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Nach drüben? Niemals!

In den 60er-Jahren erregte ein Sorgerechtsstreit die Gemüter: Das West-Berliner Mädchen Angelika Kurtz, das bei seinemVater lebte, sollte zur Mutter in die DDR. Unser Autor hat das Kind von damals gesucht – und gefunden

Das Treffen klappte dann doch. Mit der Frau, deren Augen immer noch so freundlich und offen dreinschauen wie auf den Kinderbildern von damals. Schwarz-Weiß-Fotos, die vor einem halben Jahrhundert unter unzähligen Schlagzeilen zu sehen waren, in ganz Deutschland, besonders in Berlin. Weit über hundert Zeitungsartikel waren es wohl während dieses langjährigen deutsch-deutschen Rechtsstreits. Im Zentrum: eine kleine Göre mit zwei Zöpfen aus West-Berlin.

Nach der ersten Anfrage hatte sie noch gezögert: "Es tut mir leid", schrieb sie, aber sie könne da nicht helfen – "die 'kleine' Angelika gibt es nicht mehr". Und: "Der Kalte Krieg von damals hat viel Kummer über mich, meine Großmutter und meinen Vater gebracht." Außerdem, Briefe und Fotos könne sie sowieso nicht mehr beisteuern. Vor Jahrzehnten nämlich habe schon mal ein Reporter geplant, ihre ganze Geschichte aufzuschreiben, und habe fast alles mitgenommen. Eine Geschichte, die das Ost-West-Verhältnis für geraume Zeit in Atem hielt. Doch der Journalist verschwand samt Unterlagen.

Längst wohnt Angelika Kurtz – so lautet ihr Mädchenname – nicht mehr in Berlin. Bei einem Treffen in einem Bahnhofscafé auf dem platten Land ist sie dann doch bereit zu reden. "Meine beiden Zöpfe habe ich aber nicht mehr", hatte sie sich selbst, diesmal schon fröhlicher, am Telefon vor der Verabredung beschrieben. "Okay, ich erzähle noch mal alles", sagt sie bei einer Cola, "aber danach reicht's, ich will das Thema abschließen." Abschließen, so wie längst auch mit ihrer Mutter, die sie, ihre uneheliche Tochter, als Zehnjährige zu sich in den Osten holen wollte.

Angelika aber wollte nicht. Nicht zu der Frau, an die sie keinerlei Erinnerung hatte, weil diese sie im Säuglingsalter im Westen "vergessen" hatte, bevor sie mit einer neuen Liebe in den Osten ging. Dort, Jahre später und ganz plötzlich, war der Mutter das Kind wieder in den Sinn gekommen, das aus einer flüchtigen Affäre stammte. Der wohl tiefere Grund für die Rückbesinnung: Die Neu-Zittauerin und ihr Lebensgefährte hätten in der sozialistischen Wohnungswirtschaft mit einer Tochter Anspruch auf ein Zimmer mehr gehabt.

Man schickt ein Kind in die "sogenannte DDR", empören sich Zeitungsleser

In der Frontstadt brodelte es in den 60er-Jahren. Dass ein West-Berliner Mädchen gegen seinen Willen in die "Zone" umsiedeln sollte, weckte in der Bevölkerung finsterste Fantasien. "Man schickt ein Kind ins KZ, in die sogenannte DDR", hieß es in einem Leserbrief an die "Bild"-Zeitung – ein Duktus, der in der Nachkriegszeit durchaus verbreitet war und auch im Fall Angelika öfters anklang. Die Abneigung gegenüber dem Kommunismus wuchs in jener Zeit frappant. Nicht von ungefähr kommentierte Otto Normalbürger die aufkommende "68er"-Studentenbewegung mit der sarkastischen Aufforderung: "Geht doch rüber!"

Am 12. September 1962 erfuhr die Öffentlichkeit zum ersten Mal vom Fall Angelika Kurtz. Ihr Vater Fritz hatte bei der Boulevardzeitung "B.Z." angerufen und erzählt, das West-Berliner Landgericht habe soeben entschieden, dass seine Tochter ab sofort im Osten leben müsse. Das Rote Kreuz solle sie am 14. September im Bahnhof Friedrichstraße der leiblichen Mutter übergeben. Es war das vorläufige Ergebnis eines seit 1961 schwelenden Rechtsstreites zwischen der Jugendhilfe Zittau, die die Mutter vertrat – sie war inzwischen verheiratet und hieß nun Klauert – und dem Jugendamt Tempelhof, das sich mit Vater und Oma vehement für den Verbleib Angelikas in Marienfelde einsetzte.

Der Artikel, der daraufhin erschien, begründete gleich das Maß an Emotionen, welches dem Thema die nächsten viereinhalb Jahre innewohnen wird: "Die Mutter führte einen liederlichen Lebenswandel", hieß es da, "sie wechselte ständig den Arbeitsplatz und war meist ohne festen Wohnsitz". Währenddessen sei Angelika "glücklich und ruhig" bei den Eltern des Vaters aufgewachsen, habe in der Zeit von ihrer Mutter nichts mehr gehört. "Ab und zu trafen Bekannte die junge Frau in zweifelhaften Lokalen." Immer wieder auch der Hinweis, das frisch gebackene Ehepaar Klauert sei ja sowieso nur in den Osten gegangen, weil man im Westen von Polizei und Staatsanwalt verfolgt werde.

Noch am Folgetag des "B.Z."-Artikels schickte das Jugendamt Tempelhof ein Telegramm nach Zittau: "Bitte am 14. 9. nicht kommen. Angelika fieberhaft erkrankt. Nicht transportfähig." Gleichzeitig kündigte man ein weiteres Gutachten über die seelischen Folgen einer Übersiedlung für das Kind an. Das Kammergericht, die höchste Instanz der West-Berliner Justiz, wurde angerufen. Doch es bestätigte die Entscheidung des Landgerichtes: Angelika muss rüber. Aber was würde sie dann hinter sich lassen?

Die alte Schmiede an der Marienfelder Allee 162, wo Angelika Kurtz ihre Kindheit verbrachte, ist längst abgerissen; an ihrer Stelle stehen heute Gebrauchtwagen auf Kies zum Verkauf. Der Graben dahinter ist zugeschüttet, der Marienfelder Damm wurde umgeleitet. Fünf Jahrzehnte lang ist Gras gewachsen über das Drama, das sich rund um diesen Ort abspielte, das ganz Berlin und halb Deutschland in Atem hielt. Boulevardzeitungen, Radio und Fernsehen der Stadt, die Justiz, die Politik, die Berliner, alle waren in heller Aufregung, sogar aus der Bundespolitik im fernen Bonn und München gab die Prominenz ihre Meinung zum Fall kund. Ost-Berlin konterte mit Propaganda und Erpressungsmanövern. Seither aber war nirgends mehr die Rede davon. Erstaunlich, bei all dem Trubel damals.

Eigentlich ging es hier vor rund 50 Jahren eher dörflich zu. Die Hufschmiede war eine der letzten in der Stadt. Mit Amboss im Schuppen, im Hof Berge von Schrott und ein Misthaufen. Seit dem 19. Jahrhundert beschlugen die Seltmanns hier Pferde. Hinterm Anwesen lag ein großer Garten. Wer dort am Kaninchenstall vorbeiging und über den schmalen Bach sprang, den "Königsgraben", der kam bei Bauer Weise auf dem Rübenacker wieder auf. Angelika hat es unzählige Male getan. Hier war sie zu Hause, hier spielte und lernte sie wohlbehütet bei Vater Fritz und Großmutter Luise Seltmann. Als der Sorgerechtsstreit seinen Lauf nahm, war sie fünf. 1967, beim Happy End, war sie zehneinhalb.

Das kleine Mädchen war in jenen entscheidenden Jahren in Berlin bekannt wie ein bunter Hund. "Ob bei Karstadt auf der Holzrolltreppe, in Lankwitz an der Kirche oder vor Woolworth auf der Straße", erinnert sich Angelika heute. "Überall hieß es: 'Ist das nicht die Kleine aus der Zeitung?' Meine Oma hat mich immer gleich weggezogen."

Die Entscheidung über Angelikas Zukunft lag bei den Gerichten im Westen, weil das Jugendamt Tempelhof die Vormundschaft für Angelika ausübte. Die Justiz aber war Gefangene der damaligen westdeutschen Rechtsauffassung. Erstens: Bei unehelichen Kindern hat die Mutter immer das Sorgerecht, der Vater nie. Zweitens: Im Sinne eines vereinigten Deutschlands gilt das Prinzip der Rechtseinheit mit der "Zone". Es war also egal, ob die Mutter, die ihr Sorgerecht durchsetzen wollte, im Westen oder im Osten lebte. Besondere Bedingungen – wie der Genuss der Grundrechte oder künftige Einschränkungen der Freizügigkeit des Kindes – durften deshalb keine Rolle spielen. Mit anderen Worten: Angelika schien ein Opfer der Nichtanerkennung der DDR als Staat zu werden. Auch für den Osten hatte eben bundesdeutsches Recht zu gelten. Man konnte es dort zwar nicht durchsetzen, beileibe nicht; aber im Falle von Angelika es wenigstens mal einsetzen.

Die DDR-Führung machte sich den Fall zu eigen. Sie baute das Verlangen der Mutter ein in ihren Kampf gegen die angebliche Ost-Hetze der westlichen Monopolpresse. Der Ost-Berliner Starverteidiger Friedrich Karl Kaul vertrat die Zittauer Jugendhilfe, auch der Rechtsanwalt und Diplomat Wolfgang Vogel schaltete sich ein. Mutter Hildegard Klauert durfte zweimal im DDR-Fernsehen auftreten und unter Tränen einen Appell an die West-Berliner Justiz verlesen. Und das "Neue Deutschland" schoss scharf gegen die Hinhaltetaktik der westlichen Organe.

Die Politik mischte sich ein, gab sich aber hilflos. Der – bis 1966 – Regierende Bürgermeister Willy Brandt hätte es zwar begrüßt, wenn Angelika Kurtz im Westen bleiben könne, aber "wir sind ein Rechtsstaat, niemand kann sich über Urteile der Gerichte hinwegsetzen". Anders der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß. Er hatte "kein Verständnis für ein Gericht, das eine solche Entscheidung trifft", es bestehe "die Gefahr, dass die Staatsbürger paragrafenverdrossen werden". Auch Bundesvertriebenenminister Ernst Lemmer fühlte sich zuständig: "Dieser tragische Fall gehört vor die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen." (Dort landete er tatsächlich, aber erst, als alles vorbei und entschieden war.)

Berlins Müllmänner verkündeten kämpferisch, mit ihrem schweren Gerät den Sektorenübergang blockieren zu wollen, sollte das Urteil vollstreckt werden. Bekannte und Fremde boten öffentlich an, Angelika vor dem Gerichtsvollzieher zu verstecken. Immer wieder, wenn irgendeine gerichtliche In­stanz eine weitere Entscheidung getroffen hatte, musste das Mädchen über den schmalen Bach hüpfen und sich bei Bauer Weise tagsüber verstecken. "Einmal bin ich plötzlich mit meiner Mutti – also meiner Großmutti – nach Tempelhof gefahren, in eine PanAm-Maschine gestiegen, nach Hamburg geflogen und dann sind wir ein paar Tage bei Itzehoe geblieben, bis sich in Berlin die Lage wieder beruhigt hatte." Die Transitwege waren natürlich tabu für Angelika, im Vorgarten spielen ebenso. Lange Zeit durfte sie nur noch unter Polizeischutz zur Schule. "Irgendwie hatten alle Angst, dass mich jemand aus dem Osten wegholen könnte", sagt sie. Eine Schulfreundin von damals, die unmittelbar an der Mauer wohnte, erinnert sich: "Angelika durfte nie zu uns kommen, ich musste immer zu ihr. Heute weiß ich, warum."

"Dann springe ich in die Spree und schwimme zurück!"

Angelika, das kleine Mädchen, war entschlossen, nicht in den Osten zu wollen. "Willst du deine Mutter kennenlernen?", fragte im Sommer 1966, auf dem Höhepunkt der Affäre, ein Fernsehreporter die zehnjährige Angelika. – "Nein!" – "Warum nicht?" – "Na, weil ich sie nicht kenne." – "Was, wenn du trotzdem rüber musst?", fragte ein anderer. "Dann springe ich in die Spree und schwimme zurück." – "Und wenn die schießen?" – "Egal", sprach sie unerschüttert ins Mikrofon.

Die Mauer, sie war inzwischen trauriger Alltag. Auch hier draußen war sie gegenwärtig. Einen Kilometer südlich der Hufschmiede verlief sie, vier Meter hoch, trennte sie die östliche von der westlichen Welt. Noch präsenter war sie nur wenige Hundert Meter nördlich: im Notaufnahmelager Marienfelde; dort, wo zu der Zeit alle landeten, die trotz Schießbefehl irgendwo den Sprung über die Mauer geschafft hatten. Die es nicht mehr ausgehalten hatten in der Beengtheit, der Unfreiheit.

"Natürlich kannte ich als Kind das Flüchtlingslager", erinnert sich Angelika, "wir sind ja oft daran vorbeigefahren." Und natürlich hörte sie irgendwann auch, dass viele den Sprung über die Mauer nicht schafften und auf der Flucht erschossen wurden oder ertranken. Sie hörte auch, dass man dahinter arm war, "dass man nüscht zu essen bekam", wie sie sich erinnert, und man nicht frei reden durfte. Klar, deshalb wollten ja auch alle weg von dort. Und ausgerechnet dort sollte sie hin.

Am 27. Januar 1967 war es tatsächlich so weit. An diesem Tag wurde Angelika hinter die Grenze gebracht, von einem schwarzen Mercedes in den Osten. Zu fremden Menschen, die wollten, dass sie für immer bei ihnen bleibt. Der Vorhang zum letzten, zum entscheidenden Akt hatte sich gehoben. Würde er hinter ihr wieder zufallen, auf immer, gnadenlos, als Eiserner Vorhang? Weg von ihrem Zuhause, von ihren Kaninchen, vom Vater und der Oma, zu der sie "Mutti" sagte, die beide fünf Jahre lang verzweifelt dafür gekämpft hatten, dass Angelika nicht in "die Zone" muss.

In den Jahren zuvor hatte die Lage ständig gewechselt, der Fall war die gerichtlichen Instanzen hinauf- und auch wieder hinuntergewandert. Als das Kammergericht schlussendlich die Überführung bestätigte, entflammte in den Zeitungen eine Diskussion darüber, ob ein Gerichtsvollzieher ein Mädchen einfach so einkassieren könne, als handele es sich um eine gepfändete Musiktruhe. Juristen wandten ein: Körperliches Zugriffsrecht auf ein Mädchen habe doch allein die Sorgeberechtigte, die Mutter – und die konnte nicht in den Westen kommen. Aber was half diese Erkenntnis?

Derweil fand die Presse ihren neuen Helden in dem Fall: Hans Joachim Seibt, Richter am Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg. Unterste Instanz zwar, aber als solcher zuständig für die Vollstreckung. Die verweigerte er und fuhr schweres Geschütz auf gegen die hohen Herren Kammerrichter: Deren Urteil sei "lebensferne Schreibtischjustiz, oberflächlich, fehlsam und ohne menschliches Verständnis". Da sprach einer der West-Berliner Bevölkerung aus dem Herzen. "Amtsrichter schützt Angelika", betitelte die "B.Z." ihre Geschichte über den "mutigen" Seibt. Die Bewunderung der Menschen stieg weiter, als sie Wochen später lasen, dass der 53-jährige Beamte einen Verweis erhalten hatte und seine Karriere fortan eingefroren blieb.

Längst war man in Ost-Berlin zu Erpressung übergegangen und hatte humanitäre Zusammenarbeit mit Bonn ausgesetzt. Die vielen Kinder im Osten, die seit dem Mauerbau von ihren im Westen lebenden Eltern getrennt waren und bis 1963 in kleinen Gruppen Zug um Zug herausgelassen wurden, sind nun die Opfer. Keines von ihnen darf mehr ausreisen, "bis der Fall Angelika Kurtz gelöst ist". Eine schwere Last lag nun auf den Schultern einer Zehnjährigen. "Davon habe ich aber nichts mitgekriegt, mein Vater und meine Großmutti haben mich so lange es ging abgeschirmt von den Nachrichten", sagt sie heute im Café. "Die Abendschau wurde immer gleich ausgeschaltet, und erst nach und nach hab ich mal Zeitungen mit Artikeln über mich auf dem Schrank entdeckt." Was erst nach der Wende zu lesen war: Ost-Anwalt Kaul hatte seiner Regierung allen Ernstes vorgeschlagen, Transitreisenden ihre Kinder wegzunehmen und sie als Faustpfand gegen Angelika einzusetzen. Dazu kam es nicht mehr.

Angelika soll die Mutter in Zittau besuchen – und dann Selbst entscheiden

Denn zum Schluss ging alles ganz schnell. Und irgendwie auch einfach, nach all dem Hin und Her. War es die 1966 neu gebildete Bundesregierung in Bonn mit einem SPD-Außenminister Brandt, mit der sich Ulbrichts SED nun besserstellen wollte? Oder spürte die Mutter, dass sie bei Angelika, die ihr abweisende Briefe schrieb, keine Chance hatte? Oder war es die Überzeugungskraft des aufsteigenden Staranwalts im Osten, Wolfgang Vogel, der sich nun einschaltete? Mit einem salomonischen Lösungsvorschlag, dem alle Beteiligten zustimmten: Angelika erklärte sich bereit, ihre Mutter in Zittau zu besuchen, und durfte dann nach ein paar Wochen selbst entscheiden, ob sie dort bleibt. So kam es.

Als es losgehen sollte, an jenem 27. Januar, hatte sich die deutsche Presse schon zu nachtschlafender Zeit an der Hufschmiede aufgebaut, um die Abfahrt nicht zu verpassen. Natürlich auch die "Bild"-Zeitung, zwei ihrer besten Reporter waren vor Ort. Doch nur einer hatte wirklich den direkten Draht: Siegfried Wiechmann war damals, als 22-jähriger Volontär, der Autor fast aller "B.Z."-Berichte zum Fall. Heute sieht er die starke Emotionalisierung in seinen Artikeln selbstkritisch: "Fakten, Gerüchte und Kommentare, ohne jede Trennung, das hätte man so nicht machen dürfen." Man hatte Stimmung gemacht, und sie hat gewirkt. Wiechmann wurde in jenen Jahren der Familie Seltmann zum Freund, was ihm dann, im entscheidenden Moment, den nötigen Vorsprung verschaffte. Während alle anderen also frierend vor dem Haus standen, schlief Siegfried an diesem Morgen aus.

Er kannte den genauen Termin, fuhr um elf Uhr nach Marienfelde, schlich sich ins Haus und verließ, wie mit der Familie vereinbart, hinten herum, über Bach und Acker von Bauer Weise, mit Angelika das Anwesen. Er ging zum Auto, das das Mädchen in Richtung Sektorengrenze fuhr, und bekam seine "Story" – während vorne die gesamte übrige Presse vergebens wartete. "B.Z." und "Bild" waren beide vom selben Verlag. "Das war schon eine ernste Angelegenheit zwischen unseren Redaktionen, da hat keiner drüber gelacht", erzählt Renate Wiechmann, die schon damals seine Lebensgefährten war und gleichzeitig "Bild"-Redakteurin, und sie kann selbst heute kaum darüber lachen. Die Story des Jahres – und die größte Zeitung hatte das Nachsehen, ausgerechnet gegenüber ihrer kleinen Schwester.

Was Angelika an dem Morgen, als sie aufbrechen musste, nicht wusste: In der vorangegangenen Nacht des anbrechenden 27. Januar hatte im Schutze der Dunkelheit der Ost-Berliner Max Sahmland versucht, durch den Teltowkanal in den Westen zu schwimmen, und war dabei ins Kreuzfeuer der Ost-Grenzer geraten. Sechs Wochen später wird ihn die West-Berliner Wasserschutzpolizei tot im Kanal finden. Siebzehn andere Fluchtwillige waren allein im Vorjahr ums Leben gekommen. Immerhin: Nur einen Tag später wird ein Jugendlicher im Kugelhagel die Mauer nach Reinickendorf überwinden.

Zum ersten Mal bewusst sah Angelika ihre Mutter am selben Tag in einem noblen Gästehaus in Karolinenhof am Ost-Berliner Langen See. "Mit Hausmädchen und einem Kaminzimmer, überall Teppiche, dann auch noch ein Esszimmer", erinnert sie sich an die ersten Eindrücke, "es war toll". Eine komfortable Situation, in der sich die Tochter der fremden Mutter annähern sollte. "Mensch-ärgere-dich-nicht haben wir gespielt, Halma und so weiter." Doch sie fremdelte. Dies umso mehr, als es dann nach Zittau ging. Chauffiert von Vogel persönlich.

Als sie in Zittau ankam, war da ein Stiefvater, Willi, den sie vorher nie gesehen hatte und der ihr eröffnete: "Jetzt heißt du nicht mehr Angelika Kurtz, sondern Angelika Klauert, wir haben dich nämlich adoptiert. Jetzt gehst du in unserer Stadt in die Schule, jetzt wohnst du bei uns." Ein Mann, von dem sich die heute 60-jährige Angelika noch abwendet, wenn sie ihn, beleibt und im Unterhemd, auf dem Schwarz-Weiß-Foto sieht, wie er seinen Arm um sie legt. Und da war ihre Mutter, ihre leibliche zwar, aber fremd wie irgendeine Frau auf der Straße, mit der sie nun im Ehebett schlafen musste, der Stiefvater lag im anderen Zimmer auf dem Sofa. In einer Zweiraumwohnung in Zittau mit einem Plumpsklo hinterm Verschlag im Treppenhaus, alles durchsetzt von einem Geruch, der bis heute für Übelkeit sorgt. "Dann diese Möbel, und überhaupt, alles so oll." In der Küche eine Leine mit Unterwäsche dran, oben drauf saß ein Vogel.

Für kurze Zeit hatte Angelika nun doch Angst, der Stiefvater trat allzu bestimmt auf, sagte ihr, das sei jetzt ihr Zuhause. Doch die Zehnjährige war tapfer. Man sieht sie auf den Bildern in Zittau lachen. Doch sie blieb entschlossen, sagte, sie werde wieder gehen, auf jeden Fall. Auch hier sprach sie davon, zur Not in die Spree zu springen. Die Zeit in der Oberlausitz war kurz, die Erinnerung ist verblasst, auch daran, warum es nicht einmal mit dem fest geplanten Schulbesuch während der zwei Wochen geklappt hat. Nach vierzehn Tagen ging es zurück nach West-Berlin, Vogel saß wieder am Steuer und sorgte dafür, dass seine Kompromisslösung auch eingehalten wurde. Angelika hält noch heute große Stücke auf ihn. In Ost-Berlin verzichtete Hildegard Klauert auf die Rechte an ihrer Tochter.

Am 7. Februar 1967 lag Angelika Kurtz wieder in den Armen ihres Vaters und ihrer Großmutter. Bei großem Bahnhof von Presse, Funk und Fernsehen. "Angelika braucht jetzt Ruhe", hieß es in der "B.Z." am kommenden Tag. In einem der letzten Artikel, die über den Fall erschienen – bis heute.

Hin und wieder fuhr Angelika später, als Heranwachsende und junge Frau, zu ihrer Mutter nach Zittau. Ohne Angst, bleiben zu müssen. Wobei sie nicht ausschließt, dass die Mutter sie vor allem "als Lieferantin von West-Waren" ansah. Man kann sie nicht mehr fragen. Sie ist vor einigen Jahren gestorben, wie auch ihr Mann Willi Klauert. Beide hatten mehrere Ausreiseanträge gestellt. Ohne Erfolg.

Wie hätte sich Angelikas Leben im Osten gestaltet? Darüber wird sie heute, im Café bei der Cola, ein wenig nachdenklich. Sie kann es sich nicht ausmalen. Eines, immerhin, wäre wohl nicht so gelaufen wie in Marienfelde. "Das Bildungssystem, behaupte ich, war im Osten ja ganz anders, ich meine sogar besser", sagt sie. "Vielleicht hätte ich ja studieren dürfen, am liebsten Medizin." Vater Fritz hatte es ihr verboten, trotz exzellenter Noten und Gymnasialempfehlung. Mit den Worten: "Ein Mädchen heiratet sowieso, die soll was Anständiges lernen." Das hat sie dann auch nach der Realschule. Aber bis zu ihrem jetzigen Beruf als angesehene Angestellte war es ein kurvenreicher Weg.

Von ihrer Mutter wollte sie nach einem Streit vor vielen Jahren nichts mehr wissen, man verlor sich danach aus den Augen. Eng war das Verhältnis nie. "Meine Mutter hat sich nur einmal als solche bewiesen: an dem Tag, als sie auf ihr Recht als Mutter verzichtete."

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