“. Eine Frau mit klugen Augen hinter einer runden Brille und einem Bob, der sie 20 Jahre jünger wirken lässt.

Erst waren es nur Drehbücher für das Fernsehen, die sie vierhändig tippten, wenn auch jeder in seinem eigenen Büro, an seinem eigenen PC. Leichte Unterhaltung für die Primetime der ARD oder bei Sat.1. Jetzt kommt ihr zweiter Roman heraus. Er heißt „Die Pergamon-Morde“, und es ist – nicht schwer zu erraten – ein Berlin-Krimi.

Die Hauptfigur ist allerdings kein Kommissar, sondern ein liebenswert verschrobener Adeliger. Ein Luftikus, der sich an den Buffets von Vernissagen durchschnorren muss, weil er mit 29 immer noch nicht angekommen ist im Leben. Kein Führerschein. Keine Ausbildung. Kein Studium.

Er hat keine besonderen Fähigkeiten – mal abgesehen von dem Talent, in Fettnäpfe zu treten. Keiner weiß, warum, aber er wird ständig in Verbrechen verwickelt. Mit einem Mord ging es in ihrem ersten Krimi noch relativ harmlos los. Er heißt „Der Minutenschläfer“ und er erzählt davon, wie der arme Adelige als Housesitter eines Villenbesitzers in den Fokus einer internationalen Kunsträuberbande gerät.

Im neuen Buch fließt das Blut noch üppiger, noch filmreifer. Es wird nicht mehr nur gemordet, sondern gemetzelt. Mal fehlen einer Leiche die Augäpfel, mal das Herz und mal der Kopf. Es geht um die Gier nach Profit und um einen Guru, der seine Anhänger zu magischen Ritualen um sich schart. Eine wichtige Rolle spielt eine Götterfigur, die mit der Post im Pergamonmuseum abgegeben wurde, ohne dass sie jemand bestellt hatte. An jenem Ort, wo unser verarmter Adeliger gerade ein Praktikum absolviert.

Wieder gerät er schneller unter Verdacht, als der Tatort gereinigt werden kann. Es sind vielleicht ein paar Zufälle zu viel. Aber das, so suggerieren die Autoren, liegt in der Natur der Sache. Der Mann heißt Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen. Es ist eine Figur, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Ritterlich, aufrichtig, bescheiden – aber hoffnungslos naiv. So einer zieht das Pech eben an. Seine Freunde sagen Hasi zu ihm.

Frau Schwerin, wie sich Sue nennt, lächelt ihr Mona-Lisa-Lächeln, wenn man sie fragt, wie sie ausgerechnet auf diesen Namen gekommen ist. Sie sagt: Man kenne das doch von den Adeligen aus den Klatschrubriken der Yellow Press, den Titas oder den Prinz Schaumis: „Je länger der Name, desto absurder der Spitzname.“ Und passt Hasi nicht wunderbar zu einer Figur, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint? Die dem Leser gerade auf diese Weise einen völlig neuen Blick auf das Berlin nach der Jahrtausendwende eröffnet, auf die Boomtown der Immobilienhaie und Spekulanten, die Hauptstadt der Schönen und Neureichen?

Man trifft die Autoren dort, wo Hasi das Licht der Welt erblickt hat. Eine Altbauwohnung in der Nähe des Kudamms, 190 Quadratmeter, lichtdurchflutet, moderne Kunst an den Wänden und Bücher, alles voller Bücher. Sie füllen zwei Regalwände, man braucht eine Leiter, um an die oberen Reihen zu gelangen. Umberto Eco, Haruki Murakami, Juli Zeh, Kurt Vonnegut. „Das sind so Autoren, die wir lieben“, sagt Frau Schwerin. Und so, wie sie das „wir“ betont, muss man an das von Irm Hermann und Hans-Peter Korff gespielte Ehepaar aus dem Loriot-Film „Pappa ante Portas“ denken. Beide versichern reflexartig, wie einig man sich in allen wichtigen Fragen des Lebens sei. Dabei sieht ein Blinder, dass sich die beiden schon lange nichts mehr zu sagen haben.

Bei Herrn und Frau Schwerin ist das natürlich nicht so. Die beiden funktionieren tatsächlich am besten im Doppelpack, zumindest als Romanautoren. Sie spielen sich die Antworten wie Pingpongbälle zu, wenn sie darüber reden, wie ihr Teamwork funktioniert. Wie er, der Stratege, die Handlungsgerüste konstruiert und sie, die Psychologin, den Figuren den letzten Feinschliff verpasst. „Es ist ihre Spezialität, aus gerade krumm zu machen“, sagt er.

Das beschreibt ziemlich gut, was ihre Krimis aus der Masse der Krimis hervorhebt. Auf den ersten Blick kommen die Geschichten harmlos daher. Und dann heben sie peu à peu vom Boden ab. Das Böse, es lauert auch da, wo man es am wenigstens vermutet. In einer Zehlendorfer Gründerzeitvilla oder im Pergamonmuseum.

Das Milieu, in dem diese Geschichten spielen, ist den Autoren vertraut. Es ist die Welt der Berliner Salons, der Vernissagen und Konzertabende. Alles piekfein, alles etepetete. Aber die Fassade der Bussi-Bussi-Gesellschaft bröckelt. Man ertappt Hasi, wie er heimlich einen Gefrierbeutel aus der Tasche seines Tweedsakkos zieht, um sich am Buffet Scampi und Törtchen einzustecken.

Alles Klischees, denkt man. Das Tweedsakko, das nicht mehr ganz neu ist und nur echt mit den Ärmelschonern aus Cord.

Doch dann streckt Herr Schwerin mitten im Gespräch den Arm in die Luft, ein breites Grinsen im Gesicht. Und was sieht man da? Ärmelschoner verstärken seinen Wollpullover. „Da war doch mal ein Loch drin“, sagt er zu seiner Frau. „Das hast du mir zugenäht.“

Mit der Mode stehen sie beide auf Kriegsfuß. Und bei ihm ist das nicht nur Protest gegen den adeligen Krawattenzwang. Als Künstler habe er tatsächlich manchmal nicht gewusst, wie er seine Miete bezahlen sollte, sagt er. Andere Kollegen hielten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Doch für ihn sei das nicht infrage gekommen. „Wie hätte das denn ausgesehen: ein Graf, der kellnert? Die dachten doch alle, ich könnte vom Verkauf meiner Bilder leben.“

Fluch und Segen der adeligen Herkunft. Man merkt: Es ist eine unerschöpfliche Quelle von Komik. Hasi ist das Alter Ego von Herrn Schwerin. Der ist der Spross einer Familie, deren Stammbaum 900 Jahre zurückreicht. Der Clan besaß mal Ländereien in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Doch davon, sagt er, sei nichts mehr übrig. „Alles enteignet.“

Es klingt fast ein wenig bedauernd. Er sagt, er sei eher bürgerlich aufgewachsen, der Vater Jurist, die Mutter Archäologin. Doch natürlich habe das adelige Erbe der Familie auch seine Erziehung geprägt. Da ist dieses Damhirschgeweih, das heute in einer Bibliothek hängt. Ein Souvenir an die Jagdausflüge mit seinem Vater. Es sind keine schönen Erinnerungen, die er damit verbindet. Den Anblick eines angeschossenen Tieres, das vor seinen Augen verblutete. Herr Schwerin hat Zweige auf die Hörner des Geweihs gesteckt. Es sieht aus, als wachse aus dem Toten etwas Lebendiges. Es ist seine Art, gegen adelige Traditionen zu rebellieren.

Wenn das sein Großvater noch erlebt hätte. Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk (1887– 1977) war ein bekannter NSDAP-Politiker. Er war Reichsminister für Finanzen, erst im Kabinett Papen, dann unter Hitler. Er wurde in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren verurteilt und 1951 vorzeitig entlassen. Seine Memoiren stehen im Bücherregal. „Eine Respektsperson“, sagt Herr Schwerin schmallippig. Er redet nicht gern darüber. Seine Frau hilft ihm aus der Bredouille. Sie sagt: „Du hast deine Familiengeschichte immer als Auftrag verstanden, um Autoritäten anzuzweifeln.“

Er nickt ihr zu. Den Wehrdienst hat er verweigert. Es war ein erster Akt der Rebellion. Aber so ganz abgenabelt hat er sich immer noch nicht vom Adel. Dabei soll ihm jetzt Hasi helfen, der tragisch-komische Held ihrer Berlin-Krimis. Ein Mann, der an Narkolepsie leidet und immer dann einschläft, wenn es brenzlig wird. Was erklären soll, warum Hasi beruflich erfolglos ist, aber trotzdem von allen geliebt wird, vor allem von den Frauen. Der „Minutenschläfer“.

Die Rezensionen zu dem ersten Band waren wohlwollend bis euphorisch. Herr und Frau Schwerin hat das beflügelt. Hasi ist ihr Baby. Müde geworden von den Gängeleien des Fernsehens, haben sie sich für eine Weile ausgeklinkt, um ihren Traum vom eigenen Roman zu verwirklichen.

Kritik tut weh, Besonders wenn sie von seiner Frau kommt

Und jetzt, wo das Kind da ist, haben sie große Pläne damit. Ein dritter Band ist schon in Arbeit. Es soll eine ganze Reihe werden. Und irgendwann, so hoffen sie, schafft es Hasi auch ins Kino oder ins Fernsehen, vielleicht sogar als Held einer eigenen Serie. Noch sei es aber zu früh, um über Abnehmer zu sprechen, sagt Frau Schwerin. „Wir müssen den Büchern erst die Chance geben, eine Marke zu werden.“

Das ist noch ein langer Weg. Wie steinig er ist, ahnt man, wenn sie erzählen, wie ihr Teamwork funktioniert. Jeder schreibt in seinem eigenen Büro, doch man trifft sich regelmäßig an dem Konferenztisch in seinem Atelier, um ihre neuen Kapitel zu besprechen. Und dabei, räumen sie ein, kann es schon mal krachen. Er sagt, natürlich tue Kritik weh, besonders wenn sie von seiner Frau komme. „Es sind schon ganze Kapitel wieder rausgeflogen.“

Sie sagt, aber das sei doch das Schöne am Teamwork. „Als Autor hat man ja immer Angst, dass man sich in einer Sackgasse verrennt. Mit Wilfried an meiner Seite habe ich diese Angst nicht. Ich weiß, er findet überall wieder heraus.“ Ooops, jetzt ist es ihr doch herausgerutscht. Eine Liebeserklärung an ihren Mann. Es geht eben doch nichts über echte Ritter. Ob die adelig sind oder nicht, ist eigentlich egal.

„Die Pergamon-Morde“ sind gerade im Berliner be.bra verlag erschienen, 272 Seiten, 12 Euro. Am 21. März stellen die Autoren ihr neues Buch im Kant-Kino vor.