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Mit der Kraft der heilenden Hände

Ärzte oder Heilpraktiker dürfen als Osteopathen arbeiten, ein Berufsgesetz aber fehlt derzeit noch

DAGMAR TRÜPSCHUCH

Die Vorsitzende des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD), Professor Marina Fuhrmann M.Sc. (USA), fordert eine bundesweite gesetzliche Regelung für die Ausbildung zum Osteopathen. Sie erläutert, warum die jetzige Situation paradox ist.

Berliner Morgenpost: Frau Professor Fuhrmann, was ist Osteopathie?

Marina Fuhrmann: Osteopathie ist eine ganzheitliche Medizin. Sie beschäftigt sich mit dem Erkennen und Behandeln von Funktionsstörungen. Osteopathen sehen nicht primär die Erkrankung des Patienten, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit. Sie untersuchen und behandeln den Körper ausschließlich mit ihren Händen, lösen Bewegungseinschränkungen und fördern die selbstregulierenden Kräfte. Der Osteopath kann aufgrund seiner umfassenden breiten medizinischen Ausbildung im Sinne der Differentialdiagnostik einen wichtigen Beitrag für die Patientenversorgung leisten.

Welche Ausbildungswege gibt es?

Sehr viele, doch die Qualifikation muss aus Gründen des Patientenschutzes dringend in einem Berufsgesetz geregelt werden. Eigentlich dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker osteopathisch behandeln. Tatsächlich sind aber viele Osteopathen im Grundberuf Physiotherapeuten, die sich umfangreich berufsbegleitend oder in Vollzeit fortgebildet haben – doch wenn sie nicht zusätzlich die Heilpraktiker-Prüfung ablegen, arbeiten sie als Osteopathen in einer rechtlichen Grauzone. Genauso wie Absolventen von privaten Hochschulen, die einen Bachelor- und Masterstudiengang in Osteopathie absolviert haben und nicht praktizieren dürfen, solange sie nicht ihre Heilpraktikerprüfung abgelegt haben, was wiederum erst nach Beendigung ihres 25. Lebensjahres möglich ist. Auf der anderen Seite kann ein Heilpraktiker auch ohne lange Ausbildung jederzeit osteopathisch tätig sein. Für Patienten ist sehr schwer erkennbar, ob jemand eine mehrjährige Ausbildung oder nur zwei Wochenendkurse absolviert hat.

Ist die Regelung, dass beispielsweise Physiotherapeuten eine Zusatzausbildung zum Heilpraktiker brauchen, neu? Ende letzen Jahres gab es diesbezüglich ein wenig Unruhe in der Berufsgruppe.

Diese Regelung ist nicht neu. Es gibt kein Berufsgesetz für Osteopathen, und aus diesem Grunde greift das Heilpraktikergesetz. Hiernach ist die Ausübung von Heilkunde, wozu Osteopathie gehört, den Ärzten und Heilpraktikern vorbehalten, auch wenn durch die Heilpraktikererlaubnis leider keinerlei Qualitätssicherung für die Osteopathie verbunden ist. Ein Urteil des OLG Düsseldorf von September 2015 hat diese Rechtslage nur noch einmal bestätigt.

Was hat das für Konsequenzen?

Die Werbung und Ausübung der Osteopathie durch Osteopathen ohne Heilpraktikererlaubnis kann zu Abmahnungen durch Wettbewerber führen, aber auch zu Strafverfahren, die von den Aufsichtsbehörden, in diesem Falle das Gesundheitsamt, initiiert werden. In der Folge kann die Ausübung der Osteopathie untersagt werden, was für die Betroffenen, die mitunter seit vielen Jahren osteopathisch tätig sind, existenzbedrohend ist. Der VOD kritisiert die bestehende Situation und das fehlende Berufsgesetz, da derzeit viele hochqualifizierte Osteopathen ohne Heilpraktikererlaubnis davon betroffen sind. Ein unhaltbarer Zustand, unter dem Patienten und Osteopathen gleichermaßen leiden.

Der VOD tritt für ein Berufsgesetz ein, macht sich aber auch für eine Akademisierung des Berufes stark. Warum ist beides so wichtig?

Wir fordern, dass der Osteopath neben Arzt und Heilpraktiker ein eigenständiger Heilberuf mit verbindlich vorgeschriebener Ausbildung und Qualifikation wird. Er soll eigenständig diagnostizieren und behandeln dürfen. Die Gesundheitsminister der Bundesländer haben das Bundesgesundheitsministerium im Sommer dazu aufgerufen, sich dem Thema anzunehmen. Die grundständige akademische Implementierung der Osteopathie bis zur Promotion ist wichtig, um Osteopathen die Möglichkeiten zu bieten, auch an Hochschulen beziehungsweise Universitäten in Lehre und Forschung tätig sein zu können.