Titel

Deutlich mehr Gewalt an Berliner Schulen

Zahl der Übergriffe um 15 Prozent gestiegen. Es geht auch um Waffenbesitz und Vandalismus

Beleidigungen, Drohungen und Tätlichkeiten gehören an vielen Berliner Schulen zum Alltag. Im Schuljahr 2014/15 haben die Schulen der Bildungsverwaltung insgesamt 2475 Gewaltvorfälle gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr sind das 316 Meldungen mehr – das entspricht einer Steigerung von rund 15 Prozent. Die meisten Vorfälle wurden von den Grundschulen gemeldet.

Dies geht aus der Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Anfrage des Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) hervor. Demnach haben auch die schwereren Gewalttaten zugenommen. So meldeten die Schulen im vergangenen Schuljahr 587 Vorkommnisse von schwerer körperlicher Gewalt und 378 Fälle von Bedrohungen unter Schülern. Damit entfallen 42 Prozent der Meldungen auf den Gefährdungsgrad II, der auch sexuelle Übergriffe, Vandalismus und Waffenbesitz erfasst.

Der SPD-Abgeordnete Langenbrinck forderte angesichts dieser Entwicklung eine wirksame Strategie gegen Gewalt an Schulen. Der Berliner Morgenpost sagte er dazu, es sei ein Alarmsignal, „dass es an unseren Schulen und vor allem in den Grundschulen seit Jahren immer mehr Gewalt und auch mehr schwere körperliche Gewalt gibt“. Das Wegsehen müsse ein Ende haben. Vor allem Mobbing, Beleidigungen und Abzocke kämen im Schulalltag viel zu häufig vor, sagte Langenbrinck. Schüler dürften mit Gewalt gegen Mitschüler oder Lehrer nicht durchkommen, „da darf es keine Toleranz geben“. Der SPD-Politiker forderte klare Grenzen und Regeln, die konsequent durchgesetzt werden müssten. Schüler müssten ohne Angst in die Schule gehen können, sagte er.

Alarmierend ist zudem, dass auch die Übergriffe auf das Schulpersonal zugenommen haben. Laut Statistik der Bildungsverwaltung wurden 2014/15 560 solcher Fälle gemeldet – und zwar vor allem von Grundschulen. Das sind rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Übergriffe dieser Art wurden in den Bezirken Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg sowie Mitte registriert. Allerdings meldeten die Schulen dieser vier Bezirke sowie die von Neukölln auch insgesamt die meisten Gewalttaten im Schuljahr 2014/15.

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagte der Berliner Morgenpost, dass das Meldeverhalten der Schulen von einer wachsenden Sensibilität gegenüber dem Thema Gewalt zeuge. Im vergangenen Schuljahr hätten 450 Schulen – und damit fast jede zweite Bildungseinrichtung – der Verwaltung Gewaltvorfälle angezeigt. Das seien mehr Schulen als in den Jahren zuvor.

Dabei würden 57 Prozent der Vorfälle auf den leichtesten Gefährdungsgrad entfallen (Beleidigung, Drohung, Tätlichkeiten, Mobbing), für den es gar keine Meldepflicht gebe. „Das sind Vorfälle wie Haare ziehen, Rempeleien auf dem Schulhof, Beschimpfungen, die pädagogisch-erzieherisch gelöst werden sollten“, sagte Stoffers. Dass die Schulen diese Vorkommnisse trotzdem melden, zeige, wie ernst sie das Thema Gewalt nehmen. Der SPD-Abgeordnete Langenbrinck verlangte indes, dass es für die Schulen wieder Pflicht werden müsse, auch die leichten Gewaltvorfälle zu melden. „Wir brauchen den Mut für ein realistisches Bild, wie es tatsächlich um unsere Schulen steht“, sagte er. Gegenwärtig sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Laut Bildungsverwaltung kommen 58 Prozent der Meldungen von Grundschulen, 25 Prozent von Integrierten Sekundarschulen und zwölf Prozent von Förderzentren. Am wenigsten Gewaltvorfälle haben Gymnasien (drei Prozent) und Berufsschulen (zwei Prozent) gemeldet.

Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, warnte indes vor Panikmache. Die Gewaltmeldebögen dienten der Verwaltung als Information, seien aber keine repräsentative Erhebung, sagte er der Berliner Morgenpost. Scheithauer, der mit einem Team von Wissenschaftlern verschiedene Gewaltpräventionsprogramme für Schulen entwickelt hat, forderte aber, den Lehrern mehr Zeit für die Umsetzung solcher Präventionsprogramme einzuräumen. Außerdem müssten endlich mehr Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter an die Schulen, sagte er. Diesbezüglich gebe es nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland seit Jahren eine Unterversorgung. Seite 2