Bühnen

Ein getanztes Renaissancegemälde

Das Kollektiv laborgras übersetzt biblische Motive in lebende Tableaus

MARTINA HELMIG

Sechs Tänzer stellen Caravaggios berühmte "Grablegung Christi" nach. Kostüme, Gesten, Farben – alles wirkt täuschend echt. Seit dem 18. Jahrhundert sind solche Tableaux vivants in Theater, Oper, Ballett, Zirkus und Straßenkunst beliebt. Für das Tanzensemble laborgras sind die lebenden Bilder Ausgangspunkt des Renaissance-Projekts "Silent Confrontation". Gemälde wie "Maria der Verkündigung" von Antonello da Messina, Gyula Benczúrs "Narziss" und Caravaggios "Maria Magdalena in Ekstase" inspirieren die Tänzer, die sich schon seit einigen Jahren mit der Epoche der Renaissance beschäftigen.

"An diesen Bildern fasziniert uns die Liebe zum Detail. Man kann in ihnen so viel entdecken. Da gibt es nichts Ungefähres. Die Maler rührten die Farbe so lange an, bis sie exakt den gewünschten Farbton hatten", erklärt die Österreicherin Renate Graziadei, die laborgras 1994 gemeinsam mit dem Schweizer Arthur Stäldi gründete. "Die Menschen damals hatten Utopien und gingen ihnen nach. In der Renaissancezeit gab es Wagemut und Experimentierfreude."

Die Tänzerin und Choreografin will die Gemälde nicht eins zu eins in Tanz übersetzen. Sie interpretiert die Inhalte, Emotionen, Stimmungen und Spannungen. Die Tänzer setzen sich gleichzeitig mit der Musik der Renaissance auseinander, mit Konzepten wie Polyphonie, Kontrapunkt und Kanon. Die Musiker Julien Decoret, Ole Wulfers, Mathieu Gayou und Phoebe Killdeer übertragen die Alte Musik mit Cembalo, Keyboard, E-Gitarre und E-Bass in die heutige Zeit.

Seit dem Jahr 2000 ist das Kollektiv laborgras in Berlin ansässig. Wichtig ist den Tänzern die interdisziplinäre Arbeit mit Künstlern unterschiedlicher Genres. "Wir suchen immer Bewegungsabläufe, die eine innere Logik haben und für das Publikum nachvollziehbar sind", sagt Renate Graziadei.

"Silent Confrontation" bezieht Elemente aus Renaissance-Tänzen ein. "Das wird aber nicht offensichtlich. Eigentlich knüpfen wir wie in all unseren Produktionen an den amerikanischen postmodernen Tanz an." Arthur Stäldi sieht da eine wichtige Parallele zur Renaissance: "Damals rückte der Mensch in den Mittelpunkt, es ging um Humanität, aber auch um die Anatomie des Körpers. Das haben wir im amerikanischen postmodernen Tanz auch erlebt. Man wollte nicht das Unnatürliche erzwingen, sondern suchte das Alltägliche in den Bewegungen."

Dass die Uraufführung der Tanzperformance zum Jahreswechsel stattfindet, ist ein willkommener Zufall. Die Zeitreise aus Tanz, Alter Musik, Lichtdesign und Kostümen wird zu Silvester mit einem Buffet aus regionalen Biospezialitäten und einer anschließenden Tanzparty mit DJ Ipek angereichert.

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