MARTINA HELMIG

Er ist ein waschechter Wiener, ein überzeugender Botschafter für die österreichische Kultur. „Natürlich glauben wir Wiener daran, dass Österreich das Land der Musik ist“, sagt der österreichische Kammersänger Sebastian Reinthaller mit einem Augenzwinkern. Er weiß schon, dass seine Aussage ein bisschen verwegen ist. „Auch im Berliner Kulturleben ist sehr viel los. Aber für mich kommt es auf die Bandbreite an. Die Wiener Künstler haben zwischen Klassik und Moderne große Beiträge geleistet, auch in den leichteren Genres Operette, Musical und Popmusik.“

Als er zum Classic-Open-Air-Abend „Wiener Blut“ eingeladen wurde, hat er sofort zugesagt. Österreichische Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Lehár und Johann Strauß haben in seiner Karriere eine wichtige Rolle gespielt. Die Rolle des Tamino aus der „Zauberflöte“ hat ihn sein Leben lang begleitet. Kürzlich hat er Mozarts Oper selbst inszeniert. „Da habe ich so viele wundervolle Details neu entdeckt, dass ich einfach sagen muss: Mozart schwebt über allem. Seine Musik dringt in die Seele ein und kann Menschen verändern.“

Sebastian Reinthaller schätzt den österreichischen Sinn für Schönheit und Leichtigkeit. Er ist auch davon überzeugt, dass das große kulturelle Erbe in Österreich besonders intensiv gepflegt wird. „Die Musikhochschulen sind sehr gut besetzt, und wir haben eine starke großbürgerliche Schicht, für die Musik eine große Rolle spielt. Die Kinder wachsen damit auf, ich habe es in meiner Familie so erlebt“, erklärt der Sänger.

Reinthaller verbrachte seine Kindheit im Wiener Nobelbezirk Döbling. Sein Vater leitete ein großes Architektenbüro mit 70 Angestellten. Professionelle Musiker gab es in der Familie nicht, aber Besuche in der Staatsoper, der Volksoper und im Burgtheater gehörten wie selbstverständlich zur Freizeitgestaltung. Im Fernsehen entdeckte Sebastian Reinthaller früh Tenöre wie Jan Kiepura, Mario Lanza und Joseph Schmidt für sich. Trotzdem machte er erst einmal eine Lehre als Hotelkaufmann und arbeitete vier Jahre lang im Hotel Sacher. Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal als Tenor die Hotels in aller Welt besuchen würde.

Auf väterlichen Wunsch begann Reinthaller ein Architekturstudium, bevor die Liebe zur Musik endgültig durchbrach und er in die Opernklasse des Wiener Konservatoriums wechselte. „Wenn man spürt, dass man mit der Musik etwas ausdrücken kann, ist das mit nichts vergleichbar“, sagt der Tenor. Auch sein jüngster Bruder Ulrich Reinthaller hat einen künstlerischen Beruf ergriffen und ist Schauspieler geworden.

Nach kurzen Stationen in St. Pölten und Luzern kam Sebastian Reinthaller früh ins Ensemble der Wiener Volksoper, wo er für lange Zeit sein künstlerisches Zuhause fand. In mehr als
800 Vorstellungen hat er dort und an der Wiener Staatsoper an der Seite von Stars wie Placido Domingo und Anja Silja gestanden. Er sang den Ernesto in „Don Pasquale“, den Nemorino im „Liebestrank“, aber auch den Alfred in der „Fledermaus“ und den Edwin in der „Czardasfürstin“.

Die Operette liebt er fast noch mehr als die Oper. Er betont, dass man als Operettensänger vielseitig sein muss, weil man nicht nur eine gute Stimme braucht, sondern auch schauspielerische und tänzerische Fähigkeiten. „Die Volksoper war früher für ihre Operetten berühmt, heute geht man dort mehr in Richtung Musical“, erzählt er. In vielen Ländern hat der Wiener gastiert. Kürzlich war er mit Operettenmelodien von Franz Lehár, Leo Fall und Robert Stolz in St. Petersburg: „Als ich spürte, wie die musikalische Welle im Publikum ankam, fühlte ich mich wie ein Botschafter der österreichischen Musik.“

Sebastian Reinthaller ist ein eloquenter und neugieriger Künstler, der mit charmantem Wiener Akzent erzählt und zwischendurch immer wieder Melodien von Arien ansingt. Inzwischen ist er längst nicht mehr „nur“ Sänger. Er hat als Regisseur gearbeitet und leitet seit 2014 die Bühne Baden. Das niederösterreichische Theater in der Nähe von Wien ist neben der Volksoper das zweite Haus, in dem er sein Leben lang immer wieder gesungen hat. Schon vor längerer Zeit ist er gefragt worden, ob er nicht die Intendanz übernehmen wolle. „Ich habe unvorsichtigerweise gesagt: Vielleicht denke ich darüber nach, wenn ich einmal fünfzig bin. Nach meinem 50. Geburtstag kamen sie tatsächlich wieder“, lacht der Tenor. Die neue Herausforderung reizte ihn und er sagte zu.

„Nun bin ich für 120 Mitarbeiter verantwortlich. Wir haben sieben Neuproduktionen und 170 Abende im Jahr“, sagt er nicht ohne Stolz. Natürlich lässt der Intendant der Bühne Baden es sich nicht nehmen, in den Operetten und Musicals des Hauses selbst auf der Bühne zu stehen. Nur die Spaziergänge mit dem Hund und das Golfspielen kommen im Moment etwas zu kurz. Auch für Gastspiele bleibt immer weniger Zeit, aber nach Berlin fliegt er ausgesprochen gern. „In Wien liegt alles zentral in der Innenstadt, während es in Berlin ganz viele interessante Ecken gibt. Das ist das Schöne hier.“ An der Komischen Oper ist er drei Mal in der „Lustigen Witwe“ eingesprungen.

Auch beim Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt gastiert er nun zum dritten Mal. „Einmal hat es bei der Probe geregnet – und die Stimme war so gut wie noch nie“, erinnert er sich. „Erst war ich überrascht, dann dachte ich: Natürlich, das ist die Feuchtigkeit. Die ständige Befeuchtung der Kehle im Regen hat wunderbar funktioniert. Und am nächsten Tag schien auch wieder die Sonne.“ Sebastian Reinthaller tritt gern und oft open air auf, nicht nur in der Sommerarena seiner Bühne Baden, sondern auch bei den Seefestspielen Mörbisch.

In Berlin steht er diesmal schon bei der „First Night“ auf der Bühne. Seinen großen Auftritt hat er dann beim „Wiener Blut“-Abend. Er singt Taminos Bildnisarie aus der „Zauberflöte“, den Robert-Stolz-Hit „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n“, ein Duett aus dem Musical „Tanz der Vampire“ und dann noch etwas ganz Besonderes: Don Giovannis „Reich mir die Hand, mein Leben“. Er erfüllt damit einen ungewöhnlichen Wunsch seiner Duettpartnerin Eva Lind, denn Don Giovanni ist eigentlich eine Bariton-Partie. „Ich kann ihr das nicht abschlagen, und es singt sich auch sehr angenehm.“ So gibt der vielseitige Tenor an diesem Berliner Abend sein überraschendes Debüt als Bariton.