Schwimmen

Kopfspung ins Wasser

Der August verabschiedet sich sommerlich. Vermutlich zum letzten Mal haben wir Gelegenheit für den Sprung ins Nass – mit einem Köpper

Kopfüber ins Wasser. Nach Zehntelsekunden in der Luft fliegend, landet man angenehm im kühlen Nass – wenn man die richtige Technik des Köppers beherrscht

Kopfüber ins Wasser. Nach Zehntelsekunden in der Luft fliegend, landet man angenehm im kühlen Nass – wenn man die richtige Technik des Köppers beherrscht

Foto: dpa Picture-Alliance / Danny Lawson / picture alliance / empics

An den ersten Kuss, also den ersten richtigen, erinnert sich vermutlich jeder Mensch. Aber den ersten Kopfsprung? Nun, die Schwimmer unter uns bestimmt, und vielleicht nicht nur die. Denn es ist ja doch ein erhebendes Erlebnis, die wesentlichen Stadien unterschiedlicher Lebensformen auf der Erde für einen Moment in einer einzigen Bewegung zu durcheilen. Eben noch Homo Sapiens, zweibeinig, aufrechten Ganges unterwegs, dann für einige Zehntelsekunden vogelgleich durch die Luft fliegend und im nächsten Augenblick die Wasseroberfläche zerteilend, amphibiengleich schwimmend im Wasser.

Und dann am besten gleich wieder an Land und das Ganze von vorne. Damit hatte man früher, als die Sommer lang und heiß waren, ganze Ferien im Schwimmbad oder am See verbracht. Herrliche Stunden, geprägt vom Rhythmus der Sprünge, des Ein- und Auftauchens, aus dem Wasser kommens und erneuten Sprungs, bis zur wohligen Erschöpfung.

Es sind Erinnerungen an früheste Kindheit, die mit den Gedanken an den Kopfsprung auftauchen. Der heißt im Hessischen wie auch hier in Berlin oft Köpper. Freunde südlich des Mains sprechen hingegen vom Köpfler. Es begann mit Besuchen in einem großstädtischen, chlorgeschwängerten Frankfurter Hallenbad, mit Mutter und Schwester, zwecks Erlernen des Schwimmens. Das versuchte eine robust gebaute Schwimmlehrerin in Hemd und Shorts aus dickem, weißen Stoff beizubringen. Dazu trug sie leicht vergilbte, ehemals weiße Plastikhalbschuhe und war in der Regel schlecht gelaunt. Am furchterregendsten jedoch war ein mehrere Meter langer Bambusstock, den sie gnadenlos einsetzte. Waren die Schwimmbewegungen nicht akkurat, gab’s mit dem Bambusstock auf den Kopf. Ja, die frühen 60er-Jahre waren, was Erziehung in Freizeit und Schule anging, nicht immer ein Zuckerschlecken. Dieser Bambusstock wurde auch verwendet, um den Kopfsprung beizubringen. Allerdings erfolglos.

Der Bademeister mit der Pilotenbrille

Zum Glück folgte ein Umzug in eine Kleinstadt im Vordertaunus. Dort gab es ein großes Freibad und einen ziemlich lässigen, heute würde man sagen coolen, Bademeister. Der hatte keinen Bambusstock, dafür eine Pilotenbrille auf, die gut zu seiner braungebrannten Haut und der weißen Bademeisterkluft passte. Bei ihm machten wir unser erstes Schwimmabzeichen, den Freischwimmer. Dafür erhielt man ein kreisrundes blaues Stoffemblem, mit einer Welle. Musste Mutter dann sofort auf die Badehose nähen. Bevor man das Abzeichen erhielt, war allerdings ein Sprung zu absolvieren. Vom Startblock. Der war immerhin gefühlt zwei Meter hoch, in echt etwa achtzig Zentimeter.

Der Bademeister bestand auf den Köpper. „Geht ganz einfach“, sagte er. Zehen über die Startblockkante, Hände nach vorne, Kopf zwischen die Arme, der sollte ungefähr zwischen den Bizeps stecken, in die Hocke gehen und Plumps. Das anfängliche Problem bestand darin, dass man der Sache nicht recht traute und gucken wollte, wo die kopfüber gesprungene Reise hinging. Das führte bei den ersten Versuchen dazu, dass der leicht konkav geformte Oberkörper sich konvex nach vorne wölbte. Was einen üblen Bauchplatscher, auch Bauchklatscher genannt, zur Folge hatte. Nach einer weiteren Schwimmstunde und mehreren Nachmittagen hatte man schließlich den Bogen raus und es begann das Leben als Kopfspringer. Nachmittagelang ging es auf den Startblock, bis die Sprungtechnik so gut war, dass man genau im richtigen Winkel ins Wasser tauchte um möglichst weit nach vorne zu gleiten.

Klassiker seit den 60er- und 70er-Jahren ist der sogenannte Greifsprung

„Idealerweise beträgt der Winkel beim Abspringen 25 Grad und beim Eintauchen 20 Grad“, erklärt Manuel Kopitz, Geschäftsführer des Berliner Schwimm-Verbands und diplomierter Schwimmtrainer. Er unterscheidet mehrere Varianten für den Kopfsprung, der in der Vereinssprache Startsprung genannt wird. Der Klassiker seit den 60er- und 70er-Jahren ist der sogenannte Greifsprung. Dabei umgreifen die Hände in der Hocke die Unterseite des Startblocks. „Viele wissen es nicht, aber der Startsprung beginnt in den Händen“, sagt Schwimmtrainer Kopitz. „Von dort holt man den Schwung, und bringt den Körper durch die Verlagerung des Schwerpunkts in die Position, sich mit den Beinen abstoßen zu können.“ Noch frühere Sprungvarianten waren solche, bei denen die Arme hinter den Körper angelegt wurden, um dann den Schwung für den Absprung zu nutzen. Kurios waren Springer, die mehrere Kreisbewegungen mit den Armen ausgeführten, um das Momentum des Schwungs weiter zu erhöhen. „Das sieht nicht nur ziemlich komisch aus, sondern bringt beim Wettkampf eher Nachteile“, so der 45-jährige Schwimmtrainer. Die nach hinten angelegten Arme würden allerdings noch bei Staffelwettbewerben nach dem ersten Schwimmer praktiziert. „Da antizipieren die Schwimmerinnen und Schwimmer den Moment, in dem der Vorschwimmer anschlägt, und haben dann durch die nach vorne gerissenen Arme noch mehr Schwung.“

In den letzten Jahren durchgesetzt hat sich im Wettkampfsport der Schrittsprung oder englisch Trackstart genannte Absprung. Dabei wird das Sprungbein, in den meisten Fällen das rechte, vorne an die Startblockkante gesetzt, das zweite versetzt links hinten. Etwa zwei- bis zweieinhalbmal schneller unterwegs sind die Springenden beim Sprung als im Wasser. Die optimale Bewegung nach dem Eintauchen ist ein Hüftschwung wie beim Delfin-Beinschlag. „Damit kommt man aufgrund der wasserphysikalischen Bedingungen am schnellsten unter Wasser voran“, so Kopitz. Nach 15 Meter allerdings ist Schluss. Spätestens dann muss nach internationalem Wettkampfreglement wieder aufgetaucht werden.

Flucht durch einen Sprung ins Wasser

Eine besondere Variante des Kopfsprungs ist der Seemannsköpfer, der früher auch Indianersprung genannt wurde. Er soll diesen Namen erhalten haben, weil zur Zeit der Eroberung Nordamerikas, Ureinwohnern – obwohl sie an den Händen gefesselt waren – mehrfach die Flucht durch einen Sprung ins Wasser gelang.

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Kopfweitsprung war sogar einmal olympische Disziplin. Bei den Spielen 1904 in St. Louis/USA. Dabei galt es nach dem Sprung ohne Schwimmbewegungen soweit wie möglich unter Wasser zu gleiten. An der Stelle, an der das erste Körperteil die Wasseroberfläche durchbrach, wurde gemessen. Der Rekord wurde vom US-Amerikaner W. E. Dickey mit 19,05 Metern aufgestellt.

Aus dem einfachen Sprung ins Wasser entwickelten sich die Kunstsprünge von Ein-Meter-Brett bis zum Zehn-Meter-Turm. Bei diesen Kopfsprüngen wird eine besondere Technik angewendet. „Beim Kopfsprung aus größerer Höhe öffnen Profispringer beim Eintauchen ins Wasser die Arme. Dadurch nehmen sie Luft mit ins Wasser und tauchen im Idealfall ohne Spritzer ein“, so Manuel Topitz.

Besonders gelungene Kopfsprünge wurden mit verführerischen Blicken belohnt

In der Jugend ging es nach der Perfektionierung des Köpfers vom Beckenrand – „Nicht von der Seite springen!“ lautete das Mantra des Bademeisters – bald auf den Einer. Hier kam das federnde Brett als neues Element hinzu. Ebenso die Gefahr, durch zu viel Schwung zu überschlagen, und den gefürchteten Rückenklatscher hinzulegen. Immerhin gab es am Einer und erst recht später am Dreimeterbrett schon Publikum, vorzugsweise weibliches, das besonders gelungene Kopfsprünge mit Applaus bedachte oder verführerischen Blicken belohnte.

Erste literarische Erwähnung fand der Kopfsprung laut Wikipedia bei dem französischen Dichter François Rabelais, der in seinem Roman „Gargantua und Pantagruel“ aus dem frühen 16. Jahrhundert seine Protagonisten kopfüber in die Seine springen ließ. In einem Benimmbuch heißt es Anfang des 20. Jahrhunderts: „Ein Kopfsprung ins Hallenbassin oder Freiluftbad verjüngt dich für den Abend.“

Der Kopfsprung vom Drei- Meter-Brett krönte das begehrte Jugendschwimmer-Abzeichen, das heute Jugendschwimmabzeichen Gold heißt. Mit der Zeit haben sich nicht nur die Namen der Abzeichen geändert. Der Drei-Meter-Sprung kopfüber ist heute nur für das Schwimmabzeichen Gold für über 18-Jährige Pflicht, beim Jugendschwimmabzeichen Gold reicht der „Sprung aus drei Meter Höhe fußwärts“.

Eine ordentliche Prämie vom Vater

Beim Drei-Meter-Brett-Köpfer konnte man außerdem die schmerzliche Erfahrung machen, dass Wasser zwar keine Balken hatte, sich aber durchaus so anfühlen konnte. Mit dem Kopfsprung vom Dreier war dann vorerst Schluss in der Höhe. Bis die Familie an den Millstädter See im österreichischen Kärnten fuhr. Dort gab es einen Zehn-Meter-Turm. Nach langem Zögern und einer ordentlichen Prämie vom Vater wurde der Kopfsprung von der Fünf-Meter-Plattform vollzogen. Fünf Meter höher ging es auch noch, dann aber nur mit Kerze hinab. Die Jungs aus dem Ort, die wie Frösche vom Zehner kopfüber hinuntersprangen, bewunderten wir aufrichtig. Nachmachen wollte es niemand. In den nächsten Ferien ging es nach Südfrankreich. Dort konnte man sich nicht nur am Strand in die Wellen werfen, sondern auch von Steilküstenstellen kopfüber ins Mittelmeer stürzen.

Natürlich hatten wir dabei die Regel Nummer eins im Kopf: Nie in unbekannte Gewässer springen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie führen in Deutschland bei etwa 60 Menschen jährlich Badeunfälle durch einen Sprung ins seichte Wasser zu einer Querschnittslähmung.

Deshalb gilt die erste Warnung des Pressesprechers der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Berlin, Christopher Göbel, vor dem Kopfüber-Sprung in unbekannte Gewässer. „Kopfsprünge machen Spaß und sind eine Technik, die zum Schwimmen und zum Schwimmsport gehört. Man muss nur wissen, wann man sie anwendet – und vor allem, wann nicht.“ Der 26-Jährige warnt in Berliner und Brandenburger Gewässern insbesondere vor den Gefahren von am Ufer versenkten Einkaufswagen oder Fahrrädern. Und selbstverständlich sollte jeder und jede die kopfüber ins Wasser hüpft, auch gut schwimmen können. „Hört sich banal an, aber ich habe während meines Sportstudiums tatsächlich Studenten erlebt, die den Köpfer machten und hinterher aus dem Wasser gezogen werden mussten“, so Göbel. Als absolutes Geht-nicht bezeichnet er, nach Alkoholgenuss ins Wasser zu springen, egal ob kopfüber oder mit anderen Körperteilen zuerst.

Ansonsten mache der Kopfsprung natürlich Spaß und sei bei genügend Vorsicht ein tolles Wassersportvergnügen, mit Freunden „und besonders auch mit der Familie“.