Wir sind abgeschnitten von der Welt. Also, natürlich nicht komplett, aber doch insofern, als wir vom Dorf nur noch über Schotterpisten und große Umwege zurück in die Zivilisation kommen. Also bleibt man am besten gleich zu Hause, was insofern nicht schlimm ist, als man endlich dazu kommt, alles aufzuessen, was der Garten in diesen Tage hergibt.

So,oder so ähnlich müssen sich das wohl die Baustellenplaner gedacht haben, als sie beschlossen, einfach mal alle Straßen rundherum neu zu teeren. Also, alle außer den Kopfsteinpflasterstraßen, auf denen man sowieso nicht mehr fahren kann, weil die Schlaglöcher so ausgefahren sind, dass normale Fahrzeuge darin steckenbleiben. Über diese Straßen wurden die Umleitungen ausgeschildert. Falls man es für nötig hielt, überhaupt Schilder aufzustellen.

Lange habe ich geglaubt, es sei eine typische Berliner Eigenart, sich über Baustellen zu beschweren. Ja, es dauert länger und man steht im Stau, aber bitte: hinterher ist auch alles viel schöner. Wozu das Gejammer über, sagen wir, die Yorckstraße in Kreuzberg? Okay, es war der Wahnsinn, stau- und chaostechnisch, und das jahrelang. Andererseits war man gewissermaßen Teil von Berlins berühmtester Eventbaustelle. Wer wollte, konnte jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit das Tempo-10-Schild fotografieren und damit jede Menge „Likes“ auf Facebook abstauben. Oder man suchte sich auf dem Navi halt einfach eine andere Route heraus.

Auf dem Land ist das anders.Nicht nur, weil aus unerfindlichen Gründen Straßen nie halb, sondern immer gleich komplett gesperrt werden. Aber auch, weil es meist keine andere Route gibt, auch nicht auf dem Navi. Gerade moderne Navigationsgeräte sind seltsamerweise überzeugt, dass es unsere Dorf-Baustellen gar nicht gibt. So passiert es immer wieder, dass man statt im eigenen Dorf nur wieder an rotweißen Balken steht, an denen das Navi insistiert: „Fahren Sie geradeaus“ und der Verstand sagt: „Kehren Sie – wenn möglich – um“.

Am letzten Wochenende wollte ich herausfinden, ob es möglicherweise gar keine Baustellen gibt, sondern nur eine Art böswillige Beschilderung. Stellt da jemand „Durchfahrt-verboten“-Schilder auf, um uns zu ärgern? Ich fuhr also mit dem Rad zur nächsten Baustelle am Dorf. Seit Wochen schon ist dort alles gesperrt. Um die Baustelle zu umfahren, sind 25 Kilometer Umweg nötig, Rumpelstraßen inklusive. Mit dem Rad umfuhr ich also die Absperrgitter – und sah nichts. Die Straße sah nicht anders aus als sonst.

Erst nach zwei Kilometern entdeckte ich am Horizont einen kleinen Erdhaufen. Und dann noch einen. Dahinter drehte sich ein kleiner, roter Bagger. Als ich dort ankam, erkannte ich dort einen zweiten Mann, der mit einer Schaufel sandige Erde aus dem Seitenstreifen der Straße hinein in die Baggerschaufel lud. Der Bagger schüttete die Erde dann auf der anderen Straßenseite wieder aus. Es war so irre, fast hätte ich gelacht. Danach war die „Baustelle“ zu Ende und ich passierte das riesige Baustellenschild, auf dem seit eineinhalb Jahren der „Ausbau der Kreisstraße“ angekündigt wird. Ein Kreis aus fröhlich-gelben Sternchen symbolisiert: dieses Projekt wird gefördert von der EU.

Vier Kilometer Straße mit zwei Bauarbeitern: Wie lange werden die beiden brauchen? Was ist, wenn der ältere der beiden vor Fertigstellung des Projekts in Rente geht? Und vor allem: Wie sollen wir das unseren Gästen erklären? Inzwischen habe ich auf meinem Handy vorgefertige Texte mit den besten Umleitungen gespeichert, samt Geotags und allem. Während ich diese Zeilen schreibe, warte ich übrigens auf den nächsten Besuch. Irgendwie schwant mir: Da muss irgendwie eine Baustelle auf dem Weg sein.