Martin Winterkorn hat die Konsequenzen aus dem Abgas-Skandal bei Volkswagen gezogen und am Mittwoch seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender des Autobauers erklärt. Das teilte das Präsidium des VW-Aufsichtsrats am Mittwoch um 17 Uhr nach einer Krisensitzung mit. Winterkorn hatte den Konzern seit Anfang 2007 geleitet. Eigentlich wollte der Aufsichtsrat seinen Vertrag am nächsten Freitag bis Ende 2018 verlängern. Wer Winterkorns Nachfolger wird, bleibt bis mindestens Freitag Spekulation. In einer schriftlichen Erklärung von Winterkorn heißt es, dass er als Vorstandsvorsitzender die Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten übernehme und daher den Aufsichtsrat gebeten habe, ihn von seiner Funktion als Vorstandschef zu entbinden.

Winterkorn: „Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin.“ Gleichwohl sei er bestürzt und fassungslos über die Verfehlungen des Konzerns. „Volkswagen braucht einen Neuanfang – auch personell. Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei. Mein Antrieb war es immer, dem Unternehmen, vor allem unseren Kunden und Mitarbeitern, zu dienen. Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“

Berthold Huber, Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats, sagte, dass Winterkorn keine Kenntnis von den Manipulationen gehabt habe. Huber betonte, dass sich der Manager „unschätzbare Verdienste“ um Volkswagen erworben habe. Winterkorns Einstellung sei beispielhaft.

Unbeantwortet blieb die Frage, wer Nachfolger Winterkorns an der Vorstandsspitze des VW-Konzerns werden soll. Nach Auskunft des Aufsichtsratspräsidiums sollen Vorschläge bis zur Sitzung des Aufsichtsrats am morgigen Freitag vorliegen. Als mögliche Nachfolger gelten Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, der eigentlich an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln soll, Porsche-Chef Matthias Müller, Audi-Chef Rupert Stadler und der neue Vorstandschef der Marke Volkswagen, Herbert Diess.

Das Aufsichtsratspräsidium kündigte an, dass mit weiteren personellen Konsequenzen im Konzern zu rechnen sei. „Die konzerninternen Untersuchungen laufen derzeit auf Hochtouren. Alle Beteiligten an diesen Vorgängen, die einen unermesslichen Schaden für Volkswagen angerichtet haben, werden mit aller Konsequenz belangt“, heißt es in der Erklärung des Aufsichtsratspräsidiums. Deshalb werde Volkswagen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig stellen. „Es steht nach Ansicht des Präsidiums fest, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, die auch strafrechtlich relevant sein können.“ Ein Sonderausschuss bei Volkswagen solle nun die interne Aufklärung des Skandals künftig leiten. Das Aufsichtsratspräsidium betonte zugleich, dass Volkswagen nun vor einer langwierigen Bewältigung der Vertrauenskrise stehe. „Volkswagen ist ein großartiges Unternehmen, das auf der Leistung von hunderttausenden Menschen beruht. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, dass dieses Unternehmen in jeder Hinsicht wieder das Vertrauen seiner Kunden zurückgewinnt.“

Bei internen Untersuchungen wurden bei bis zu elf Millionen Fahrzeugen Unstimmigkeiten in den Messwerten festgestellt. Allein für die Rückrufe und weitere Schritte, um Vertrauen in die VW-Technik zurückzugewinnen, legt der Konzern im dritten Quartal rund 6,5 Milliarden Euro zurück und kappt seine Gewinnziele.

Die Aktie verlor massiv an Wert. Seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals büßte Volkswagen bis zu 30 Milliarden Euro seines Börsenwerts ein. Die Analysten der Deutschen Bank bezeichneten die VW-Krise als „Alptraum für Investoren“ – und stuften die Aktie herab. Die Experten der französischen Bank Societe Generale gehen unterdessen davon aus, dass die Unsicherheit länger anhalten und der gesamte Automobilsektor für eine Weile als „totes Kapital“ gilt. Wirtschaftsverbände fordern eine rasche Aufklärung, weil sie sich um das Ansehen der deutschen Industrie sorgen.

Begonnen hat der Skandal in den USA: Die US-Umweltschutzbehörde EPA hat VW nachgewiesen, bei zahlreichen Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. Dort geht es um fast eine halbe Million Autos. Volkswagen droht deshalb eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar.Seiten 2, 3 und 4