Der 15. Oktober 2015 ist ein typischer Herbsttag: verregnet, windig, kühl. Benno Ohnesorg hätte dieser Umstand vermutlich kaum gestört. Schließlich wäre er heute 75 Jahre alt geworden. Grund genug, um mit Freunden und Familie ausgiebig zu feiern. Doch soweit kam es nicht. Bereits 1967, mit nur 26 Jahren, starb er – erschossen vom Polizisten Karl-Heinz Kurras auf einer Demonstration gegen den pompös inszenierten und zugleich massiv umstrittenen Besuch des persischen Schahs. Statt zu feiern erinnern Abiturienten des Oberstufenzentrums Lotis nun mit einem Video-Walk an den Studenten, der zum Symbol einer ganzen Bewegung avancierte.

Gleich zu Beginn der Workshop-Präsentation „Spurensuche Benno Ohnesorg“ fällt der starke Altersunterschied zwischen den Anwesenden auf. Auf der einen Seite sitzen die beteiligten Schüler, die sich, unterstützt von der Jungen Deutschen Oper und dem Jugend- und Kulturzentrum Spirale, in gut sechswöchiger Arbeit mit den Künstlern Sonya Schönberger und Norbert Lang dem Thema annäherten. Auf der anderen Seite die Zeitzeugen, denen die bewegenden Jahre ihrer Jugend in Erinnerung gerufen werden.

Es waren gerade diese Menschen, die für den Erfolg des Projekts wichtig waren, denn sie halfen, den zeitlichen Abstand zur Gegenwart der Schüler zu überbrücken. Viele von ihnen können mit Begriffen wie „Studentenbewegung“ und „68er-Revolution“ nichts anfangen. „Wenn ein Unschuldiger von der Polizei umgebracht wird, müsste das bekannt sein. Das war es aber nicht“, gibt der siebzehnjährige Ozan zu Bedenken. Seine gleichaltrige Mitschülerin Kathrin fügt hinzu, dass sie sich anfangs fragte „Wer ist eigentlich dieser Benno Ohnesorg, dass wir ein Video über ihn drehen wollen?“

Berthild Tourrenc, die sich damals auf den Kundgebungen engagierte und heute die Abiturienten während des Projekts begleitete, wundern diese Fragen überhaupt nicht. „Die heutige Jugend interessiert sich nicht für unsere Zeit. Deshalb habe ich versucht, die Geschehnisse um Benno Ohnesorg in einen historischen Kontext zu bringen.“ Tatsächlich stieß der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er-Jahre nicht nur der Besuch des undemokratischen Schahs übel auf. Sie ersehnte Frieden im blutig tobenden Vietnam-Konflikt und wollte endlich das bedrückende Schweigen der von der Nazizeit geprägten Elterngeneration – „Scham, Schande, Angst“ wie es Tourrenc zusammenfasst – brechen. Und die Autorin Jenny Schon fügt ein weiteres Thema hinzu: Der Wunsch der Frauen nach Emanzipation.

Zumindest die letzten Anliegen scheinen heute geradezu selbstverständlich. Doch die Schüler brauchten Zeit, um die Entwicklung nachvollziehen zu können. Sie studierten Dokumente und Bilder. Sie stellten sich die Geräusche auf der Demons-tration vor, um so den Mut, aber auch die Angst der Studenten zu verinnerlichen, und führten ihre Erkenntnisse collagenartig in einem Video zusammen, das die zentralen Proteste vor der Deutschen Oper Berlin aufgriff. Der gut zehnminütige Film, den jeder Interessierte individuell auf einem Tablet sehen konnte, führt vom Eingangsfoyer bis in die Krumme Straße, wo Ohnesorg nach einer Verfolgungsjagd durch die Polizei in einem unauffälligen Hinterhof schließlich erschossen wurde. Die Qualität der Arbeit war so überzeugend, dass sich manche Betrachter wie in einer Zeitkapsel fühlten. Enthusiastisch skandierte eine Dame beim Hinabsteigen in den U-Bahnhof den alten Schlachtruf „Schah, Schah, Scharlatan“.

Dennoch machte sich auch Melancholie breit. „Hat unser damaliges Engagement überhaupt etwas gebracht?“ fragt sich Jenny Schon. Die Antwort liefern die Schüler selbst. Sie fühlen sich nach dem Projekt mündiger. Und sehen nun Probleme, die ihnen vorher nicht bewusst waren. Einhellig sprechen Ozan und Kathrin über die aktuelle Flüchtlingskrise. „Auch wenn die Politiker das nicht sehen, ich werde demonstrieren gehen, um zu zeigen, dass ich da bin“, sagt Ozan. Dieses Engagement hätte Benno Ohnesorg ganz sicher gefallen.