Röszke/Berlin

Wasserwerfer gegen Flüchtlinge

Lage an der ungarischen Grenze eskaliert. Asylbewerberzahl in Berlin hat sich seit Juni verdoppelt

Röszke/Berlin. Nach der Abriegelung der ungarischen Grenze zu Serbien haben aufgebrachte Flüchtlinge die Absperrungen am Grenzübergang Röszke angegriffen. Mehrere Hundert junge Männer warfen am Mittwoch Steine und Flaschen gegen die ungarischen Polizisten und durchbrachen die Sperrgitter. Die ungarischen Sicherheitskräfte drängten die Menge mit Wasserwerfern und Tränengas zurück. Die Polizei nahm 29 Menschen fest. Das Gros der Flüchtlinge zog indes von der ungarisch-serbischen Grenze ab und versuchte, über Kroatien in den Westen Europas zu gelangen.

Nach Angaben des ungarischen Regierungsberaters György Bakondi wurden mindestens 20 Polizisten verletzt. Auch unter den Flüchtlingen gab es nach Medienberichten Verletzte. Ein Vertreter von Amnesty International sah vor Ort drei verletzte Kinder. Der ungarische Regierungssprecher Zoltán Kovács erklärte mit dramatischem Unterton: „Bewaffnete illegale Migranten haben die ungarische Grenze angegriffen und die Sperre durchbrochen.“ Seitdem würden ungarische Polizisten die ungarische Grenze „mit ihren Körpern“ schützen. Der ungarische Innenminister Sándor Pintér verfügte die Schließung der beiden Grenzübergänge bei Röszke für 30 Tage. Die Ausschreitungen ereigneten sich beim Grenzübergang an der alten Landstraße, die von Serbien nach Ungarn führt. Am Mittwochabend hatte sich die Lage wieder beruhigt. Die Flüchtlinge wurden auf Initiative der serbischen Behörden in Bussen abgeholt und in die grenznahe serbische Stadt Kanjiza gebracht, wie Augenzeugen berichteten.

Nach der Sperrung der ungarischen Grenze weichen viele Flüchtlinge zunehmend nach Kroatien aus. Die dortige Regierung verbreitete Zuversicht. Alles sei unter Kontrolle, versicherte Regierungschef Zoran Milanovic. Er stellte sein Land als großzügig dar – und kündigt an, alle Flüchtlinge könnten sein Land ungehindert passieren.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer unterstützt Asylbewerber. Die IHK will ihr Wohnheim an der Reichsstraße (Westend) vorzugsweise an einen Betreiber von Flüchtlingsunterkünften verkaufen. Bis dahin sollen frei werdende Appartements an Flüchtlinge vergeben werden. Das hat die IHK-Vollversammlung am Mittwoch beschlossen. Auf dem Gelände der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) am Berliner Flughafen Schönefeld plant der Bund offenbar, ein Verteilzentrum für Flüchtlinge einzurichten. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erklärte, dies sei auf der Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzlerin Merkel am Dienstag zur Sprache gekommen. Der Vorschlag müsse aber noch konkretisiert werden. Die nächste Luftfahrtausstellung im Juni 2016 ist möglicherweise gefährdet.

Müller betonte am Mittwoch, der Senat wolle „so weit wie möglich“ verhindern, Flüchtlinge in Turnhallen unterzubringen. Das gelte vor allem für Hallen, die für Schulsport genutzt werden. Er könne das aber nicht auf Dauer zusagen. Laut Sozialverwaltung wurden in diesem Jahr in Berlin bereits mehr als 23.000 Flüchtlinge registriert. Damit hat sich die Zahl seit Ende Juni verdoppelt, als 11.500 Flüchtlinge aus dem laufenden Jahr erfasst waren. Nach der Prognose des Bundes könnten in Berlin bis Jahresende 40.000 Asylbewerber ankommen. In der Hauptstadt gibt es laut Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) inzwischen 74 Not- und Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber. Seiten 2, 3 und 4