125 Jahre – so viele Epochen. Kaiserzeit, Weimarer Republik, NS-Zeit, Nachkrieg, Bundesrepublik, wiedervereinigtes Deutschland. Und die Berliner Illustrirte Zeitung, liebevoll gekürzt B.I.Z. genannt, war immer begleitend dabei. Erzählen wir doch ihre Geschichte ganz in der Tradition des Blattes: als Fortsetzungsroman. Denn auch der Fortsetzungsroman hat dieses Blatt groß gemacht, hat es geprägt.
1892: B.I.Z. – Der Roman. ein schlechter Start und Ein guteR riecher
Neun Monate, was für eine symbolische Zeitdauer. In neun Monaten kann Leben entstehen. Doch in diesem Falle verlor jemand nach genau neun Monaten den Glauben. Am 4. Januar 1892 erscheint die erste Ausgabe der Berliner Illustrirten Zeitung in der Druckerei von Leopold Ullstein in der Charlottenstraße. Otto Eysler, auch Verleger der erfolgreichen „Lustigen Blätter“, war mit dem Druckauftrag zu Ullstein gekommen, man kennt sich privat schon länger. Seine Hoffnung ist, dass Ullstein, der schon damals ein erfolgreicher Zeitungsmann war, seine Illustrirte zum Fliegen bringen wird. Denn die Probenummern aus dem Vorjahr hatten keinen rechten Zug.
Ullstein steigt ein. Man steckt frisches Geld in das Blatt, aber der Verkauf stagniert bei 14.000 Abonnenten. Die beiden Männer sind sich uneins, was den Erfolg bringen soll. Eysler setzt auf Krawall: Das Blatt müsse möglichst viele Skandale bringen, Mord und Totschlag. Leopold Ullstein will dagegen Lebensfreude. Eine wöchentliche Wundertüte! Eysler steigt nach neun Monaten entnervt aus, lässt sich ausbezahlen. Der Fehler seines Lebens. Danach umspielt den Verleger der „Lustigen Blätter“ ein melancholischer Zug, den er bis zu seinem Tode nicht mehr loswird. Und Ullstein? Sein Blatt wird tatsächlich die pure Lebensfreude. Das hat die Welt noch nie gesehen!
Lesen Sie in der nächsten Folge: Rasanter Druck, rasante Bilder, rasanter Aufstieg
1893 -1918: B.I.Z – Der Roman. Lauter Revolutionen. Wie Ullstein alles verändert
Die Stärke Leopold Ullsteins? Er hört anderen zu. Erkennt gute Ideen, wenn sie an ihn herangetragen werden. Und vertraut Mitarbeitern – seinen fünf Söhnen genauso wie wichtigen Weggefährten. David Cohn, kaufmännischer Leiter der B.I.Z., macht den ersten revolutionären Vorschlag: Schluss mit dem Abozwang, sondern lieber den Einzelverkauf gewagt. 10 Pfennig pro Stück. Jede Woche muss neu um den Leser geworben werden. Ein solches Risiko ist bislang noch keiner in der Zeitungswelt eingegangen.
Aber man hat ja auch ein neues Lockmittel: Fotos! Aktuelle, aus dem Leben gegriffene Szenen. Den Anfang macht sehr früh das Bild eines Großbrandes bei einer Berliner Aufzugsfirma. Seit 1902 kann man nun dank Komplett-Rotationsmaschinen Seiten mit Bildern drucken. Und in der „Zinkographischen Ätzanstalt“ lassen sich Fotos rastern und damit druckbar machen. Diese Methode ist viel schneller und billiger als die bisherigen Holzschnitt-Reproduktionen. Als ab 1904 der Zeitungs-Straßenverkauf zugelassen wird, schnellen die Verkaufszahlen der B.I.Z. nach oben. Hatte man um 1900 schon 100.000 zahlende Leser, sind es 1910 bereits 500.000, und 1914 werden es eine Million sein. Eine Sensation!
Der Patriarch Leopold Ullstein bekommt diesen Erfolg nicht mehr mit. Am 3. Dezember 1899 erleidet er einen Herzschlag, auf das 20. Jahrhundert war er nicht mehr neugierig. Sein Sohn Franz Ullstein führt zusammen mit Hermann Dupont das Blatt. Dupont, heißt es, sei eine glückliche Mischung aus „Geist, Gemütlichkeit und trockenem Humor“.
Doch das 20. Jahrhundert verlangt Tempo, keine Gemütlichkeit. Es braucht jemand Neues, Frisches. Hermann Ullstein, der jüngste Sohn von Leopold Ullstein, ein schneller Kopf mit aufbrausendem Charakter, macht eine Entdeckung: den Redaktionsassistenten Kurt Karfunkel, der als schlauer Botenjunge beim Verlag angefangen hat. Er hat den großstädtischen Blick, den ein Blatt wie die Berliner Illustrirte verlangt. „Der größte Erfolg meines Lebens“, wird Hermann Ullstein am Ende sagen, „begann an dem Tag, da ich ihn zum Chefredakteur der ,Berliner Illustrirten‘ machte.“ Und noch eine Entdeckung macht er: Kurt Szafranski, ein Illustrator. Dieses Duo mit seiner Mischung aus Inhalt und Form, Witz und Optik wird für fast zwei Jahrzehnte zum Dream-Team. Und der Donnerstag, der Erscheinungstag der B.I.Z., zu dem wichtigsten Magazin-Tag der Woche.
„Es ist kein Zufall, dass die Entwicklung des Kinos und die Entwicklung der ,Berliner Illustrirten Zeitung‘ ziemlich parallel laufen“, wird der Chefredakteur Karfunkel, der sich später zu Korff umbenennt, resümieren. Das Bild siegt über den Text. Außer der Text ist ein Roman, ein Fortsetzungsroman. Die Sucht danach ähnelt der heutigen Sucht nach guten Fernsehserien. Man kann die nächste Woche, die nächste Folge kaum erwarten.
Die Leser entdecken dank der B.I.Z. die Welt, oft zieht es Fotografen hinaus. Die Vögel im tropischen Urwald sind halt interessanter als die heimische Lerche, das ist die Leitlinie. Dazu ein bisschen Wissenschaft, ein bisschen Klatsch, ein wenig Sport – und immer Humor und Rätselseiten. Am 1. April gibt es regelmäßig einen Bildscherz, auf den ist man stolz. Und die Prominenten der Welt, die im 19. Jahrhundert noch so kamerasteif waren, lernen langsam, vor der Linse lockerer zu werden.
Der Krieg, er ist schon vor 1914 ein großes Thema. Überall auf der Welt gibt es interessante Kriege, von denen berichtet wird. Und technische Neuerungen beim Militär. Als es dann in Deutschland so weit ist, ist man auch in der B.I.Z. patriotisch. Aber auch mitfühlend den eigenen Lesern gegenüber – die Männer, die Söhne, die Enkel sind im Feld. Man begleitet die Soldaten im Schützengraben, ist in den Lazaretten Europas unterwegs, bewundert die deutschen Flieger, die Pophelden des Krieges. Der Humor trägt jetzt Uniform.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Eine neue Zeit und ein neuer Name für den Chefredakteur
1918 -1933: B.I.Z. – der Roman. Die goldenen Jahre Berlins . die BlüteZeit
Vorbei, verloren. Den Krieg hat man nicht gewonnen, der Kaiser hat abgedankt, nun plötzlich also Demokratie. Die Veränderung ist riesig und sofort spürbar. Kurt Karfunkel, mit seinem siebten Sinn für Dinge, die in der Luft liegen, ändert seinen Nachnamen: Kurt Korff. Viele deutsche Juden, die längst assimiliert leben, verbinden mit dem Erlebnis des Ersten Weltkriegs die Hoffnung, endlich in Deutschland angekommen zu sein. Hat man doch überdeutlich gezeigt, wie patriotisch, wie deutsch man fühlt und denkt.
Die Weimarer Republik, es wird Korffs Jahrzehnt werden. Das gilt auch für seinen Compagnon Kurt Szafranski, der zum Verlagsdirektor der Zeitschriften aufsteigt. Das Zeitungsviertel an der Kochstraße explodiert förmlich, ein permanentes Gewusel, Morgen-Mittags-Abendzeitung. Immer ist irgendwo Andruck. Botenjungen flitzen herum, Zeitungsausträger, Redakteure. In den umliegenden Häuser putzen leicht bekleidete, hübsche junge Frauen die Fenster. Es sind Prostituierte, die so ihre Kunden anwerben. Denn offiziell gibt es keinen Straßenstrich, also müssen die Damen die Herren anders locken – als legere Hausfrauen getarnt.
„Mehr Naturstudien“ fordert auch Hermann Ullstein regelmäßig für das Cover – damit meint er leicht bekleidete Damen, gern in Bademode. Das verkauft sich gut. „Zu morbid! Nicht genug Schönheit! Schönheit ! Ich will Schönheit sehen! Natur! Lebensfreude!“ So berichtet Vicki Baum, die große Romanschriftstellerin und Verfasserin von „Menschen im Hotel“, über Hermann Ullstein. Von 1926 bis 1931 arbeitet auch sie als Redakteurin und Autorin für die B.I.Z., „die interessantesten, fruchtbarsten, glücklichsten Jahre meines Lebens“, wird sie später sagen.
Die B.I.Z. ist mitten im Berliner Leben und gleichzeitig in der Welt unterwegs. Korff spürt, was den Leser umtreibt. Und der Mann, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt, wird nie überheblich. Einmal schreibt die Baum in einer Bildunterschrift einfach „Napoleon“, ohne weitere Erläuterung. „Und wer, bitte, ist Napoleon?“, fragt Chefredakteur Korff streng. – „Na, das weiß doch wohl jedes Kind“, antwortet die Baum. Da lässt Korff einen Botenjungen kommen, den „hellsten“. Und Adolf, besagter Botenjunge, stottert herum: „So’n französischer König, aber so jenau weeß ick det ja nu ooch nich mehr.“ Blödes Schulwissen halt. „Mir“, schließt die Baum, „blieb die schwere Aufgabe, Napoleons Biographie auf fünfzehn Wörter zusammenzudrängen.“
Mit der B.I.Z. springt der Leser live aus einem Fesselballon – mit Fallschirm auf dem Rücken entstehen spektakuläre Fotoaufnahmen. Erich Salomon und viele andere Fotografen erfinden die Fotoreportage. Es entstehen neue humoristische Figuren, die prägend werden: der Raffke, Professor Biedermann oder „Vater und Sohn“ von e.o.plauen. Und die B.I.Z. macht auf ihre Art Politik. Das Badebild von Reichspräsident Friedrich Ebert und Minister Gustav Noske im August 1919 wird zum ersten Skandal der jungen demokratischen Republik. Dabei hatte es 1910 schon einmal ein Badebild auf dem Titel gegeben: Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Fürst Bülow plantschend im Wasser. Vergessen.
Die Auflage steigt 1931 auf unfassbare zwei Millionen! Trotz Wirtschaftskrise. Zwischenzeitlich kann man kaum einen Preis festlegen, so schnell rennt die Inflation. Schließlich wird schon montags gedruckt, wenn donnerstags ausgeliefert werden soll. Doch auch der Druck geht immer schneller, ab 1927 rattern die Maschinen im Ullstein-Haus in Tempelhof.
Die Zeiten werden härter, die politischen Töne schärfer. Die Linken werfen der B.I.Z. eine „Propaganda der Banalität“ vor, das Blatt sei ein „geistiges Abführmittel“. Die Nazis ätzen „Judenpresse“. Beide Seiten neiden den Erfolg. Die Ullstein-Linie bleibt betont unpolitisch und liberal. Hermann Ullstein plädiert dafür, „Hitler durch alle legalen und verfassungsmäßigen Methoden zu bekämpfen“. Aber er kann sich innerhalb der Familie nicht durchsetzen. Der Preis wird unfassbar hoch sein.
Lesen Sie in der nächsten Folge : Die jüdischen Redakteure fliehen ins Exil oder werden umgebracht
1933-1945: B.I.Z. – Der Roman. gleichgeschaltet. Homestory bei Magda Goebbels
Im Haus, das sich so lange für zutiefst liberal hielt, passiert über Nacht Gespenstisches. Gleich nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933 tauchen Kollegen mit dem Hakenkreuz im Knopfloch auf. „In den Korridoren hörte man vielfach den Hitler-Gruß.“ Am 1. April 1933 ein letzter Akt von Korff, der Aprilscherz. „Heute hat er mir noch eine Seite unterschrieben, ich komme am nächsten Morgen rein, Herr Karfunkelstein war weg“, berichtet viel später ein Grafiker. Korff geht ins Exil, baut in den USA das „LIFE Magazine“ mit auf (und stirbt 1938 in New York). Ende April 1933 wird bekannt: Alle jüdischen Redakteure werden fristlos entlassen. Im selben Monat erscheint eine Reportage mit Bildern aus dem „Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin“ mit der zynischen Bildunterschrift: „In der Arbeitspause – Unterhaltungen über Politik sind gestattet“. Am 1. Juli 1933 steht in der Ullstein-Chronik lapidar: „Die jüdischen Redakteure verlassen das Haus.“ Der Illustrator Carl Schnebel ist nun bis 1937 Chefredakteur, er hatte über Jahrzehnte eng mit Korff zusammengearbeitet. Danach übernimmt der Bildjournalist Harald P. Lechenperg die Rolle des „Hauptschriftleiters“. Ullstein heißt jetzt „Deutscher Verlag“. Man will die Erinnerung an die große Verlegerfamilie auslöschen.
Vieles von der Korff-Struktur wird trotzdem beibehalten, bewusst, damit der Schock der neuen Zeit nicht zu groß ist. Und doch, die Propaganda ist spürbar. Die Nazi-Größen lassen sich gern ablichten, setzen sich in Szene: Hausbesuch bei Magda Goebbels, Emmy Göring als Mutter, am Schreibtisch mit dem NS-Schlächter Hans Frank, ab 1939 Generalgouverneur des besetzten Polen, oder mit dem Führer höchstpersönlich auf einer Reise durch Italien. Währenddessen kämpfen viele alte Redakteure im Exil um ihre Existenz, andere bringen sich noch in Berlin aus Verzweiflung um. Der prägende Fotograf Erich Salomon wird 1944 in Auschwitz ermordet.
Der Zweite Weltkrieg beginnt, nun trägt der Humor wieder Uniform und die Illustrierte ein „e“ im Titel. Auf dem Cover sind ab jetzt fast nur noch Bilder von Soldaten. Die Tänzerinnen der Berliner Revueshow „Scala“ werden gezeigt, wie sie 1944 ihren Dienst in der Munitionsfabrik antreten. Der „Ernst der Zeit“ steht auf dem Titel, aber die Frauen lachen. Am 29. April 1945 erscheint die vorerst letzte Ausgabe. Das Zeitungsviertel liegt in Trümmern.
Lesen Sie in unserer letzten Folge: Wie geht es weiter? Der schwierige Neuanfang
1956 bis heute: B.I.Z. – der Roman. Ein neuer Verleger und ein alter Titel
Axel Springer, der Nachkriegsverleger, bewunderte die Ullsteins, wollte eigentlich vor dem Krieg dort sein Volontariat machen. Dann kam alles anders. 1956 kauft er große Anteile des Ullstein-Verlags – mit dem Wohlwollen des Restes der großen Ullstein-Familie, zumindest von denen, die noch leben – und versucht, den Zeitungsstandort Berlin wiederzubeleben. Doch Berlin gibt es da nicht mehr, was ihm bleibt, ist West-Berlin. Sein goldenes Hochhaus setzt er als Zeichen dorthin, wo das alte Zeitungsviertel stand. Die Symbolik, dass es so hart an der Zonengrenze steht, gewinnt erst mit dem Mauerbau richtig an Bedeutung.
Mit den Ullstein-Anteilen erbt er auch die Titel: B.Z., Berliner Morgenpost und eben auch die Berliner Illustrirte Zeitung. Doch wer will in den Tagen des Kalten Krieges schon eine Zeitschrift lesen, die „Berlin“ im Titel führt? Die Stadt ist jetzt Frontstadt, kein Glamour mehr, nur Kohlegeruch im Winter. Unter dem Titel „Berliner Illustrirte Zeitung“ erscheinen mehrere Sonderausgaben – zum Kennedy-Besuch beispielsweise, zum späteren Attentat, zur Feier des 200. Gründungsjubiläums der USA.
Erst 1984 wird der Titel Berliner Illustrirte Zeitung dauerhaft wieder eingeführt – als Sonntagsbeilage der Berliner Morgenpost. Bernd Philipp ist im nächsten Jahrzehnt prägend, auch mit seiner Kolumne „Lebenslagen“ und der unvergessenen Susi Super, der porträtierten Gattin. Die Autoren bleiben exklusiv: Wolf Jobst Siedler, Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour. Jetzt steht der Text im Vordergrund, nicht mehr das Bild. Die erste Seite, das Cover, es wird jetzt von der Schrift, nicht mehr vom Bild geprägt.
Das ändert sich 2002 unter Wolfgang Büscher und seinem Team. Er führt das großformatige Titelbild wieder auf dem Cover ein, darüber wie immer das Originallogo in Fraktur, das seit 1903 auf dem Titel thront. In der Wochenendbeilage der Berliner Morgenpost finden nun große Reportagen ihren Platz, feste Kolumnen und Interviewplätze, aber auch Fotoseiten – wie heute die wöchentliche Instagram-Kolumne mit ihren „Stadtansichten der Woche“. Die Zeit ist wieder visueller geworden, viele Tageszeitungen leisten sich ein Magazin am Wochenende. Aber kein Titel ist so alt und so berühmt wie unser. Noch immer entsteht er im Herzen Berlins, doch inzwischen mit Blick auf die Gedächtniskirche und den Kudamm. Und dort stoßen wir jetzt feierlich an. Auf die nächsten produktiven 125 Jahre!
Vorläufiges Ende

