Anfang November, Chausseestraße, Berlin-Mitte. Letzte Kneipenbummler schleichen in der schon empfindlich kühlen Nacht Richtung Haltestelle. Selbst hier im Zentrum der pulsierenden Stadt ist es erstaunlich still zwischen den großen Häusern. Plötzlich dringen trötende Geräusche von oben durch die Häuserschluchten, immer und immer wieder.
Irritiert blicken die Trinker in den dunklen Himmel und fragen sich, ob sie nicht doch lieber den letzten Cocktail ausgelassen hätten. Ein junges Paar an der Nachtbushaltestelle. Sie ruft aufgeregt: „Kraniche!“, und zeigt nach oben. Nun starren alle angestrengt in die Dunkelheit. Natürlich können sie nichts sehen, aber die Rufe vom Himmel sind minutenlang immer wieder zu hören. Die Nachtschwärmer wirken für einen kurzen Moment ergriffen von der unerwarteten Konfrontation mit der Natur, hier, in ihrer selbst gewählten künstlichen Umgebung. Eine Ahnung von der echten Welt da draußen, jenseits der Großraumbüros und Lounges. Eine Stimmung zwischen Melancholie und Sehnsucht wird greifbar. Sie ziehen wieder in den Süden, und uns lassen sie hier zurück.
Es ist endgültig unabweisbar: Der Berliner Winter steht vor der Tür.
Die Kranich lassen ihre Rückreise Nach Süden langsam angehen
Jedes Jahr im Herbst ab Mitte September sammeln die Kraniche sich in atemberaubender Zahl im nordwestlichen Brandenburg zu ihrer großen Herbstrast auf dem langen Weg von Skandinavien, wo sie den Sommer verbracht und ihre Jungen aufgezogen haben, zu ihren Überwinterungsplätzen im Süden. Auch auf dem Hinflug im Frühjahr passieren sie die Region, aber dann haben sie keine Augen für ihre Vorzüge, dann haben sie nur die anstehende Fortpflanzung im Kopf, und wer zuerst in den Brutgebieten eintrifft, hat die besten Aussichten auf Erfolg. Im Herbst aber haben sie Zeit. Fast scheint es, als gönnten sie sich ein wenig Urlaub.
Besonders das Rhinluch, die Moor- und Seenregion um das 700-Seelen-Dorf Linum, hat es ihnen angetan. Sie ist einer der bedeutendsten Rast- und Sammelplätze für die als „Glücksvögel“ von Alters her verehrten Tiere. Die Linumer Fischteiche bieten ihnen perfektes Quartier, um die Nächte entspannt zu verbringen. Tagsüber fliegen sie auf die Felder der Umgebung und lassen sich die Reste der Maisernte schmecken. Ein echtes Vogel-Event, gefiederter Massentourismus. Im Herbst 2014 kamen 120.000 Tiere hierher. Die Kranichrast in Brandenburg ist eines der spektakulärsten Naturschauspiele in Europa.
Der Kranich ist der einzige Vertreter seiner Verwandtschaftsgruppe bei uns. Er ist eine majestätische Erscheinung mit seiner Körpergröße von bis zu 1,30 und einer Flügelspannweite von fast 2,5 Metern. Der lange Hals und die ebenso langen Beine wirken elegant, ebenso das edel aussehende, grau-weiße Gefieder mit dem schwarz und weiß gezeichneten Kopf und den schwarzen Flügelenden. Die Tiere leben in einem riesigen Verbreitungsgebiet, von Skandinavien bis nach Nordafrika, von der Weser bis an die Pazifikküste Sibiriens.
Den Sommer verbringt der größte Teil der europäischen Population in den Ländern rund um die Ostsee. Auch in Nordostdeutschland nisten einige tausend Tiere, aber im Sommer sieht man sie selten, da sie dann recht heimlich und vorsichtig sind.
Im Herbst aber fällt die Last des mühsamen Brut- und Aufzuchtgeschäfts von ihnen ab, und bevor sie sich aufmachen, den Winter mehrheitlich im sonnigen Spanien, etwa in der Extremadura, zu verbringen, kommen sie noch einmal aus aller Herren Nordländer zu Zehntausenden zu einer großen Sause zusammen, bei der sie Kraft schöpfen und sich stärken für den großen Zug in den Süden.
Immer mehr Berliner kommen, Um das Spektakel zu sehen
Seit Jahren werden im Rhinluch wachsende Zahlen der gefiederten Herbsttouristen registriert. Das zeugt einerseits vom Erfolg der europaweiten Schutzbemühungen. Tatsächlich – man ist es ja gar nicht gewöhnt, so etwas zu sagen – gilt der Bestand der Schreitvögel als gesund und gesichert.
Zum anderen aber scheint es ihnen in Brandenburg einfach gut zu gefallen.
„Wenn man etwas hat, wo man sich wohlfühlt, kommt man schließlich immer wieder. Hier finden die Kraniche ein tolles Schlafgebiet und im Umland genügend abgeerntete Maisfelder“, sagt Marion Szindlowski vom NABU-Naturschutzzentrum „Storchenschmiede Linum“, sozusagen das Epizentrum des Kranichtourismus, sowohl für die Vögel als auch ihre Bewunderer.
Dass nämlich das Zusammentreffen von urwüchsiger Natur und menschlicher Siedlung so reibungslos funktioniert, ist auch der Verdienst zahlreicher Helfer und Institutionen, die sich in einem gut organisierten Netzwerk um alle Aspekte rund um den Kranichzug kümmern. Oberster Kranichmanager im Rhinluch ist Ekkehard Hinke, der alle Aktivitäten rund um die Zugvögel koordiniert. Denn die werden wissenschaftlich überwacht und gezählt. Außerdem sind sie eben längst nicht die einzigen Herbstgäste – in ihrem Gefolge strömen mehr und mehr Menschen hierher.
Nur eine Dreiviertelstunde mit dem Auto trennt den Bewohner von Berlin-Mitte von diesem Tier-Spektakel, und inzwischen kommen fast ebenso viele Menschen wie Kraniche in der Saison her.
Die „Storchenschmiede“ dient dabei als Anlaufstelle für Tausende Gäste dient. Von hier werden geführte Wanderungen angeboten, um den Tieren näher zu kommen, ohne sie zu stören.
Gerade ist die Saison losgegangen. Noch fehlen Zahlen, aber die ersten paar tausend Tiere sind schon eingetroffen. Der Peak wird Mitte Oktober erwartet, einen Monat später werden die letzten Herbstgäste endgültig gen Süden aufgebrochen sein.
Mit den Kranichen werden auch mehr und mehr Besucher anreisen, um das Spektakel zu bestaunen. Wer an den geführten Touren der Naturschützer vor Ort teilnehmen möchte, muss sich unbedingt vorher telefonisch anmelden. Man kann wählen von Ganztagestouren, bei denen man auch Wildgänse und Großtrappen zu Gesicht bekommen kann, bis zu den abendlichen oder frühmorgendlichen Spaziergängen, wenn die Kraniche in großer Zahl an ihren Schlafplätzen eintreffen bzw. von dort aufbrechen. Man kann sie aber auch auf den Feldern der weiteren Umgebung einfach so sehen.
Aber Obacht: Rücksichtnahme auf Mensch und Tier ist zwingend erforderlich. Besucher dürfen nur die ausgewiesenen Parkplätze nutzen. Es gibt genug, aus welcher Richtung man auch anreist, und von überall sind es nur wenige Gehminuten bis zu den Beobachtungsplätzen. Zugeparkte Einfahrten und Straßen von Tagesgästen zehren an den Nerven der Einheimischen, die es zur Überraschung manches Berliners durchaus gibt.
Und auch der eifrigste Vogelbeobachter sollte seine Begeisterung so sehr mäßigen, dass er die Objekte seiner Begierde nicht verschreckt. Die Kraniche reagieren gelassen auf den Massenauflauf, schätzen aber keinen allzu intensiven Kontakt zu ihren Fans. Nähert man sich ihnen näher als etwa 300 Meter, fliegen sie auf. Dementsprechend soll man ihnen auch nicht auf Privat- und Wirtschaftswegen nachstellen oder sich zu Fuß zu sehr annähern.
Trotz der Vogel- und Menschenmassen, die hier jährlich zusammentreffen, läuft bislang alles erstaunlich harmonisch und zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Wann kann man so etwas schon mal guten Gewissens sagen? Dass dem so ist, liegt sicher auch am Enthusiasmus und der Begeisterungsfähigkeit der Naturschützer vor Ort. „Warten Sie, ich halte mal kurz das Telefon aus dem Fenster“, sagt Marion Szindlowski zum Ende des Gesprächs, „dann können Sie die Kraniche rufen hören.“ Leise trompetet es im Hintergrund. Wie letztes Jahr nachts auf der Friedrichstraße. Der Winter, er wird kommen. Aber noch bleiben uns ein paar Wochen Frist.
Ansprechpartner vor Ort:
storchenschmiede@nabu-berlin.de

