„Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters“, erklärte Max Reinhardt, der 1905 das Deutsche Theater gründete. Der österreichische Regisseur und Intendant sah in der Bühne einen „Schlupfwinkel der Kindheit“. Dennoch dominieren meist Klassiker und arrivierte Autoren die Spielpläne, bei denen der „Schlupfwinkel“ nur mit viel Fantasie zu entdecken ist. Doch wie fördert man junge Theaterdichter? Das 1995 von Ulrich Khuon gegründete Festival „Autorentheatertage“, das über Hamburg im Jahr 2010 den Weg nach Berlin fand, hat ein einfaches Motto: „Der beste Weg, Autoren zu entdecken und zu fördern ist, sie aufzuführen!“

    In diesem Jahr entschied eine dreiköpfige Jury darüber, welche der 175 eingesandten Dramen inszeniert werden sollten. Das Team um Schauspielerin Wiebke Puls (Münchner Kammerspiele) und Filmregisseur Dietrich Brüggemann (u. a. „Heil“, 2015) komplettiert die Kritikerin Barbara Behrendt, die den Vorsitz übernahm. Viel Zeit für die Sichtung blieb nicht, da im Oktober letzten Jahres die Auswahl stehen musste: „Ab August habe ich im Deutschen Theater regelmäßig Tüten mit Stücken abgeholt und jeden Tag sechs bis acht Texte gelesen“, erinnert sich Behrendt. „Ich wollte auf keinen Fall ,routiniert’ lesen, sondern mich wirklich auf die Dramen einlassen und kurz vor Bekanntgabe der engeren Auswahl Zeit für eine zweite Lektüre haben.“

    Als das Festival noch in den Kinderschuhen steckte, wurden die Gewinner in Form szenischer Lesungen oder kleiner Werkstattproduktionen dem Publikum vorgestellt. Das hat sich geändert: Die drei prämierten Werke werden vom Schauspielhaus Zürich, dem Wiener Burgtheater und natürlich dem Deutschen Theater produziert. Viel Diskussionsbedarf gab es nicht: „Bei den Gewinnerstücken war sich die Jury ziemlich schnell einig.“ Die Voraufführungen sind im Rahmen der Langen Nacht der Autorentheatertage hintereinander zu erleben.

    Der 1979 geborene Schweizer Dominik Busch leuchtet in „Gelübde“ die innere Bestimmung eines Menschen aus. Ein junger Arzt arbeitete vier Monate in einer Krankenstation in Afrika. Auf dem Rückweg nach Europa, zu seiner schwangeren Freundin, gerät die Maschine in Turbulenzen. Der Mediziner fasst einen Entschluss: Sollte er einen möglichen Absturz überleben, will er in das Krankenhaus zurückkehren. In der Tat lässt er schließlich sein gesamtes Leben hinter sich und gerät dabei in Erklärungsnot: Weder Pflichtgefühl noch Weltverbesserungsehrgeiz beschreiben seinen Antrieb. „Das Stück ist der Gegenentwurf zum Lebensgefühl der ‘Wellness-Generation’, die nur ihr individuelles Wohlbefinden im Blick hat“, hebt Behrendt hervor.

    „Über meine Leiche“, das Debüt des 30-jährigen Pfälzers Stefan Hornbach, hat zwei jugendliche Protagonisten: Jana ist selbstbewusst, tough, aber enorm gelangweilt. Sie freundet sich mit dem schüchternen Fritz an, der von seiner Krebserkrankung gezeichnet ist. Er soll der Lebensmüden zeigen, wie man stirbt. Fritz kämpft um jeden Tag, gleitet aber allmählich ins Delirium ab. Hornbach erzählt ohne Rührseligkeit vom viel zu frühen Sterben, das zugleich ein Ankommen im Leben bedeutet.

    Das dritte prämierte Drama stammt von Jakob Nolte, der anhand des Gesprächs zweier Freundinnen die neurotische westliche Gesellschaft demaskiert. So dreht sich der Schlagabtausch um absurde Verschwörungstheorien, die von China und Nahost fantasieren, während die offensichtlichen Probleme vor der eigenen Haustür mit keinem Wort gewürdigt werden.

    Die drei Gewinnerstücke stehen für einen deutlichen Trend beim zeitgenössischen deutschsprachigen Drama: die Reflexion gesellschaftspolitischer Entwicklungen. „Vor wenigen Jahren wurde gerade jungen Dramatikern noch vorgeworfen, nur ihre eigenen Befindlichkeiten zu spiegeln“, erläutert Behrendt. „Heute wollen Autoren vor allem ,relevante’ Stoffe liefern.“ Dennoch ist es in der Regel noch immer so, dass beim Thema Flucht weiterhin über Migranten geschrieben wird. „Unter den Einsendern gab es wenige Autoren mit migrantischem Hintergrund“, bedauert Behrendt. Aber bei der zuletzt rasant verlaufenen Entwicklung in der deutschsprachigen Dramatik kann dies bei den nächsten Autorentheatertagen bereits ganz anders aussehen.

    Neben den prämierten Stücken zeigt das Festival auch eine Auswahl sehenswerter Autorentheaterstücke in elf Gastspielen, darunter „I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)“ von Fritz Kater (Schauspiel Stuttgart) und „An und Aus“ von Roland Schimmelpfennig (Nationaltheater Mannheim).