Aufgestanden wird gegen sechs. Dass erst um neun gefrühstückt wird, ist unverzeihlich, und dass die Hausfrau bis zu einem dermaßen späten Frühstück gar im Negligé herumläuft, gilt bei ordentlichen Handwerksbürgern als Zeichen der Verruchtheit oder zumindest als unvertretbare Faulheit. Das ist etwas für Adelsdämchen, die ihr Leben im Boudoir verbringen, nichts für bürgerliche Handwerksleute wie unseren Goldschmied und seine Familie, deren Sonntag wir erleben. 1

Man wäscht sich nacheinander an einer Steingutschüssel in der Küche. Die Zähne werden mit einem Läppchen gereinigt, vielleicht unter Mithilfe von ein wenig verbranntem und zerbröseltem Brotteig. Der Wasserkrug ist von der Aufwärterin gefüllt worden. Das Wasser fließt ja nicht wundersamer Weise aus der Wand wie bei uns, sondern muss von einem Hofbrunnen oder noch unbequemer, von einem Pumpbrunnen an der Straße geholt werden, und zwar nicht in Krügen, sondern in Eimern. Das hat die Aufwärterin besorgt. Sie ist keine Magd, die ständig im Haushalt lebt, sondern kommt nur früh morgens zum Feuermachen, Küchenfegen und Wasseraufsetzen.

Diese Verrichtungen finden im Dämmerlicht statt, aus Sparsamkeit zündet man keine Lichter an. Wachskerzen sind elend teuer, und wenn die Talglichter angesteckt werden, fängt es gleich an, zu stinken und zu rußen. Außerdem brennt ja auf der offenen Herdstelle schon das Feuer und gibt ein wenig Licht. Verfeuert wird hauptsächlich Holz und Torf, eher selten Kohle.

Den Kaffee kocht die Hausfrau selbst. Zum Glück gibt es überhaupt wieder echten Kaffee. Napoleon ist gerade erst endgültig niedergerungen worden, die Schlacht bei Waterloo liegt gut drei Monate zurück. Napoleon hatte 1806 in Berlin seine sogenannte „Kontinentalsperre“ verkündet. Er wollte damit zur Schädigung der englischen Wirtschaft die Einfuhr von „Colonialwaren“ über die Häfen des Kontinents unterbinden. Zu diesen Colonialwaren gehörten Kaffee, Tee und Zucker. Die Blockade verteuerte diese Güter, weil sie nicht mehr auf normalem Weg eingeführt werden konnten, sondern geschmuggelt werden mussten. Also behalf man sich in diesen Jahren mit Ersatzprodukten, mit Getreidekaffee zum Beispiel, oder man röstete Kartoffelwürfel als hätte es sich um feinste Bohnen gehandelt. 2

Inzwischen gibt es wieder ordentlichen Kaffee. Die Berliner sind ganz versessen darauf. Lieber wird woanders gespart. Milch hat man auch. Landmägde bringen sie von den Domänen in die Stadt. Sie gehen kurz nach Mitternacht los, um im Morgengrauen in der Stadt zu sein. Manchmal werden auch Hundekarren zum Transport der Milch benutzt. Die Berliner Ärzte sind darüber ziemlich besorgt. Sie fürchten, die Milchhunde vom Land könnten die Tollwut einschleppen.

Zucker steht ebenfalls zur Verfügung, aber nur wenig. Er ist immer noch teuer, vor allem der Rohrzucker. Der Zucker aus Runkelrüben ist etwas preisgünstiger. Die Zuckerhüte werden auch in besseren Haushalten vor den naschhaften Mägden eingeschlossen. Zuckerzangen sind gern aus Silber, weil das zur Kostbarkeit des Gutes passt. Die silberne Zuckerzange ist eines der Renommierstücke im Handwerkerhaushalt. Wenn Gäste kommen, wird sie neben die Zuckerdose auf einen Untersetzteller gelegt. Ist und isst man unter sich, bleibt die Zange im Schrank.

Trotz Zuckerzange kann man es sich in Zeiten, in denen besonders gespart werden muss, nicht leisten, fein gemahlenen Zucker löffelweise im Kaffee zu verrühren. Man zerschlägt größere (und auch gröbere) Zuckerblöcke mit einem kleinen Hammer und nimmt bei jedem Schluck ein kleines Stückchen in den Mund. Je weißer der Zucker ist, desto feiner und teurer. Wie beim Brot. Aus Roggen wird dunkles, aus Weizen helles Brot gebacken. Zum Sonntagsfrühstück gibt es Weizenbrötchen, je heller, desto vornehmer. Manchmal gibt es auch bloß einen Brei oder Biersuppe mit eingebrocktem Brot. Das ist die sogenannte „Sonntagssuppe“, die in den besseren Haushalten das Gesinde vorgesetzt bekommt, und die auch Handwerkerfamilien zu sich nehmen, wenn die Geschäfte gerade zu schlecht gehen für Brötchen aus Weizenmehl. Ob die Berliner 1815 ihre Brötchen schon „Schrippen“ nannten, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Dreißig Jahre später jedenfalls ist der Ausdruck geläufig, das wissen wir von den Brüdern Grimm, die ja nicht nur Märchen, sondern auch Wörter gesammelt haben.

Um neun Uhr geht es in die Kirche zum evangelischen Gottesdienst. Alle ziehen Sonntagskleider an. Man will zeigen, wer man ist, selbst wenn man nicht genug hat. Manche der gut gewandeten und frisierten Damen sparen sich die Toilette - oder das ‘Outfit’, wie wir heute sagen würden - buchstäblich vom Munde ab. Dann gibts abends zum Butterbrot höchsten eine Scheibe Schinken, gewissermaßen eher zur Zierde als zum Verzehr.

Die Frauen tragen Hauben und lange Kleider mit Puffärmeln, die von Jahr zu Jahr weiter werden. 3 Die koketten Schirmchen lässt man in der Kirche weg - anstandshalber, oder aus Angst vor einer Strafpredigt. Die Herren tragen lange Hosen, die vor ein paar Jahren modern geworden sind, seit sich der preußische König mit ihnen gezeigt hat. Dazu gehören Westen und Gehröcke. Wer lässig wirken will, führt ein Spazierstöckchen mit sich, aber eher nachmittags bei der Promenade, nicht beim Kirchgang.

In der Kirche ist neben dem Sehen und Gesehenwerden die Predigt wichtig. Ihre Erbaulichkeit sorgt für das richtige Sonntagsgefühl. Meistens spielt jemand die Orgel, und manchmal verschönern Mitglieder der Berliner Singakademie den Gottesdienst. Ein eigenes Haus für Aufführungen hatte sie 1815 noch nicht. Natürlich singen nur Männer. Dass bürgerliche Frauen zum Singen liefen, womöglich noch ohne Begleitung, war undenkbar. So etwas konnte man nur Opernsängerinnen zutrauen. Die waren zwar berühmt für ihre Stimme, aber auch berüchtigt für ihren Lebenswandel.

In der Kirche jedenfalls ist der sonntägliche Gottesdienst zugleich Kunstgenuss. Er erinnert daran, dass der Mensch, auch wenn er viel arbeiten muss, um keinen Hunger zu leiden, nicht nur vom Brot allein lebt.

Nach dem Gottesdienst marschiert die Familie wieder nach Hause. Das Mittagessen muss zubereitet werden. Das geschieht ohne Aufwartefrau. Wenn Töchter da sind, müssen sie mithelfen, nicht jedoch die Söhne. Der Lehrjunge allerdings, der übrigens kein Lehrgeld bekommt, sondern Lehrgeld bezahlt, wie ja schon das Sprichwort sagt, der Lehrjunge also, der im Haushalt mitlebt und seine Schlafstelle in einem Verschlag unter der Treppe hat, muss sich jetzt, da die Aufwartefrau gegangen ist, um das Wasser und ums Holz kümmern. Aber nur, wenn keine dringenden Aufträge beim Handwerksmeister anstehen. Denn in diesem Fall wird auch Sonntags gearbeitet, dann fällt der Sonntagsbraten aus, und statt Bratenduft ziehen die Dämpfe des über einem Kohlebecken geschmolzenen Metalls durch die Wohnung.

Wenn die Haushaltskasse es verkraftet, kommt ein Fleischgericht mit Kartoffeln auf den Tisch. 4 Sind die Zeiten schlecht, gibt es ein Kartoffelgericht ohne Fleisch. Vielleicht gibt es auch ein bißchen Gemüse und zum Nachtisch eingemachte Kirschen oder Kompott. Frische Früchte sind in Berlin schwer zu bekommen und sehr teuer. Erdbeeren zum Beispiel sind dermaßen kostbar, dass zum Transport jede einzelne in Seidenpapier gewickelt wird. Das ist nichts für Berliner Handwerker. Außerdem ist im September die heimische Erdbeerzeit ohnehin vorbei. Nur in den Potsdamer Gewächshäusern soll noch die eine oder andere am Strauch hängen. Die kriegt dann der König auf dem silbernen Tablett serviert.

Das Essen wird in Schüsseln aufgetragen. An der königlichen Tafel nicht anders als im Handwerkerhaushalt. Jeder nimmt sich seine Portion auf den Teller, beginnend beim Hausherrn und Meister, gefolgt von der Hausfrau und den Kindern, endend beim Lehrjungen. Dazu gibt es Brot. Es liegt aber nicht geschnitten im Korb, damit jeder zugreifen kann. Wer seine Schnitte gegessen hat und noch eine will, muss ausdrücklich darum bitten.

Getrunken wird Dünnbier. Das Wasser aus den Straßenbrunnen unabgekocht zu trinken ist nicht ratsam. Es sieht gelblich aus und schmeckt nach Moor. Dass der „Gesundbrunnen“ ausdrücklich so heißt, hat seine Gründe. Übrigens gehörte der Gesundbrunnen damals, ebenso wie der gesamte Wedding, noch nicht zur Stadt Berlin.

Nachmittags macht die Familie gerne Ausflüge zu den Wäldchen am Stadtrand, etwa nach Treptow, oder zu den sogenannten „Zelten“ im Tiergarten. Dort sind Holzbuden aufgestellt: Bierschenken und Limonadenstände. Und es gibt Platzkonzert. Der Lärm ist gewaltig. Außerdem sollte man hübsch fein auf seine Taschenuhr aufpassen, falls man eine hat, damit sie einem nicht aus der Westentasche geangelt wird. Der Galgen am Weddinger Gartenplatz, an dem ertappte Diebe aufgehängt werden, ist offenbar nicht abschreckend genug.

Vornehmer als in den „Zelten“ geht es beim Promenieren Unter den Linden zu. Was nicht heißt, dass es dort keine Taschendiebe gibt. Richtig wohl fühlt man sich als ehrbare Handwerkerfamilie auf der Prachtstraße aber nicht. Zu viele Stutzer sind dort unterwegs und zu viele vornehme Dämchen, vor allem zu viele, die zwar vornehm tun, aber eigentlich Dirnen sind. Manche von ihnen reiten ganz frech herum, ohne Damensattel! 5

In all dem Trubel läuft man rauf und runter, immer in Gefahr, von einer Adelskutsche oder von einem Herrenreiter über den Haufen geworfen zu werden. Man gafft sich müde und kommt ganz erschlagen nach Hause. Lieber ein Bummel in die Hasenheide. Man muss ja nicht gleich mitmachen bei den komischen Verrenkungen auf dem Turnplatz, den Turnvater Jahn erst vor vier Jahren hier angelegt hat.

Man könnte es sich auch zuhause gemütlich machen, mit Nachmittagskaffee und Zuckerbrot. Der Lehrling wird fortgeschickt. Er soll sich ruhig ein wenig herumtreiben. Dass er nur die Sonntagsschule von vier bis sechs nicht schwänzt. Die Zuckerbrötchen haben gestoßene Mandeln, Zitronenschalen und Zucker im Teig. Sie werden richtig ausgebacken, getrocknet und dann mit dem Messerrücken in kleine Stückchen geschlagen. Aber die Schälchen, in denen sie zum Kaffee serviert werden, bleiben meistens leer. Es fehlt das Geld für die Zutaten. Das Leben ist eben kein Zuckerschlecken.

Wenn man sich am Spätnachmittag fertigmacht, um ins Theater zu gehen, was alle Jahre auch einmal vorkommt, aber wirklich nur einmal, ist die Familie ganz aufgeregt. Der Besuch gilt einem gastierenden Marionettentheater, nicht dem Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit seinen zweitausend Plätzen und den wichtigen Leuten in den Logen, die auf die Menge im Parkett hinuntersehen - oder sogar hinunterspucken, wie manche behaupten.

Die normalen Sonntagabende verbringt man zuhause. Abendessen gibt es um acht: Schwarzbrotstullen mit etwas Butter und Salz, oder Pellkartoffeln mit Butter, Sonntags dazu ein, zwei Schinkenscheiben und für den Meister ein Glas Wein. Wenn er gut gelaunt ist, kriegt auch der Lehrjunge eines - ein halbes.

Öfter wird nach dem Abendessen vorgelesen. Von der Hausfrau, aber auch vom Meister selbst. Wenn die Frau liest oder eine der Töchter, die man ein wenig bilden will, um sie etwas besser zu verheiraten, wenn also das „schöne Geschlecht“ liest, hat der Meister die Hände frei, um eine Pfeife zu stopfen. Der Tabak ist nicht der Spaniol, den der Alte Fritz einst so gern geschnupft hat, ein mit Ockererde gelb gefärbter Havannatabak. Der Handwerksmeister raucht Tabak aus dem Oderbruch oder bestenfalls Kanaster, eine billige portugiesische Importware. Der Name leitet sich vermutlich von den Flechtkörben (canastra) ab, in denen die gerollten Blätter transportiert wurden.

Die Stube dampft, und weil auch die dicke Talgkerze rußt, die man zum Vorlesen neben das Buch gestellt hat, ist es bald nicht mehr auszuhalten. Mit dem nächsten Ersparten wäre eine Öllampe anzuschaffen, nahezu geruchslos und mit höhenverstellbarem Docht.

Wenigstens qualmt das Feuer nicht mehr, es ist schon ausgegangen. Mit dem Lüften wird lange gezögert, besonders wenn es draußen schon kühl ist an den Septemberabenden. Noch einmal anzuheizen kommt nicht in Frage. Es ist ohnehin Zeit, ins Bett zu gehen. Der Lehrling wird zum Schuheputzen auf die Treppe geschickt, bevor er sich in seinen Verschlag zurück ziehen darf. Die Eheleute begeben sich in die Schlafkammer, die nicht viel größer ist als das zweischläfrige Bett, das darin steht, und das, außer der Zuckerzange, der kostbarste Besitz des Haushaltes ist. Morgen ist wieder ein anstrengender Tag. Um fünf werden die Werkzeuge in die Hand genommen, gefrühstückt wird am Arbeitsplatz. *


Dieser Text „Ein Sonntag im September 1815“ ist kein Buchauszug, sondern wurde von Bruno Preisendörfer extra für diese Zeitung geschrieben. Er verfasste über besagte Zeit aber auch ein Buch:
„Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit“, Verlag Galiani Berlin, 528 Seiten, 24,99 Euro.