Bühnen

Treffpunkt der Chansonszene

Der Kleinkunstbühne Corbo und dem dortigen Chansonfest drohen das Aus

Das Treptower Chansonfest feiert in diesem Oktober sein 20. Jubiläum. In den letzten beiden Jahrzehnten gastierten hier u. a. Gisela May, Tim Fischer, Georgette Dee, Barbara Thalheim. Junge Künstler wie die Hamburgerin Mia Blüht und die Norwegerin Andrea Rydin gestalten in diesem Jahr an drei Tagen das Programm. Eine begleitende Fotoausstellung illustriert die Geschichte des Festivals, das seit fünf Jahren im Treptower Corbo eine Heimat erhalten hat.

Die Stimmung bei den Macherinnen hat sich in den vergangenen Wochen jedoch eingetrübt. Lisa Zenner und Yvonne Fendel, die seit 2012 das Chansonfest organisieren, schauen in eine ungewisse Zukunft. Ihre Kleinkunstbühne Corbo steht vor dem Aus. Der Vermieter aus Hamburg hat den Betreiberinnen gekündigt. Das Corbo soll einem Restaurant weichen.

Zenner und Fendel haben lange und mit großen Engagement um ihre Bühne gekämpft. Als Teil der Freien Szene, der im Berliner Kulturbetrieb oft ohne staatliche Subventionen auskommen muss, haben sie über die Jahre viele - vor allem finanzielle - Engpässe gemeistert. Das prestigeträchtige Chansonfest stemmen sie seit Jahren aus eigener Kraft und haben sich in der Vergangenheit stets flexibel gezeigt: Beispielsweise kamen sie dem Wunsch des Vermieters, in den Räumlichkeiten ein Café zu betreiben, entgegen. 2010 eröffneten sie ihre Kleinkunstbühne samt Cafébetrieb. „Das hat aber überhaupt nicht funktioniert“, resümiert Zenner. Das liege nicht am Konzept, sondern an den örtlichen Gegebenheiten: „Es gibt im Kiez am Treptower Mauerweg einfach nicht genügend Laufpublikum für einen gastronomischen Betrieb“, sagt Zenner.

So entschieden die beiden nach sechs Monaten, sich ausschließlich auf ihre Kleinkunstbühne zu konzentrieren. Und das mit großem Erfolg. Das Corbo hat sich in den vergangenen Jahren zum zentralen Treffpunkt der Chansonszene entwickelt. Selbst in Frankreich kennt man die kleine Bühne in Treptow: Reiseführer empfehlen das Corbo inzwischen als eines der spannendsten Häuser Berlins. Denn hier spielen Musiker, die man sonst selten sieht.

„Chanson wird von Veranstaltern oft als Schlagwort benutzt“, erklärt Zenner. Viele Künstler interpretieren Klassiker von Jacques Brel bis Hildegard Knef.“ Das ist schön und gut. Aber neue Gesichter? Junge, experimentierfreudige Liedermacher, die dem Chanson in die Moderne verhelfen, haben kaum Auftrittsmöglichkeiten. Anders im Corbo, dort treten vor allem Neuentdeckungen auf.

„So wie es jetzt aussieht“, sagt Lisa Zenner, „ist im nächsten April endgültig Schluss.“ Bis dahin sind über 70 Auftritte geplant. Das Chansonfest wird auf jeden Fall stattfinden. Und das womöglich zum letzten Mal.

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